Vorschau auf den literarischen Herbst 2017

Dieses Bild soll den Vorschau auf den literarischen Herbst 2017 symbolisieren.

Vorfreude ist die schönste Freude. Nachdem inzwischen alle Verlagsvorschauen erschienen sind, wollen wir euch heute einen Vorgeschmack auf die Autorinnen geben, die euch und uns im literarischen Herbst 2017 erwarten. Was uns beim Durchblättern aufgefallen ist, wollen wir hier mit euch teilen.

Schwerpunkt Frankreich

2017 ist Frankreich Gastland der Frankfurter Buchmesse, die vom 11.-15. Oktober stattfindet. Dadurch lässt sich die Vielzahl der Übersetzungen aus dem Französischen erklären. Allen voran die Preisträgerin des Prix Goncourt, Leila Slimani, die es mit ihrem Roman Dann schlaf auch du (erscheint im August im Luchterhand Verlag) auf die französischen Bestsellerlisten schaffte. Darin thematisiert sie das Spannungsverhältnis zwischen weiblicher Selbstverwirklichung und Mutterliebe. Der Roman trifft einen Nerv unserer Zeit und ist mitreißend erzählt, wie Pink euch versichern kann.


Weitere Romane im Schnelldurchlauf:

#Négar Djavadi, Desorientale, C.H. Beck: Eine Familiengeschichte zwischen Iran und Paris.
#Virginie Despentes, Das Leben des Vernon Subutex, Kiepenheuer & Witsch: Sex, Drugs and Rock ‘n‘ Roll.
#Valérie Zenatti, Jacob, Jacob, Schöffling & Co: Eine jüdische Familiengeschichte im Algerien von 1944.
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Yasmina Reza, Babylon, Hanser: Wie schon im Gott des Gemetzels eine Nachbarschaftsparty, die außer Kontrolle gerät und diesmal in Mord endet.
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Delphine de Vigan, Tage ohne Hunger, Dumont: Das Debüt der Erfolgsautorin aus dem Jahr 2001.
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Marie NDiaye, Die Chefin, SuhrkampWie wird aus einer Hausfrau eine Restaurantköchin? Das erzählt und verheimlicht ihr ehemaliger Angestellter.

Debüt

Besonders spannend ist es in jeder Saison neue Autorinnen zu entdecken, wie im Frühjahr z.B. Fatma Aydemir und Alina Herbing.
In Belgien sorgte Lize Spits Roman Und es schmilzt für Furore (erscheint am 24.08. im Fischer Verlag). Die Protagonistin kehrt darin in ihr Heimatdorf zurück, erinnert sich an ihre Kindheit in den 90er Jahren und stellt sich in einem spannungsgeladenen Finale den Geistern ihrer Vergangenheit. Glitzer las die fast 500 Seiten in einem Zug.
Schafft es eine Autorin ihr Debüt im Suhrkamp Verlag zu veröffentlichen, schürt das natürlich ganz besondere Erwartungen. In Sasha Marianna Salzmanns Roman Außer sich versucht sich ein Zwillingspaar wiederzufinden. Was der Roman in sich hat, erfahrt ihr in einer Rezension zum Erscheinungsdatum am 6. September.
Besondere Aufmerksamkeit schenkte das Feuilleton bereits den Debüts der Schriftstellerkinder Simon Strauß (Sohn von Botho) und Theresia Enzensberger (Tochter von Hans-Magnus). Glitzer prüft zur Zeit, inwiefern die Geschichte in Blaupause um eine Bauhaus-Studentin aus den 20er Jahren zeitgemäß ist und sich als Debütstoff eignet.


Weitere Romane im Schnelldurchlauf:
#Lana Lux, Kukolka, Aufbau
: Ein Lob von Verlagskollegin Olga Grjasnowa soll dem Buch, das in der Ukraine der 90er Jahre spielt, zum Erfolg verhelfen.
#Barbara Schibli, Flechten, Dörlemann: Wie unterscheiden sich eineiige Zwillinge voneinander? Diese Frage stellen sich die Biologin Anna und die Fotografin Leta.

#Julia Rothenburg, Koslik ist krank, Frankfurter Verlagsanstalt: Inhalt und Cover wirken im ersten Eindruck wie Teil 2 von Julia Wolfs Walther Nowak bleibt liegen.

„Romanhafte Biographien“

Das Genre der „Romanhaften Biographie“, das wir spätestens seit Thomas Melles Die Welt im Rücken,  Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz oder Joachim Meyerhoffs Alle Toten fliegen hoch kennen, hat sich offenbar fest im Literaturprogramm der Verlage verankert. So wird Emma Smechowskis Wir Strebermigranten (gerade bei Hanser erschienen) als „Romanhafte Biographie“ und Birgit Vanderbekes Wer dann noch lachen kann (erscheint im August bei Piper) als „Autobiographischer Familienroman“ angekündigt. Ob dies ein Grund mehr oder weniger zum Lesen der Bücher ist, dem werden wir weiter nachgehen.

Teil II von Bestsellern

Gefühlt werden im Herbst viele Bücher von Autorinnen veröffentlicht, die schon mit einem Vorgänger für gute Verkaufszahlen sorgten. Das alles überragende Beispiel dafür ist das unerwartete zweite Buch von Bookerpreisträgerin Arundhati Roy, die mit Der Gott der kleinen Dinge Ende der 90er Jahre für einen riesige Verkaufserfolg sorgte. Pink las das Buch als Vorbereitung für das nun erscheinende Das Ministerium des äußersten Glücks, das es schon vor Erscheinen erneut auf die Longlist des Man Booker Preises schaffte, konnte aber letztlich der damaligen Rezension von Iris Radisch nichts hinzufügen.


Weitere Romane im Schnelldurchlauf:

#Verena Boos, Kirchberg, Aufbau: Sie gewann mit ihrem Debüt Blutorangen vier Literaturpreise.
#Shumana Sinha, Staatenlos, Edition Nautilus: Sinhas deutsche Übersetzung von Erschlagt die Armen traf zeitlich mit der Flüchtlingskrise zusammen und wurde als eines der ersten Bücher, die diese Thematik lange zuvor verarbeiteten und „vorausahnten“ gelesen.
#Laury Penny, Bitch Doktrin, Edition Nautilus: Seit Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus und Unsagbare Dinge gilt sie als It-Girl der jüngeren Feministenbewegung.

Übersetzungen von Bestsellern

Die Übersetzungen von Bestsellern aus dem überwiegend englischsprachigen Ausland dürfen natürlich nicht fehlen. Diese Saison könnt ihr euch auf Han Kang, Yaa Gyasi, Zadie Smith, Sarah Perry, Julie Buntin und viele mehr freuen. Ein Sonderfall bildet dabei sicherlich das Buch von Linda Boström Knausgard Willkommen in Amerika; nicht nur, weil es aus dem Norwegischen übertragen wird, sondern auch, weil die Autorin als Schriftstellergattin von Karl-Ove Knausgard auftritt, der mit seiner sechsbändigen „romanhaften Autobiographie“ ein Dauerbrenner v. a. bei männlichen Lesern ist.


Hier die Romane im Schnelldurchlauf:

#Han Kang, Menschenwerk, Aufbau: Nach der fulminant besprochenen Die Vegetarierin leuchtet Han Kang in Menschenwerk in mehreren Episoden die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit im Korea-Konflikt der 80er Jahre aus.
#Yaa Gyasi, Heimkehren, Dumont: Yaa Gyasi schafft es, die Geschichte der Sklaverei in so farbenprächtigen Figuren nachzuerzählen, dass sich eine mitteleuropäische Leserin von heute problemlos in einen Stammeshäuptling aus dem Jahr 1794 hineinversetzen kann.
#Zadie Smiths Swing Time, Kiepenheuer & Witsch: Die Geschichte um zwei Tänzerinnen, wovon nur eine Erfolg haben wird, hat Pink schon für euch gelesen.
#Julie Buntin Marlena, Eichborn: Eine Hommage an die erste beste Freundin unseres Lebens, die unwiderruflich Spuren in uns hineingeschrieben hat und die wir, trotz oder gerade wegen ihrer Fehler nicht vergessen können. Zur Rezension des englischen Originals von Glitzer geht es hier.

Zum Männer-Frauen-Verhältnis 

Vor Kurzem fand die Sexismus-Debatte im Literaturbetrieb, angestoßen vom Hildesheimer Literaturinstitut, mal wieder Eingang in die Feuilletons. Konkret ging es darum, dass am Literaturinstitut 90 Prozent Frauen studieren, aber nur 1 von 6 Lehrenden weiblich ist. Dieses Missverhältnis lässt sich auf zahllose Beispiele in und außerhalb der Literaturwelt ausweiten. Dass Frauen es in der Wirtschaft nach wie vor schwer haben, dass sie nach wie vor weniger verdienen als Männer, ist allseits bekannt. Dass aber ausgerechnet die Literatur, die überwiegend mit Frauen in Verbindung gebracht wird (überwiegend Buchhändlerinnen, Leserinnen, Frauenromane etc.) von Männern gestaltet wird, erscheint besonders perfide. Genauso sieht es aber in der Verlagswelt aus: Während das Lektorat mittlerweile überwiegend weiblich besetzt ist, bleiben die Verleger und damit die Entscheidungsträger Männer. Auch der überragende Teil der weiblichen Kunden in der Buchhandlung lesen nach wie vor mehr Bücher von Autoren als von Autorinnen. Das liegt auch im Angebot begründet, denn die meisten belletristischen Verlage verlegen nach wie vor mehr Männer als Frauen. Auch in diesem Herbst liegt die Quote von Neuerscheinungen bei etwa 40:60 Prozent zugunsten männlicher Autoren. 


Mehr Autoren als Autorinnen
Beck: 6:1
Blumenbar: 3:1
Berlin: 6:3
Dörlemann: 4:3
Dumont: 7:4
Frankfurter Verlagsanstalt: 5:2
Hanser (München): 8:4
Jungund Jung: 3:2
KiWi: 7:4
Luchterhand: 6:4
Rowohlt: 7:6


ausgeglichenes Verhältnis
Eichborn: 3:3
Hanser Berlin: 4:4
Matthes & Seitz: 2:2


Mehr Autorinnen als Autoren:
Nautilus: 2:1
Piper: 9:7
Residenz: 4:2
Schöffling: 4:3
Wallstein 3:1

Auffallend ist, dass bei den Verlagen, die sich um Autorinnen bemühen, eher kleine Verlage mit einem insgesamt kleineren und ausgewählterem Programm und nur ein großer mit Piper (und Felicitas von Lovenberg als Verlegerin an der Spitze) auftreten.

Wort der Vorschau:Kontingentflüchtling“
Autorin der Vorschau: Zadie Smith, Swing Time
Autor der Vorschau: Péter Nádas, Aufleuchtende Details
Schönstes Cover: Theresia Enzensberger, Blaupause
Nicht so schönes Cover: Anna Galinka, Das neue Leben
Persönliches Highlight Pink: Ljudmila Ulitzkaja, Jakobsleiter
Persönliches Highlight Glitzer: Sasha Marianna Salzmann, Außer sich

Kommentar (1)

  1. Pinkback: Theresia Enzensberger, Blaupause | pinkmitglitzer

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