Theresia Enzensberger, Blaupause

Dieses Bild zeigt das Cover von Theresia Enzensbergers Roman "Blaupause".

Nach dem Durchblättern der Herbst-Vorschauen freute ich mich auf einen Roman ganz besonders: „Blaupause“, das Debüt von Theresia Enzensberger. Denn auf den ersten Blick stimmte alles:

Das Cover, eine nachkolorierte Originalfotografie aus dem Jahr 1927 (von uns übrigens auch zum schönsten der Vorschauen gekürt), macht den Betrachter zum Fotografen, bündelt die gesamte Aufmerksamkeit der darauf abgebildeten Studenten in seinen Händen. Die Studenten blicken zur Leserin nach oben, ich werde sofort ein Teil von ihnen. Es muss ein warmer Tag gewesen sein, an dem die Fotografie gemacht wurde. Nicht nur das Cover, auch der Klappentext ließ mein Herz höher schlagen. „Rasant und äußerst gegenwärtig erzählt Theresia Enzensberger von einer jungen Frau in den Wirren ihrer Zeit“.

„Ihre Zeit“, das sind die 20er Jahre, die die Protagonistin Luise Schilling am Bauhaus in Weimar und später Dessau erlebt. Was sie sich von der Schule wirklich erhofft, bleibt jedoch unklar. Die Erinnerungen an ihre Heimat in Berlin wirken glücklich. Gemeinsam mit ihrer Freundin Charlotte, die aus noch wohlhabenderem Hause stammt als sie selbst, vergnügte sie sich auf Partys und genoss das Leben. Einzig, dass ihr Vater ihr den Zugang zu seiner bautechnischen Arbeit verwehrte, mag vielleicht ihren Wunsch, Architektur zu studieren, erklären. Das stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Am Ende der Vorkurses wird Luise von einem der Professoren ans Herz gelegt, sich aufgrund mangelnder räumlicher Vorstellungskraft – die typisch für Frauen sei – doch für eine Ausbildung an der Weberei anmelden solle. Zu diesem Zeitpunkt hat sie sich bereits schwer in den Sunnyboy des Bauhauses, Jakob, verliebt und lässt sich auf eine On-Off Beziehung mit ihm ein.

„Da ist er. Jedes Mal vergesse ich, wie schön er ist. Mit frisch gestärktem Hemd und glänzenden Locken steht er in einer Ecke und redet mit einem Mädchen, das ich noch nie gesehen habe.“

Jakob führt sie als „Kuttenträger“ in den Mazdaznan Kult ein, einer kleinen Gruppe von Bauhaus Studenten, die, angeführt von Professor Johannes Itten, vegetarisch leben, selbst Gemüse anbauen und gemeinsame Wandertouren unternehmen. Luise wird Teil dieser Gemeinschaft, fühlt sich dort aber von Anfang an nicht wohl. Sie giert nach dem Braten, den ihre Vermieterin zubereitet und kann sich schließlich nicht mehr verstellen. Die Beziehung zu Jakob endet und jetzt, endlich, beginnt eine Art Mini-Emanzipation.

Luise lässt sich nicht in die Weberei abschieben, arbeitet oft in der Tischlerei und erhofft dadurch ihrem Traum vom Architekturstudium einen Schritt näher zu kommen. Dabei wird sie von Kommilitonen belächelt und verliert den Anschluss an ihre früheren Freunde. Ihr eigener Vater bereitet ihren Bestrebungen schließlich ein Ende und nimmt sie von der Schule.

Fünf Jahre später, 1926, kehrt sie ans Bauhaus zurück. Dort erfährt sie, dass ihre frühere Freundin Maria inzwischen die Weberei leitet. Sie selbst ist endlich im ersehnten Architekturkurs eingeschrieben, baut Modelle, liest Fachzeitschriften und Bücher und träumt vom Bau einer Wohnsiedlung. Sie lernt ihren zweiten Freund Hermann kennen, der sich für Werbung und Amerika interessiert, und findet während der vielen von ihm organisierten Gelage mit Alkohol und Zigaretten schnell Anschluss. Nachdem sie miterlebt, wie ihr eigener Bruder immer mehr der Nazi-Propaganda verfällt, reagiert sie besonders sensibel, als auch Hermann sich davon begeistern lässt. Mit einem blauen Auge endet dann auch diese Beziehung. Luise sieht die Schuld dafür bei sich. Erst nach dem wiederholten Zuspruch von Freunden ändert sie zaghaft ihre Meinung.

„Ich gehe die Nacht noch einmal durch, auf der Suche nach etwas, wofür ich mich entschuldigen könnte.“

Alles endet damit, dass Luise die Autorschaft an dem einzigen, was sie mühevoll geschaffen hat, absprechen muss. Ihre Arbeit wird als Abklatsch des großen Meisters Gropius dargestellt, woraufhin sie bald in die USA flieht.

Der Roman hat mich überrascht, weil er genau das war, wovon er sich zu befreien vorgab. „Ich will die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen!“. Diesen radikalen Gedanken formuliert Luise, ohne eine Konsequenz daraus zu ziehen. Der Text liest sich wie ein Jugendroman, gespickt mit pubertären Gefühlen wie der ersten Liebe, Eifersucht und Enttäuschung und der Unsicherheit bezüglich der eigenen Fähigkeiten. Auch sprachlicher Kitsch ist keine Seltenheit.

„Ihr Mitgefühl macht es noch schlimmer. ,Jakob` – bricht es aus mir heraus, dann kann ich vor Tränen nicht mehr weiterreden. Maria tätschelt zwar meine Schulter und macht beruhigende Geräusche, aber ich meine, auf ihren Lippen ein Lächeln zu sehen.“

Was zudem stört, ist, dass man lange Zeit nicht weiß, wohin dieses Buch führt, welche Geschichte es erzählt und vor allem warum. Enzensberger zeigt, dass sie gut recherchiert hat: Fachbegriffe werden erklärt, Zeitungsartikel und Bücher werden genannt, die Professoren bekommen die Persönlichkeit an den Leib geschrieben, die man von ihnen erwartet. Diese Details bieten dem Roman zwar ein realistisches Fundament – aber das findet man auch in Geschichtsbüchern oder im Bauhaus-Archiv. Was das Ganze „äußerst gegenwärtig“ machen soll, wird mir nicht klar.

Ich weiß nicht so recht, was ich mir gewünscht hätte. Einen Roman über eine rebellische Studentin, die sich das „Mansplaining“ und die Autorität der Bauhaus-Männer nicht gefallen lässt? Eine politische Hauptfigur, die sich nicht in ihrer Opferrolle zufrieden gibt, sondern etwas bewegt und für ihre Ideale kämpft? Ein Roman, der sich nicht an Konventionen hält, sondern Grenzen austestet? Mindestens letzteres. Vor allem von einer Autorin, die sich ihren Nachnamen nicht ausgesucht hat, sich darauf allein aber auch nicht verlassen kann.

Erster Satz: „Ich weiß immer noch nicht, wo das Direktorenzimmer ist.“
Wort des Buches„altbacken“ 
Hat mich erinnert an: Die ARD Serie „Charité“.


Theresia Enzensberger, Blaupause, Hanser Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

Kommentare (2)

  1. Hallo Glitzer! Ich habe mich von dem tatsächlich sehr gelungenen Cover und dem Versprechen einer ‚Vergegenwärtigung‘ des Bauhauses ebenfalls einfangen lassen und diesen Roman mit nach Hause genommen. Ich hatte beim Lesen dann streckenweise den Eindruck, eher noch ein Kinderbuch als einen Jugendroman in der Hand zu haben, vor allem deshalb, weil die Regel „tell, don’t show“ auf nervtötende Weise befolgt wird. Immer müssen die anderen Figuren Luise noch einmal ganz klar erklären, was sie selbst schon beobachtet hat und auch hätte verstehen müssen. Warum wird sie so konsequent als das passive Fräuleinchen erzählt, das seiner eigenen Wahrnehmung nicht traut, während ihr gleichzeitig eine eigene Haltung (politisch und ästhetisch) in den Mund gelegt wird? Das ist höchstens eine Möchtegern-Emanzipationsgeschichte, wenn sie eine zweidimensionale Frauenfigur einsetzt. Und ja, der Kitsch. „Wir kommen gleichzeitig.“ – bei dem Satz wollte ich das Buch kurz gegen die Wand schleudern. Leider einfach schlecht, würde ich sagen, Enzensberger hin oder her. Enttäuschte Grüße von einem Bauhaus-Fangirl!

    • PinkmitGlitzer

      Hallo Lisa,
      danke erstmal für deine Meinung! Während ich den Roman gelesen habe, erschien ein Artikel im SPIEGEL, der dir sicher auch nicht entgangen ist (falls doch, ist hier der Link: https://magazin.spiegel.de/SP/2017/28/151986062/) über die neue Autorengeneration, verkörpert durch Theresia Enzensberger und Simon Strauß. Der Artikel hat mich höchst irritiert, weil die beiden dargestellt wurden, als verkörperten sie die neue Avantgarde der deutschen Literatur und würden diese durch etwas Neues, Mutiges, Ungesehenes bereichern. Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum ich „Blaupause“ zu Ende gelesen habe– weil ich herausfinden wollte, ob da noch etwas kommt, ob ich etwas überlese und die Qualität dieses Debüts übersehe. Am Ende jedoch, wie gesagt, bleibt mir nichts in Erinnerung außer dem Cover.
      In der Vorfreude auf spannendere Texte in der Zukunft, liebe Grüße zurück, Glitzer

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