Sasha Marianna Salzmann, Außer sich

Dieses Bild zeigt Sasha Marianna Salzmanns Roman "Außer sich".

Ali, eigentlich Alissa, ist außer sich. Ihr Zwillingsbruder Anton ist verschwunden, eine leere Postkarte aus Istanbul der einzige Anhaltspunkt für ihre Suche. Kurzentschlossen reist sie selbst in die Türkei und gerät in die Anfänge des Militärputsches vom Juni 2016, den schon Fatma Aydemir in ihrem Debüt Ellbogen vom Januar diesen Jahres literarisch verarbeitete. Auch das Thema von symbiotisch miteinander verschmolzenen Zwillingspaaren ist ein literarisch nicht ganz unbekanntes, prägte es doch zuletzt die Romane von Dorothy Baker Zwei Schwestern und Arundhati Roy Der Gott der kleinen Dinge.

Doch Sasha Marianna Salzmann geht in ihrem Debüt ganz anderen Fragen nach: Im Kopf ihrer Protagonistin Ali verschwimmt die aktuelle Reise mit der, die sie vor vielen Jahren mit ihren jüdischen Eltern unternommen hat, als sie von Russland nach Deutschland immigrierten. Und die Suche nach Anton entpuppt sich stufenweise als eine Suche nach der eigenen Identität. Ob Anton dabei jemals existiert hat oder stets bereits die männliche Variante Alissas vorwegnahm, das ist eine Frage unter vielen, die der Roman stellt.

„Ich dagegen fühle mich unfähig, verbindliche Aussagen zu treffen, eine Perspektive einzunehmen, eine Stimme zu entwickeln, die nur die meine wäre und für mich sprechen würde.“

Es ist ein extrem zeitgenössisches Gefühl der Fremdheit vor dem eigenen Selbst, von dem die Autorin da erzählt und es ist dieses mir wohlvertraute Gefühl, erzählt in langen Sätzen voller Perspektivwechsel und Humor, das diesen Roman für mich zu dem literarischen Ereignis dieses Herbstes werden lässt. Denn für ein Debüt macht die Autorin schier alles richtig: Sie überrascht mich, indem sie die aus dem Klappentext angekündigte russische Familiengeschichte in Istanbul eröffnet. Ihr Roman ist innovativ im Sujet, mehrdeutig bis ins kleinste Detail und kompromisslos in seiner literarischen Form. Der erzählerische Mut, eine Transgender-Thematik in den Mittelpunk zu stellen und diese sprachlich auszubalancieren, verdient sich meinen vollen Respekt:

„Keine dieser Geschichten hatte je ihren Weg in die Erzählungen von Familie gefunden, aber es musste sie doch gegeben haben, also was war falsch daran, sie sich zu erdenken?“

Grenzen aufheben – ob räumlich, sprachlich, familiär oder identitätsbezogen – das ist die Aufgabe, die sich der Roman stellt. Das Leben ist schnell geworden und ebenso temporeich ist auch die Sprache, in der erzählt wird. Ali ist überfordert, nimmt ihre Umgebung nur noch in Details wahr. In ihrem Kopf sieht es aus wie eine „auseinanderfliegende Matrjoschka“ (die ich übrigens stark im wieder sehr eindringlich gestalteten Cover vermute); um dieses Gefühl sprachlich darzustellen, bedient sich Sasha Marianna Salzmann dem pars pro toto, vielleicht dem Stilmittel, das unsere Gegenwart am besten zu fassen vermag: „Die ganze Welt steht hier Schlange. Miniröcke, Burkas, Schnurrbärte in allen Schnitten und Farben, Sonnenbrillen in allen Größen.“ Kategorien wie Zeit und Raum werden neu definiert, wenn es etwa so schön heißt: „In Richtung dieser Abende ging Ali spazieren.“ Und über all dem schwebt die tiefe Verunsicherung der Protagonistin, das Gefühl der Immigrantin ohne Wurzeln, ohne Treppengeländer des Lebens, an denen sie sich festhalten könnte. Den Moment der Einwanderung fasst sie wie folgt zusammen: Sie habe das Gefühl gehabt,

„(…) in ein Bild gesteckt worden zu sein, das bei McDonald`s an der Wand hängt. Alles war Dschungel, alles war Farben, alles machte ihr Angst, und sie wusste nicht, ob sie am Boden lag oder in ein Loch gefallen war.“

Was Alis Geschichte mit den Geschichten ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern verbindet, den Moment markiert, in dem Vergangenheit in Gegenwart kippt und umgekehrt, das ist im Roman stets der Geschmack von verdorbenem, vor Fett triefendem Hähnchenfleisch. Denn das aß Ali während jener denkwürdigen Zugfahrt, die sie erst später als Immigration nach Deutschland begriffen hat. Was außerdem bleibt von einem Jahrhundert russischer Familiengeschichte ist der Linoleumboden, der den ersten Plattenbau der Familie in Moskau „Krasny-Majak-Nummer-Dreizehn-Gebäude-Zwei-Wohnung-Hundertachtundzwanzig“ mit der ersten Wohnung im Asylantenheim in Deutschland und der jetzigen Wohnung Alis in Istanbul gemein hat. Der Fernsehtisch aus Spanplatte, die „wie Eiche aussehen sollte“, darauf die Etagere und der von Urgroßvater Schura angefertigte Brotkasten, nunmehr nur noch leere Hülse, denn Brot wird heutzutage neben allem anderen im Kühlschrank aufbewahrt.

Ins Surreale kippt der Roman, wenn die Sprache auf Aglaja fällt, ein Zirkusmädchen, deren Oberkörper einer Ziehharmonika, deren Beine einem Meerjungfrauenschwanz ähneln. Aglaja ist die große Liebe Antons und/oder Alis, denn beide riechen das gleiche einzigartige Gemisch aus „Freesien, Bergamotte, Ananas, Orangen, Zedernholz und Vanille“, sobald sie den Raum betritt. Nicht zuletzt in seiner Geruchsintensität hat mich Außer sich an Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili erinnert, wenngleich der Fokus von Salzmann mehr auf der Sprache liegt:

„Sie sprach in mehreren Sprachen gleichzeitig, mischte sie je nach Farbe und Geschmack der Erinnerung zu Sätzen zusammen, die etwas anderes erzählten als ihren Inhalt, es klang, als wäre ihre Sprache ein amorphes Gemisch aus all dem, was sie war und was niemals nur in einer Version der Geschichte, in einer Sprache Platz gefunden hätte.“

Mit diesem Sprachfeuerwerk gehört Sasha Marianna Salzmann für mich zu den Kandidat/-innen für den Bachmannpreis 2018. Ihr Debüt wurde von den Juroren Hubert Winkels in der SZ und Sandra Kegel in der FAZ nicht uninteressiert zur Kenntnis genommen. Es würde mich wundern, wenn die Autorin nächstes Jahr nicht bei den Tagen der Deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt lesen würde.

Erster Satz: Ich weiß nicht, wohin es geht, alle anderen wissen es, ich nicht.
Wort des Buches„Linoleumboden“ 
Hat mich erinnert an: Fatma Aydemir, Ellbogen, Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), Oğuz Atay, Die Haltlosen.


Sasha Marianna Salzmann, Außer sich, Suhrkamp, 365 Seiten, 22 Euro

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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