Sharon Dodua Otoo, „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“

Dieses Bild zeigt das Cover des Romans der letztjährigen Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo.

Vor einem Jahr ist Sharon Dodua Otoo für ihren Text „Herr Göttrup setzt sich hin“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Damit folgte sie auf Nora Gomringer. Beide Autorinnen waren übrigens von Sandra Kegel eingeladen worden. Außerdem auffällig: Bei beiden prämierten Texten handelte es sich um Auftragsarbeiten. Gomringer solle doch mal einen Prosatext schreiben, Otoo, die bis dahin erst zwei Novellen auf englisch veröffentlicht hatte, sich mal im Deutschen versuchen. Jetzt hat der Fischer Verlag die deutsche Übersetzung dieser englischen Novellen „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ und „Synchronicity“ im Taschenbuch herausgegeben. Damit wird es spätestens jetzt Zeit, sich einmal näher mit Sharon Dodua Otoo auseinanderzusetzen.

Auf dem in typischen „Afrikafarben“ gestalteten Cover fällt sofort der runde Aufkleber mit dem Autorinnenfoto ins Auge. Sicherheitshalber wurde noch der Schriftzug „Ingeborg-Bachmann-Preis 2016“ hinzugefügt. Begleitet wird diese einfallslose Gestaltung durch das tautologische Pressezitat von Philip Oltermann auf der Rückseite: „Sharon Dodua Otoo hat den wohl angesehensten deutschsprachigen Literaturpreis gewonnen.“ Ach so, na dann!

Beim Aufschlagen des Buches leider gleich die nächste Enttäuschung. Das Buch wurde auf schneeweißem Papier gedruckt und wirkt in seiner Reclam-artigen Klebebindung leider kaum wertiger als ein selbstausgedruckter Reader. Fairerweise muss man zugeben, dass die Papierauswahl wohl den (übrigens äußerst bemerkenswerten!) Illustrationen in „Synchronicity“ von Sita Ngoumou geschuldet ist. Trotzdem hätte man der Autorin (und der Leserin) eine einladendere Form bieten können.

Illustration in "Synchronicity" von Sita Ngoumou, S. 158.

Illustration in „Synchronicity“ von Sita Ngoumou, S. 158.

Der Inhalt der beiden Novellen ist schnell erzählt: In „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ verkraftet es die Protagonistin nicht, dass sie ihr Mann für eine andere verlassen hat. In „Synchronicity“ verliert (ausgerechnet!) eine Grafikdesignerin eine Farbe nach der anderen, um sie dann genauso wundersamerweise wiederzuerlangen. Da es sich bei „Synchronicity“ um eine kürzere Adventsgeschichte handelt, konzentriere ich mich für die Kritik im Folgenden nur auf die erste, längere Novelle.

„Zwischen zwei Namen von Männern, die mich verlassen haben, gefangen zu sein, ist irgendwie verwirrend.“

Damit bezieht sich die Protagonistin aus „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ einerseits auf ihren Vater, andererseits auf ihren Ex-Mann: Till Peters, „dessen Familienname so unmissverständlich zu dem Land gehörte, in dem er geboren wurde, aufwuchs und lebte, dass ich nur dachte: Wie sexy ist denn das?“ (Hervorhebung im Original) Als Tochter von ghanaischen Einwanderern in England aufgewachsen, lebt sie gerade als Doktorandin und Mutter von zweieiigen Zwillingen in Berlin-Kreuzberg. Ihr Ex hat sie für die „illegale Einwanderin“ namens Desta aus einem Flüchtlingsheim in Möhlau verlassen. Banaler und klischeebeladener könnte die „unerhörte Begebenheit“ dieser Novelle nicht sein – Dass dieses Klischee immer wieder selbstironisch und mit viel Leichtigkeit und Sinn für humorvolle Details gebrochen wird, bildet das durchgehende Stilmittel dieser Geschichte. Durch die Erzählperspektive gelingt es Sharon Dodua Otoo zwar, uns die zeitgenössischen Probleme einer schwarzen Einwanderin in einem weiß geprägten Alltag erstaunlich nahe zu bringen. Inhaltlich wie sprachlich überzeugt mich Otoos Novelle jedoch trotzdem nicht.

Die fremd und verloren wirkende Ich-Erzählerin entschließt sich, mit 16 Jahren Veganerin zu werden. Dies verbindet sie auch mit ihrer Kommilitonin, „der Australierin“, die außerdem beim gleichen Professor mit der Vorliebe für deutsches Theater, also „weißes, heterosexuelles, männliches deutsches Theater“ promoviert.

„…dass ich mich als strenge Vegetarierin betrachte…und dass Theo und ich deswegen so fundamentale Probleme hatten…weil ich ihm nie wieder einen blasen konnte.“

Laut „der Australierin“ ist das der Grund für Theos Trennung von ihr und damit vielleicht auch der für Tills von der Ich-Erzählerin. „Die Australierin“ kennt wohl jede von uns: Sie ist die ausgewiesene „Nicht-Freundin“, also Freundin, einfach nur, weil sie gerade da ist und niemand sonst zur Verfügung steht. Damit greift „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ viele Trendthemen unserer Zeit auf: anonymes Großstadtleben in Berlin, vegane Ernährung, „regretting motherhood“,  mehr Zeit mit „Nicht-Freundinnen“ verbringen als mit echten Freunden und nicht zuletzt die Flüchtlingsthematik:

Diese wird durch die Figuren der Desta und des Kareem, denen beiden die Abschiebung aus Deutschland droht, stark thematisiert. Dass die Auszeichnung Otoos mit dem Bachmannpreis zeitlich mit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Sommer 2016 zusammenfiel, dürfte daher auch kein Zufall sein. Die Preisvergabe erinnert dabei an den Film „Blau ist eine warme Farbe“, der in Cannes 2013 geehrt wurde und die damalige Toleranz- und Protestbewegung in Frankreich bildlich transportierte. Buch wie Film sind damit erstaunlich aktuell (gewesen). Für meinen Geschmack zu aktuell, um morgen noch von Belang zu sein.

Erster Satz: „…begleitet von dem Geräusch eines rhythmischen Protestsummens“
Wort des Buches„Holzbrettgefühl“ 
Hat mich erinnert an: „Alles über Beziehungen“ von Doris Knecht und „Bodentiefe Fenster“ von Anke Stelling


Sharon Dodua Otoo, „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ und „Synchronicity“. Zwei Novellen, S. Fischer, 249 Seiten, 9.99€ 

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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