Virginie Despentes, Das Leben des Vernon Subutex

Das Bild zeigt das Cover von Virgine Despentes Roman "Das Lebens des Vernon Subutex".

An diesem Buch stimmt für mich zunächst einmal gar nichts: zu grelles Cover, zu reißerischer Klappentext, zu hymnisch besprochen (von männlichen Rezensenten) – zuerst von Ijoma Mangold im Literarischen Quartett, dann von Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung. Beigefügt ist dem SZ-Artikel ein Foto der Autorin mit verstrubbelten Haaren, verwegenem Blick aus dunklen Augenhöhlen und einer Zigarette, die ihr aus dem Mundwinkel zu fallen droht. Sex sells. Noch am Erscheinungstag des Artikels samt Foto ist die 1. Auflage des Buches ausverkauft.

Entsprechend widerwillig beginne ich mit der Lektüre: Vernon Subutex, die Hauptfigur, hat schon im 1. Kapitel ein Leben, sein Leben als Plattenverkäufer hinter sich. Nachdem sich der Laden nicht mehr rentierte, hat er seine Restbestände über Ebay verkauft und dabei das „Dreifache von dem rausgeholt, was er erwartet hatte, alles ohne Theater mit irgendwelcher Buchhaltung“. Doch der Schein des ach so coolen Zeitgenossen Vernon trügt: Er beginnt, am Essen zu sparen, geht nicht mehr aus, kann die Miete nicht mehr zahlen.

„Sein Handyabo ist abgelaufen, er macht sich keinen Kopf mehr um Flatrates. Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre.“

So begegnet die Leserin Vernon schon auf der ersten Seite. Am Ende des ersten Kapitels steht Vernon bereits auf der Straße. Auf Facebook scrollt er seine Freunde durch, auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Und die Leserin befürchtet, dass nun, Kapitel auf Kapitel, die Weltsicht eines dieser Facebookfreunde beschrieben wird, bei denen Vernon Unterschlupf findet, bevor er am Ende tatsächlich als Penner auf der Straße endet. Doch ganz so einfach macht es sich Virginie Despentes dann doch nicht. Denn Vernon besitzt ein Video eines inzwischen verstorbenen Schlagersängers, an dem verschiedene Figuren aus unterschiedlichen Gründen (Geld, Macht, Rache, Trieb etc.) Interesse hegen. Die Jagd beginnt ganz unscheinbar, doch was nun folgt, reißt die Leserin tatsächlich vom Hocker.

Da ist Xavier, erfolgloser Drehbuchautor, ein bisschen rechts, wie Vernon verschmäht von der Generation „Wir erben“, aber reich verheiratet, was seine Männerehre verletzt. Dann ist da Aischa, Tochter eines Universitätsprofessors, die sich weigert ihren Körper „zu Markte zu tragen“ und deshalb, und nicht aus befürchteter IS-Sympathie, zum Schleier greift. Und da ist Daniel/a, eine transsexuelle Ex-Pornodarstellerin, die zum Mann wird, weil sie sich so viel leichter eine zweite Karriere aufbauen kann und außerdem, weil sie ein bisschen in ihre Ex-Kollegin Pamela verliebt ist, die nun mal auf Männer steht. Daniel/a  passt sich den bestehenden Verhältnissen an –  gleichzeitig bricht sie am krassesten mit jeglicher Konvention und Moralvorstellung. Denn sie wandelt ihr Geschlecht um, ohne sich jemals unwohl in ihrem Körper gefühlt zu haben. Denn den hat sie sowieso stets als fremdbestimmt betrachtet: als zu dünn oder zu dick in den Augen der Gesellschaft.

Es geht bei Das Leben des Vernon Subutex nicht um einen gut konstruierten Roman, nicht einmal um seine Sprache, denn die ist schroff, voller Hass und Alltagsfloskeln. Es geht um Wahrheiten, ausgesprochen von antipathischen Figuren, in denen sich die Leserin von heute immer wieder so unverhofft wiederfindet. Ein Beispiel:

„Am Airport auf harten Stühlen warten, nichts zu trinken, keine Zeitung kriegen, wie der letzte Dreck behandelt werden und Economy fliegen, ein Economy-Arsch sein, die Knie unter dem Kinn und die Ellbogen der Nachbarin in den Rippen.“

Jeder von uns kennt diese Situation. Ausgesprochen wird sie von einer größenwahnsinnigen Figur, einem Börsenspekulanten, der meint, sich für Geld alles kaufen zu können, der meint, dass diejenigen, die sich so behandeln lassen, nichts anderes verdient haben. Wir begegnen einer Monsterausgeburt des Kapitalismus.

So grob und ungeschliffen Virginie Despentes in ihrer Sprache daherkommt, so raffiniert entlarvt sie, Schicht um Schicht, den Kern nicht nur der französischen, sondern auch der deutschen, wenn nicht der europäischen Gesellschaft nach der Jahrtausendwende. Eine Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, in der Bücher und Musik keinen Wert mehr haben, die den Ausverkauf ihrer eigenen Ideen betreibt, und sich vor dem Terror fürchtet. Das klingt nach Floskel, aber Virginie Despentes gelingt es, dass diese Floskel lebendig wird. Zweifelsohne: Dieser Roman ist politisch!

Eins jedoch ist an ihm äußerst verstörend: das Frauenbild von ausnahmslos jeder Figur, ob männlich oder weiblich. Frauen sind grundsätzlich „Mädchen“, sie werden beschrieben als „Billigschlampen“, „Schwanzlutscherinnen“, „Gören“, „läufige Hündinnen“, „Sexbomben“, „Amazonen, die man im Bett unterwerfen kann“, um nur einen kurzen Einblick in die schier unerschöpfliche Kreativität der Autorin (und der Übersetzerin) zu geben. Die Figur der Emelie beispielsweise entspricht dem Wunschbild ihrer Eltern, aber sie selbst denkt von sich: „Sie hat keine Kinder, deshalb zählt alles andere nicht“. Eine andere gehört „zur Generation Porno, sie simuliert mit unangenehmer Inbrunst und lässt sich von allen Seiten nehmen“. Am Ende steht da etwas, wo wohl jede Leserin fragend innehält:

„Sie (die Frauen) wollen etwas, was eine Utopie ist: Freundschaft und gute Beziehungen zu Männern. Das gibt es nicht. Die Männer wollen sie ficken, zum Reden haben sie andere Männer.“

Das Ende des Romans leitet, Gott sei Dank, die Transformation des Vernon Subutex ein. Angekündigt wird diese dadurch, dass er sich zum ersten Mal „wirklich verliebt“ und das auch noch in eine Transsexuelle. Seine Begriffe für weiblich und männlich greifen hier nicht mehr, fest geglaubte Wahrheiten verschwimmen zusehends. Obdachlos auf der Parkbank liegend ist sein Leben jedoch nicht vorbei, sondern eröffnet ihm unverhofft einen neuen Blickwinkel:

„Er fühlt sich weder traurig noch verzweifelt. Es ist eine andere Stimmung, die er nicht kennt. Ein weißes Rauschen. Das Nachtbild des Fernsehers, als er jünger war. Ein Nebel von Punkten, ein Knistern.“

Das ist keine grobe Sprache. Das ist Literatur! Mehr davon erhoffe ich mir im zweiten Band des als Trilogie angelegten Romankomplexes, der im Januar 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erscheint.

 

Erster Satz: „Die Fenster im Haus gegenüber sind schon hell.“
Wort des Buches„Erinnerungsautomat“ 
Hat mich erinnert an: Michael Chabon, Telegraph Avenue, Didier Eribon, Die Rückkehr nach Reims, Édourd Louis, Das Ende von Eddy und (natürlich) auch an Michel Houllebecq, Unterwerfung.


Virginie Despentes, Das Leben des Vernon Subutex, Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 22 Euro. 

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Kommentare (2)

  1. Liebe Pink.
    Bin jetzt auch durch mit Subutex 1 von 3 und sehr froh, dass ich nach den ersten 100 Seiten wieder eingetaucht bin, trotz der engen Blasen, in denen die Figuren anfangs regelrecht loszuspucken scheinen – und dank dieser Besprechung hier! Ich finde auch, es ist keine grobe Sprache, da steckt v. a. Rhythmusgefühl drin: ziellose Tiraden wie aus unlesbaren Onlinekommentarspalten herausgegriffen und dann ein paar splitternde Sätze (wie der oben zum Thema „Frauen“ zitierte), die einen Spalt öffnen in die Figur und deren Selbstwahrnehmung, und die damit auch eine neue Perspektive für den Leser aufmachen. Tiefe bringt für mich auch Despentes‘ Art, eine neue Figur anhand einer bestimmten Begebenheit in dem einem Kapitel einzuführen und im direkt darauf folgenden Kapitel die Begebenheit aus dem vorherigen Kapitel nochmals aus dem Kontext einer zweiten -im ersten auch beteiligten- Perspektive heraus zu erzählen.
    Aber was ist das für eine Erzählerstimme, die uns als LeserInnen durch alles durchlenkt? Und wofür soll das Leben des „spindeldürren“ Vernon herhalten? Geht es wirklich um ihn (ich habe bis hierher den Eindruck manch anderer Figur um einiges näher zu sein als ihm) oder ist er Mittel zum Teilzweck, die Türen zu seiner ehemaligen Kundschaft und in die Pariser (Kultur-)wirtschaftswelt aufzustoßen? Ich muss sagen, ich bin schon gespannt.

    • Liebe Lena,
      das freut mich! Vielleicht hast du Recht und ich habe die Machart des Romans anfangs zu sehr unterschätzt, habe mich zu sehr von der „Internetsprache“ blenden lassen, denn je länger ich darüber nachdenke, desto tiefer hat sich so mancher „Onlinekommentar“, wie du es so treffend formulierst, in mich hineingeschrieben. Wie Emelie, die erste Unterschlupffreundin Vernons, beschreibt sich in Vernon verliebt zu haben und wir gleich im darauffolgenden Kapitel erfahren wie genervt und verstört Vernon von ihrer aufdringlichen Art eigentlich war – das ist schon sehr gut gemacht und auch sehr witzig! Auch ist es ja durchgehend schwierig zu sagen, wer in dem Roman eigentlich spricht, allein das zu untersuchen, verdiente noch einmal eine ganze Rezension. Umso eindrücklicher sind dann die „splitternden Sätze“, wo die Leserin das Gefühl bekommt einmal ganz kurz ganz tief in die Welt einer Figur hineinzuschauen – nur um dann im Wortschwall weiter flussabwärts getrieben zu werden. „Wozu dient Vernon?“, fragst du. In der Tat fragt man sich ja schon nach Ende des ersten Kapitels, was jetzt noch groß kommen soll. Aber genau mit dieser Erwartungshaltung spielt die Autorin und uns bleibt nichts anderes übrig als auf den zweiten Teil der Trilogie zu warten – oder in der Zwischenzeit besser französisch zu lernen, vielleicht mithilfe von der genannten französischen Musik?!

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