Zadie Smith, Swing Time

Dieses Bild zeigt das Buchcover von "Swing time" von Zadie Smith.

Darf man „Swing Time“, den 5. Roman von Zadie Smith besprechen, ohne „White Teeth“, ihr fulminantes Debüt, mit dem sie im Alter von nur 24 Jahren schlagartig berühmt wurde, gelesen zu haben? Irgendwann geht es jeder Leserin so, dass sie eine DER Autorinnen aus unerklärlichen Gründen noch nicht gelesen hat. Entsprechend klein komme ich mir vor, wenn ich auf den Berg von großartigen Kritiken über noch großartigere Bücher von Zadie Smith blicke. Aber besser spät, als nie, also:

In „Swing Time“ geht es um die beiden Freundinnen Tracey und die namenlose Ich-Erzählerin, die sich in der Tanzklasse von Mrs Isabel wie magnetisch voneinander angezogen fühlen. Dafür reicht ein einziger Grund: Sie teilen dieselbe Hautfarbe und damit die gleiche Wahrnehmung der Welt. Im London der 80er Jahre aufwachsend und aus ärmeren Verhältnissen stammend, gehören sie von Beginn an nie ganz dazu. Die Perspektive der kleinen, schwarzen Mädchen, die immer die Sicht der anderen, weißen vorauszuahnen versuchen, wird für die Leserin unmittelbar nachvollziehbar. Unter der Oberfläche brodeln die Vorurteile, die unseren beiden Freundinnen entgegengebracht werden, wodurch das Leben in zwei Welten und zwei unterschiedlichen Klassen miterlebt werden kann. Die Worte der Eltern der jeweils ärmeren, schwarzen und wohlhabenderen, weißen Mädchen illustrieren diese zwei Welten, indem sie ihren Kindern „Go and make yourself useful“ oder „Go and have an adventure“ hinterherrufen.

Ähnlich wie in Elena Ferrantes „genialer Freundin“ geht es in der ungleichen Freundschaft zwischen Tracey und der Ich-Erzählerin aber auch um Eifersucht und Macht. Beide träumen von einer Karriere als Tänzerin, aber nur Tracey besitzt das nötige Talent. Während letztere schon früh an einer Tanzschule aufgenommen wird, schlägt die Ich-Erzählerin den konventionelleren Weg von Schule und Studium ein. Einerseits ist sie fasziniert von den weiblichen Formen Traceys, die ihr selbst fehlen. Andererseits beobachtet sie, was diese Formen bei ihrer Freundin bewirken und wie sie sie als Tauschmittel bei Männern einsetzt: „He gives her class, she gives him sex.

Je älter die beiden werden, desto stärker treten die Unterschiede zwischen ihnen zutage. Während Tracey dem kommerziellen Glamour des Tanzens erliegt, setzt sich die Ich-Erzählerin verstärkt mit der Herkunft und Geschichte des Tanzes auseinander. Dennoch beginnt letztere sich mit dem drohenden Auseinanderbrechen der Freundschaft zunehmend hilflos und verlassen zu fühlen, ein Gefühl, das sie bis zum Ende des Romans nicht loslässt und ihren Charakter entscheidend prägt.

„That autumn, in my first term at my new school, I found out what I was without my friend: a body without a distinct outline.“

Tracey bleibt die innere Bezugsperson der Ich-Erzählerin, die Person, ohne die sie sich selbst nicht denken kann. Die Freundschaft befähigt sie, die Umrisse des eigenen Ichs zu erkennen und ihre eigene Identität auszuformen. Ohne Tracey glaubt sie eine namenlose Schwarze ohne Stimme zu bleiben.

Aimee, ein internationaler Popstar, deren Assistentin die Ich-Erzählerin wird, löst Tracey nur oberflächlich als Bezugsperson ab. Denn sie bleibt immer präsent: In plötzlichen Gedankenabschweifungen, auf Wahrsagerinnen-Websites, als Tänzerin in kleinen Theatern, in E-Mail-Hasstiraden auf ihre Mutter. Auffallend daran ist, wie viele starke Frauenfiguren das Leben unserer Ich-Erzählerin bestimmen: Tracey, die eigene Mutter, Aimee. Die einzige Männerfigur, ihren Vater, belastet Tracey durch unglaubliche Anschuldigungen und zerstört das Vater-Tochter-Verhältnis so nachhaltig.

Der Tanz als starkes Verbindungsglied zwischen den beiden Freundinnen dient im Roman auch als wichtiges Konzept für das Aufzeigen von Klassen- und Kulturunterschieden. Einerseits sind Tänzer gefangen in alten, choreographierten Bewegungsabfolgen, andererseits drücken sie sich darin frei und kreativ aus. Dass die Hierarchien am Tanztheater weiterhin nach Klasse und Rasse eingeteilt sind, macht sie nicht nur unangreifbar für äußere Moden, sondern dient auch dem Fortbestand. Ein ursprünglicher Tanz, der in Afrika beispielsweise dazu dient, der Freude über die Geburt eines Kindes auszudrücken, ist in der Version Aimees völlig entwurzelt und dient in seiner Entstellung nur noch der Massenunterhaltung.

Die Vielzahl der Themen, die Zadie Smith in dieser so unscheinbar wirkenden Geschichte einer Mädchenfreundschaft miterzählt, sind verblüffend: Globalisierung, Gentrifizierung, Feminismus, Kulturunterschiede, Klassenunterschiede. Selbst die Flüchtlingskrise schimmert immer wieder im Hintergrund als sogenannter „back way“ auf. Die zeitlich feste Verankerung in den 1980er Jahren bis ins heutige Jahrzehnt erlaubt zudem die Wiedererkennung vieler zeitgenössischer Erfahrungen und Personen: das Aufkommen des Internets genauso wie die Tänzerin Jeni le Gon, der Tracey ihr Leben lang nacheifert oder Aimee, die viele Leser in Madonna wiedererkennen. „Swing Time“ beschreibt somit eine ganz spezifische Zeit an einem ganz bestimmten Ort, als die Hoffnung auf Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß noch nicht melancholisch verklärt war.

„The thing you have to understand is that here, in Soho, at that time, there was no black, there was no white. Nothing so banal. (…) we felt like we were the centre of the whole thing, swinging London, bohemian London, literay London, theatretical London, that this was our country, too, now.“

Die Erzählstimme schwingt im Buch nicht nur vor und zurück, um die Gegenwart mit der Vergangenheit verklammern zu können, sondern beschreibt auch das Hin- und Her- „swingen“ von verschiedenen Perspektiven innerhalb dieser Figur. Allein aufgrund ihrer Hautfarbe wird die Ich-Figur zum Spielball unterschiedlichster Ansichten. In den Augen der Weißen ist sie schwarz, in den Augen von Schwarzen weiß, in den Augen von Amerikanern Britin. Der Unterschied, den es macht, „night and day“ oder „day and night“ zu sagen, ein Ausdruck, der sich durch das ganze Buch zieht, wird auch im Cover perfekt illustriert: Mit den gleichen Farben, aber unter anderer Verwendung zeigt sich dasselbe Bild aus zwei völlig unterschiedlichen Perspektiven.
Dieses Bild zeigt Vor-und Rückseite des Romans "Swing Time" von Zadie Smith.

Am Ende des Buches, das gleichzeitig sein Anfang ist, erkennt die Ich-Erzählerin, dass sie bis hierhin nur ein Schattenleben geführt hat. Es wurde, ohne dass sie es bemerkte, von fremden Ideen und Fantasien gesteuert.

„It`s a shadow life and after a while it gets you. Nannies, assistents, agents, secretaries, mothers – women are used to it.“

Dieses Schattenleben ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans, der Leitfaden und das Konzept, das alle Themen des Romans vereint und in einem fulminanten Finale des Buches nochmals, jedes in seiner jeweiligen Facette, aufschimmern lässt. Dass dabei die Ich-Erzählerin namenlos bleibt, illustriert dies nur noch einmal umso deutlicher. Wie eine Marionettenfigur, die im unaufhörlichen Kontrast von Bewegung ohne Fortbewegung und Weiterentwicklung gefangen blieb, ist es nun, als trete die Figur aus dem Buch heraus und emanzipiere sich.

Erster Satz: „It was the first day of my humiliation“
Wort des Buches: „shadow life
Hat mich erinnert an: Elena Ferrante „L’amica geniale“, Nino Haratischwili „Das achte Leben. Für Brilka“, Emma Cline „The Girls“


Zadie Smith, Swing Time, Hamish Hamilton, 453 Seiten

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Kommentare (2)

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