„Und es schmilzt“ oder „Die dunkle Seite des Debüts“

Dieses Buch zeigt das Cover von Lize Spits Roman "Und es schmilzt".

Lize Spits Roman Und es schmilzt sorgte bereits in Belgien für Furore und erscheint jetzt in der deutschen Übersetzung von Helga van Beuningen im S. Fischer Verlag. In sehr drastischen Bildern schildert Spit einen Sommer auf dem Dorf, dem die Protagonistin bis heute zu entfliehen sucht. Zugegeben: Sowohl Pink als auch Glitzer haben den Roman beinahe atemlos gelesen und er gehört sicherlich zu den spannendsten Neuerscheinungen dieses Literaturherbstes. Die Autorin versteht es, die Leserin bei der Stange zu halten, indem sie ihr Informationen vorenthält, für die es sich lohnt, viele Seiten in einem Zug zu lesen. Dennoch kommt uns die Konstruktion und das Setting von mehreren Debüts dieses Jahres bereits bekannt vor:

Das Heranwachsen einer weiblichen Ich-Erzählerin auf dem Dorf und der verzweifelte Versuch, ihrem kaputten Elternhaus zu entfliehen, davon handelten auch schon Luise Maiers Dass wir uns haben, Alina Herbings Niemand ist bei den Kälbern und Julie Buntins Marlena. Alle vier Debüts stellen die Handlung in den Mittelpunkt, die Sprache hingegen bleibt schlichtes Mittel zum Zweck. Alle vier Autorinnen erzählen dunkle, depressive Geschichten. Gewalt, Drogenmissbrauch, Selbstmord und Manipulation sind ihre Themen. Dabei entsprechen die Figuren den gängigen Klischees von Mann und Frau: Männerfiguren sind meist primitiv, triebgesteuert und gewalttätig; Frauenfiguren sind dagegen häufig schwach, verzweifelt und leiden unter dem als hässlich empfundenen eigenen Körper. Außerdem auffällig ist die stark autobiographische Komponente der vier Debüts sowie die Tatsache, dass mehrere Autorinnen das kreative Schreiben zuerst studiert, bevor sie es ausprobiert haben. (Herbing und Maier kommen vom Literaturinstitut Hildesheim, Buntin unterrichtet bereits am Marymount Manhattan College.)

Ist das der Versuch, dem Image des „Frauenromans“ zu entkommen? Und wenn ja: Ist das gegenwärtig der einzige Weg sich als Autorin etablieren zu können? Wo bleibt das Spiel mit der Sprache, der Mut mit Erzählkonventionen zu brechen?

Mit ihrem Debüt betreten diese vier Autorinnen zum ersten Mal die Bühne der literarischen Öffentlichkeit. Hier gilt es, ein Publikum von sich zu überzeugen und sich durch einen einzigartigen, unnachahmlichen Stil von den anderen tausenden Neuerscheinungen abzugrenzen. Die Cover und Klappentexte der vier Debüts verschleiern die beklemmende Handlung eher, als dass sie sie beim Namen nennen. Vor allem die großen Verlage wie in diesem Fall Fischer und Eichborn verstehen es, das Originalcover für den deutschen Büchermarkt abzuschwächen und zu beschönigen. Es bleibt den Buchhändlern überlassen, auf etwaig als drastisch empfundene Sprachbilder hinzuweisen.

Dennoch: An Und es schmilzt führt sicher kein Weg vorbei. Wer auf der Suche nach einem Nachfolger für Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara oder einfach einem spannend und gut erzählten Roman sucht, der eine Jugend in den 90er Jahren erlebbar macht, ist bei Lize Spit genau richtig.

Hat uns erinnert an: Marlena von Julie Buntin und Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara.


Lize Spit, Und es schmilzt, S. Fischer, 512 Seiten, 22 Euro. 

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