„The Power“ und „Der Report der Magd“

Dieses Bild zeigt die Cover der Romane von Margaret Atwood ("Der Report der Magd") und Naomi Aldermann ("The Power").

Die beiden Romane legen es geradezu darauf an, sie in einem gemeinsamen Artikel zu besprechen. Obwohl zwischen ihrer Veröffentlichung 32 Jahre liegen, wirken beide beinahe zeitlos. Vor allem heute, während Donald Trump trotz (oder wegen?) pussy grabbing zum Präsidenten gewählt wurde, Frauen ihre Erfahrung mit sexueller Belästigung unter dem Hashtag #metoo schildern und die ewig andauernde Forderung nach Lohngleichheit zwischen Mann und Frau fortgesetzt wird.

Wäre die Welt eine andere, wenn sie von Frauen regiert würde? Diesen Versuch unternimmt Naomi Alderman in ihrem dieses Jahr mit dem Bailey’s Women’s Prize for Fiction ausgezeichneten Roman „The Power“.

Die Handlung lässt sich genauso schnell zusammenfassen, wie sich der Roman lesen lässt: Zuerst entdecken junge Mädchen, später alle Frauen, dass sie aus ihren Fingerspitzen Stromschläge ausstoßen können. Was zuerst nach einer kuriosen Fähigkeit klingt, wird schnell zur Bedrohung für die männliche Weltbevölkerung, die bald in Internetforen Anschläge gegen die stromschlagenden Frauen plant. Frauen beginnen, sich gegen ihre Unterdrückung und Ausbeutung zu wehren, es kommt zu Aufständen auf der ganzen Welt. Erzählt wird diese Revolution in jedem Kapitel von einer anderen Figur, deren Wege sich im Verlauf des Romans gelegentlich kreuzen.

Allie, ein von ihrem Pflegevater missbrauchtes Mädchen, spürt die Kraft als eine der ersten und nutzt diese, um ihn umzubringen und sich selbst in die Freiheit zu retten. Dabei hört sie auf eine innere Stimme, die sie schließlich davon überzeugt, auserwählt zu sein eine religiöse Führerin für alle Frauen der Erde zu werden.

„The voice says: If the world didn’t need shaking up, why would this power have come alive now? Allie thinks, God is telling the world that there is to be a new order. That the old way is overturned. The old centuries are done.“

Sie ändert ihren Namen zu Mother Eve, aquieriert neue Anhängerinnen über YouTube und wird zu einer Art Päpstin, von der auch Regierungschefinnen sich Rat erhoffen. Rückendeckung bekommt sie dabei von Roxy, die dabei zusehen musste, wie ihre Mutter ermordet wurde und vielleicht deshalb die Frau mit der meisten Kraft ist. Tunde, einer der wenigen männlichen Charaktere, ist fasziniert von der weltweiten Frauenbewegung und möchte sich selbst mit Reportagen darüber in die Geschichtsbücher einschreiben. Am Ende treibt ihn seine Neugierde in die Fänge eines Amazonenstamms, aus dem er zwar entkommen kann; doch dann muss er erfahren, dass seine Geliebte während seiner Abwesenheit durch seine Texte zu Ruhm und Ehre gelangt ist. In der Welt der Frauen herrschen letztlich die gleichen Intrigen und Machtspielchen. Es gibt noch einige weitere große und kleine Frauenfiguren, Naomi Alderman schreibt sich selbst in die Rahmenhandlung des Romans ein, was wie ein unnötiger Appendix an diesem Roman hängt.

Aldermans Mentorin und Vorbild, Margaret Atwood, schrieb sich mit „The Handmaid’s Tale“ in die Literaturgeschichte ein. Ihre Dystopie wird in beinahe jeder Rezension mit Aldous Huxleys „Brave new World“ und George Orwells „1984“ verglichen, obwohl dieser Vergleich zu kurz greift. Es geht Atwood nicht nur um die Zukunft der Menschheit und den Einfluss von Technologie auf den Alltag, sondern vielmehr um die Frage nach dem Wert des Individuums, um Geschlechterrollen und das Leben in einer Diktatur. Das Szenario, das Atwood bereits 1985 entwarf, wirkt heute noch immer so gnadenlos realistisch wie damals:

Religiöse Fundamentalisten in Nordamerika gründen in einer gewaltsamen Revolution einen neuen Staat, indem eine klare Rollenverteilung herrscht: Männer haben die Macht, während die Frauen in drei Klassen aufgeteilt werden: Ehefrauen, Dienerinnen und Mägde. Die Ich-Erzählerin schildert ihr Leben als Magd und lässt in Erinnerungen durchscheinen, wie es soweit kommen konnte, dass sie von ihrem Mann und ihrer Tochter getrennt wurde und jetzt in dieser Welt überleben muss.

„Ich würde gern glauben, dass ich nur eine Geschichte erzähle. […]. Aber wenn es eine Geschichte ist, und sei sie auch nur in meinem Kopf, muss ich sie jemandem erzählen. Man erzählt eine Geschichte nicht nur sich selbst. Es gibt immer irgendeinen anderen Menschen.“

Als Mägde wohnen die Frauen bei kinderlosen, wohlhabenden Paaren, tragen rote Kuten mit weißen „Flügeln“ um ihren Kopf, die ihr Gesicht weitgehend verbergen und die Männer so davor bewahren, Begierde und Lust zu empfinden. Letzteres hätte zum Untergang der Gesellschaft geführt und wird im neuen Staat mit dem Tod bestraft. In einem monatlichen Ritual, der Zeremonie, schlafen die Mägde im Schoß der Ehefrauen liegend mit deren Ehemännern in der Hoffnung, dass dabei ein Kind entsteht. Alle Frauen tragen den Namen des Hausherren, dürfen sich nicht frei bewegen und werden dabei zusätzlich von den „Augen“, einer Geheimpolizei, überwacht. Die Lage scheint trotz eines geheimen Bündnisses unter den Mägden und der Unterstützung des Chauffeurs Nick hoffnungslos.

„Besser bedeutet nie, besser für alle, sagt er. Es bedeutet immer, schlechter für manche.“

Im April 2017 feierte die gleichnamige Serie auf dem amerikanischen Videoportal Hulu Premiere. Elizabeth Moss, die sich als Peggy schon in Mad Men gegen die Machos der Werbewelt durchsetzen konnte, verleiht der Figur der Ich-Erzählerin June eine Willensstärke und einen Hauch von Sarkasmus, der ihr an manchen Stellen auch im Roman gut getan hätte. Die fast 400 Seiten lesen sich wie ein Thriller mit einigen Längen – die 10 Folgen der Serie dagegen möchte man am liebsten in einem Rutsch anschauen: sie sind düster, unglaublich gut gespielt und nutzen die Vorteile des Mediums, indem sie Themen und Figuren Raum geben, die den Roman gesprengt hätten.

In beiden Romanen hinterfragen die beiden Autorinnen das Frau-Sein in der Gesellschaft auf ganz unterschiedliche Weise und werfen doch die gleichen Fragen auf: Welche Bedeutung hat das Geschlecht bei der Frage nach Macht? Ist die körperliche Überlegenheit der Männer Grund und/oder Ursache dafür, dass die Welt heute so ist, wie sie ist? Was wäre anders, wenn die Frauen die Führungsrollen in Politik, Unternehmen und Familien ganz automatisch zugesprochen werden könnte? Was würde passieren, wenn Männer Kinder bekämen? Und was, wenn es keine Grenzen mehr gäbe zwischen den Geschlechtern?

„There is no shape to anything except the shape it has. Every name we give ourselves is wrong. Our dreams are more true than our waking.“

Erster Satz: „Dear Naomi, I’ve finished the bloody book.
Wort des Buches: skein.
Hat mich erinnert an: Kate Tempest The Bricks that Built the Houses.

Naomi Alderman, The Power, Penguin, 339 Seiten

Erster Satz: „Wir schliefen in einem Raum, der einst die Turnhalle gewesen war.
Wort des Buches: blassrosa. 
Hat mich erinnert an: Ödön von Horváth Jugend ohne Gott.


Margaret Atwood, Der Report der Magd, Piper Taschenbuch, 392 Seiten

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