Toni Morrison, God help the child

Das Cover von Toni Morissons Roman "God help the child"

Wenn man Toni Morrison wie ich zum ersten Mal liest, begibt man sich in die Hände einer sehr sicheren Autorin, die weiß, wozu sie jeden Satz, jedes Wort verwendet. Auch wenn es im Englischen nur 178 Seiten sind, handelt es sich um einen Roman, denn die Vielzahl der Themen, die Morrison behandelt, ist verblüffend. Es geht darum, wie sehr Kinder durch ihre Eltern geprägt werden, wie eine schwarze Hautfarbe die Möglichkeiten des Lebens limitiert und was Schuld bedeutet, wenn man noch ein Kind ist. Morrison stellt die Frage, wie und wann man erwachsen wird und ob man die Kindheit jemals hinter sich lassen kann.

„What you do to children matters. And they might never forget.“

Die Hauptfigur Lula Ann Bridewill, die sich selbst nur Bride nennt, kommt mit einer so schwarzen Hautfarbe zur Welt, dass sie fast ins Blaue schimmert. Damit hat sie schon verloren: Ihr Vater ist so angewidert, dass er die Mutter verlässt. Die lässt sich vom Kind nur „Sweetness“ statt „Mama“ rufen und vermeidet jeden körperlichen Kontakt. Damit möchte sie Bride auf das noch härtere Leben da draußen vorbereiten, wo sie ihrer Ansicht nach stets „the last one hired, the first one fired“ sein wird. Sweetness‘ Worte scheinen sich zu verwirklichen, als Bride sich erstmals bei der Firma Sylvia, Inc. bewirbt. Erst als Jery, ein befreundeter Designer, ihr rät nur noch weiß zu tragen und ihre Hautfarbe so als Marke einzusetzen, wird sie eingestellt:

„No, no. He threw his hands up. No jewlery at all. Pearl dot earrings, maybe. No. Not even that. Just you, girl. All sable and ice. A panter in snow.“

Mit seinem Ausspruch verhilft Jery Bride außerdem zum Aufbau ihrer ersten eigenen Kosmetikmarke namens „YOU, GIRL“, die in den Augen ihrer Kollegin Brooklyn Frauen von Folgendem überzeugt: „to improve their looks with products that can‘t improve her own“. Mit ihren 23 Jahren ist Bride damit zwar bereits eine erfolgreiche Geschäftsfrau, aber emotional immer noch auf dem Stand eines Kindes, das keine Liebe erfahren hat. Dieser Liebesentzug hat jedoch schon viel früher fatale Folgen für ihr Leben entwickelt: Als sie mit 8 Jahren vor Gericht einen des Kindesmissbrauchs angeklagten Lehrer identifizieren soll, möchte sie endlich einmal ihre Mutter stolz machen. Sie „performt“ gut und zeigt auf die Lehrerin Sophia Huxley, die dadurch zu 25 Jahren Haft verurteilt wird. Mit dieser Lüge muss sie fortan leben.

Heute, 15 Jahre später, soll die Gefangene Nr. 0071140 Sophia (in den Überschriften wird sie „Sofia“, im Fließtext jedoch „Sophia“ genannt) vorzeitig entlassen werden, wie Bride im Internet recherchiert hat. Um ihre Schuld wenigstens ein bisschen wieder gut zu machen, will sie Sophia zur Entlassung ein Geschenk machen, ihr den Weg zurück ins Leben erleichtern. In ihrer emotionalen Hilflosigkeit, die mehr an die eines Mädchens denn an die einer Frau erinnert, entscheidet sie sich für ein Werbegeschenk ihrer eigenen Marke „YOU, GIRL“. Als Sophia Bride erkennt, geschieht das Unvermeidliche und die aufgestaute Wut ungelebter Jahre bricht sich Bahn.

Brides Freund Booker, der viele Bücher liest, kann so viel Mitgefühl für eine des Kindesmissbrauchs verurteilte Frau nicht nachvollziehen. Beide Partner geben vor, einander zu lieben, sind dazu aber tatsächlich nicht in der Lage, weil sie beide Entscheidendes über ihre Vergangenheit verschweigen. Bride ihre Lüge und Booker das, was mit seinem Bruder Adam geschah. Bride fragt nicht einmal nach seinem Job, weil sie den Eindruck gewonnen hat, dass normalerweise „the job, not the guy, is what the girlfriend adores“. Schließlich trennt sich Booker mit den Worten „You not the woman I wanted“. Obwohl er Bride bis hierhin stets „Baby“ oder „Girl“ genannt hat, nennt er sie hier „woman“.

Bride nimmt daraufhin verstörende Veränderungen an ihrem Körper wahr: Sie verliert an Gewicht, ihre Brüste bilden sich zurück, ihre Schamhaare fallen aus. Weil niemand anderes bemerkt, dass sie sich in ein Kind zurück zu entwickeln scheint, wird Toni Morrissons Roman in die Nähe des magischen Realismus gerückt, sogar mit Märchen der Gebrüder Grimm verglichen.

Die Geschichte wird uns in vier Teilen erzählt, wovon der erste Teil fast die Hälfte des Buches einnimmt. Die letzten drei Teile sind deutlich kürzer und unterstützen dadurch die sich zunehmend entwickelnde Spannung des Romans. Innerhalb der Teile wechseln sich die Perspektiven der Figuren ab. So lernen wir, dass Bride ihre Kollegin Brooklyn etwa als „the only person I can trust. Completely“ beschreibt, während diese sie hintergeht. Die Leserin muss sich auch damit abfinden, dass die subjektive, oft schwankende Sichtweise so mancher Figur nicht vertrauenswürdig ist. So beschreibt Bride Sophia einmal als „Freak“, um sich für ihr Verhalten vor Gericht zu rechtfertigen, ein anderes Mal betont sie jedoch die völlige Unschuld dieser Frau und nennt sie „gentle, funny, even, and kind“. Nur zwei Mal schaltet sich ein übergeordneter Erzähler ein: Er versichert zum Einen, dass sich die Beziehung zwischen Mutter Sweetness und Tochter Bride so zugetragen hat, wie von den Figuren zuvor erzählt wurde. Zum anderen übernimmt er die Beschreibung der Figur des Booker. Damit ist Booker die einzige Figur, die nicht selbst zu Wort kommt.

Die entscheidenden Sätze des Romans kommen aber von Sweetness. Zum Einen ist sie die titelgebende Figur, denn sie spricht den letzten Satz, der zwischen Fluch und Segen hin- und herpendelt: „God help the child.“ Tatsächlich hätte die Autorin ihren Roman lieber „The wrath of children“ genannt.

Zum Anderen kündigt Sweetness das Hauptthema des Kindesmissbrauchs an, der Toni Morrison schon in ihrem Debüt von 1970 „The bluest eye“ beschäftigte. Zunächst taucht er nur am Rande in Brides Leben auf, als diese ihren Vermieter mit einem weißen Jungen beobachtet und von ihrer Mutter eingetrichtert bekommt, nie ein Wort darüber zu verlieren. Im Zuge der Handlung, die man immer atemloser liest, häuft sich das Thema stakkatohaft in fast jeder anderen Figur: bei Brooklyn, einer weiteren Randfigur namens Rain und auch bei Booker. Besonders schlimme Szenen kündigen sich durch eine bittersüße Stimmung an. Die Schönheit der Sprache täuscht hier darüber hinweg, was erzählt wird. Das hat mich an „The sound of Silence“ von Simon and Garfunkel, aber auch an „Rocky Raccoon“ von den Beatles erinnert.

Letztlich sind alle Figuren durch die Erfahrungen in ihrer Kindheit geprägt. Sie schwanken in ihrem Erwachsenendasein zwischen Selbstkontrolle und emotionaler Anfälligkeit hin und her. Nach und nach kristallisiert sich bei allen ein wunder Punkt heraus, der in der Kindheit stattgefunden hat und sich im Kopf der erwachsenen Figur als fixe Idee festgesetzt hat, um den herum sich alles zu drehen scheint. Das klingt alles ein bisschen sehr nach Psychoanalyse. Dadurch, dass aber die Perspektiven wechseln, weiß man als Leser nie, was Wahrheit und was Fiktion ist und das macht den Reiz des Buches aus.

Olaf Hajeks Illustration von „God help the Child“ im Auftrag der New York Times Book Review

Leider hat es Olaf Hajeks Illustration von Brides Hautfarbe weder auf das englische, noch auf das deutsche Cover geschafft.

Die deutsche Übersetzung von Thomas Piltz wird am 21.4. bei Rowohlt erscheinen. 

Erster Satz: „It’s not my fault.“
Wort des Buches„Sweetness
Hat mich erinnert an: „To Kill a Mockingbird“, Harper Lee.


Toni Morrison, God Help The Child, Vintage Books, 178 Seiten.

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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