Olga Slawnikowa, 2017

Dieses Bild zeigt das Cover des Romans "2017" von Olga Slawnikowa.

Russische Literatur ist auf dem deutschen Buchmarkt eher Mangelware. Natürlich erfreuen sich die „großen Russen“, die Klassiker, an regelmäßigen Neuübersetzungen in immer teurerer Ausstattung; die junge russische Literatur wird dabei aber meist außer Acht gelassen: Von immerhin 6031 Titeln, die vergangenes Jahr aus dem Englischen übersetzt wurden, waren es nur 92 aus dem Russischen. Diesem Trend widersetzt sich nicht zuletzt der Matthes & Seitz Verlag, der nun, 10 Jahre nach Erscheinen in Russland und quasi zeitgleich mit dem titelgebenden Jahr 2017 einen der für mich bedeutendsten Romane der russischen Gegenwartsliteratur in deutscher Übersetzung von Christiane Körner und Olga Radetzkaja vorlegt.

Es handelt sich um den vierten von bisher sieben Romanen Olga Slawnikowas. In Russland erschien der Roman bereits 2006 und gewann prompt den dortigen Booker Preis. Das frühere Erscheinungsjahr unterstrich sicherlich den Zukunftsanspruch des Buches, der heute zwar ein wenig in den Hintergrund zu rücken scheint, aber zweifellos nichts von seiner ursprünglichen Intensität eingebüßt hat: das wird spätestens beim Lesen klar. Mit Nabokov und Bulgakow wird die Autorin verglichen; für mich zeichnet sie sich für die innovative Kombination von Mythos mit Science Fiction in Verbindung mit einer so präzisen, gleichermaßen messerscharfen wie ironischen Sprache aus.

„Krylow war für halb acht Uhr morgens zum Bahnhof bestellt. Unerklärlicherweise hatte er verschlafen und rannte jetzt zwischen weitverzweigten Pfützen hindurch, die mit ihren gestreckten Umrissen an verwirrte Matissesche Tänzer erinnerten.“

Schon die beiden Anfangssätze des Romans drücken das aus, was den Roman für mich so unbedingt lesenswert macht: Das Wort „unerklärlicherweise“ versinnbildlicht den Spalt zwischen sowie die Sehnsucht nach dem magischen Moment, wo Fiktion in Wirklichkeit kippt und umgekehrt. „Weitverzweigte Pfützen“ werden durch Matissche Tänzer für mich nicht nur perfekt illustriert, sondern unterstreichen auch den künstlerischen Anspruch des Romans. Überhaupt scheint Matisse bei russischen Schriftstellern gerade wieder en vogue: Alexander Ilitschewski benannte sogar einen seiner Romane nach dem Künstler.

Henri Matisse

Henri Matisse, Der Tanz, Öl auf Leinwand: 260 x 391 cm, 1909-10, Eremitage, St. Petersburg. Quelle: Wikipedia „Der Tanz (Gemälde)“

Vordergründig geht es um den Edelsteinschleifer Krylow, der sich am Bahnhof augenblicklich und unsterblich in eine Frau verliebt, mit der er eine Affäre beginnt. Sie vergeben, er gerade geschieden zweifeln zwar keine Sekunde an der Intensität ihrer Gefühle füreinander, aber gehen doch keine Beziehung im üblichen Sinne ein. Stattdessen verabreden sie sich an immer neuen Orten der betonüberwucherten, als äußerst hässlich und postsowjetisch beschriebenen Stadt und fordern das Schicksal heraus, dass sie, zwar ohne Telefonnummer, aber mit Schlüssel zur unbekannten Wohnung des anderen ausgestattet, sich nicht wiederfinden werden, falls sie sich einmal verpassen sollten. Der Nervenkitzel, der die beiden Liebenden zu solch einem Vorgehen antreibt, überträgt sich auf den Leser, denn natürlich tritt genau dieser Fall ein: Auf einem Platz vor der Metrostation, an der Krylow und Tanja sich verabredet haben, findet anlässlich der des 100jährigen Jubiläums die Nachstellung der russischen Revolution von 1917 mit Rot- und Weißarmisten statt, gerät völlig außer Kontrolle, sodass die beiden sich für (fast) immer verpassen.

Die Besonderheit des Romans liegt aber vielmehr in seinem Schauplatz begründet. Laut kulturreport-russland.de und Wikipedia spielt der Roman im „Uralgebirge, wo auch die Autorin aufwuchs“. Verkürzt betrachtet mag das stimmen, im Roman selbst steht aber nie „der Ural“, sondern das antike, mythische Wort „Riphäische Bergkette“:

„Zweifellos gehört die riphäische Bergkette zu jenen geheimnisvollen Regionen, wo die Landschaft auf direktem Weg das Denken der Menschen formt. Ein echter Riphäer hat nicht Erde unter den Füßen, sondern Stein. (…) Wie der Bewohner der gemäßigten Zone Russlands ,in die Natur‘ geht, um Beeren und Pilze zu sammeln, so macht sich der Riphäer in seinem zerbeulten Lada auf den Weg, um Edelsteine zu sammeln.“

Das riphäische Gebirge ist ein Begriff aus der antiken Geographie und beschreibt das Gebirge am äußersten Rand der damals bekannten Welt. Je nach Ausdehnung des Römischen Reiches konnte sich das riphäische Gebirge immer weiter nach Osten oder Norden verschieben. Eine eindeutige Lokalisierung dieses Gebirges ist daher nicht möglich und macht für mich den Reiz des Buches aus: Dadurch, dass die Autorin diesen mythischen Ort in das zukünftige Jahr 2017 versetzt, verbindet sie Geschichte mit Literatur, Fiktion mit Wirklichkeit. Die außergewöhnliche Schönheit der Landschaft, wo der Himmel blauer, die Natur grüner und die Berge glänzender sind als irgendwo sonst, ist für mich beim Lesen mit der Schönheit der Sprache verschmolzen. Nach nur wenigen Seiten Lektüre war ich (immer wieder) zum Bersten voll von unvergesslichen Bildern, die ich mir in ihrer Präzision gar nicht alle gleichzeitig vorstellen konnte. Diese Schönheit ist es auch, die den Leser immer wieder zum Buch zurücktreibt.

Der Menschentyp „Riphäer“ ist eigenbrödlerisch, den alten, guten Dingen verpflichtet. Es wimmelt im Roman nur so von zerbröselndem Kartenmaterial, vorzeitlicher Expeditionsbekleidung und Taschenlampen mit Wackelkontakt. Gleichzeitig ist er an totale Satellitenüberwachung und chemisch zusammengesetzte Lebensmittel gewöhnt, ohne daran auch nur einen weiteren Gedanken zu verschwenden. Er träumt weiter von unermesslichem Reichtum unter der Erde, vertraut bei der Suche nach Edelsteinen aber den Eidechsen zwischen den Gesteinsritzen mehr als der technischen Durchleuchtung des Massivs. Auch bei Büchern zieht er das schlicht gehaltene, dafür aber gut gebundene Bibliotheksexemplar den vor Farben strotzenden Neuerscheinungen vor:

„Der Einband war quasi die falsche Kleidung für das Buch. Verglichen damit wirkte das blaue Bändchen wie ein edles Kulturprodukt, es verewigte jedes gedruckte Wort. Das Buch verströmte einen altehrwürdigen Bibliotheksgeruch, während man der Neuerscheinung deutlich ansah, dass sie keinen Anspruch auf Haltbarkeit stellte: Es schien, als müsste im Impressum auch ein Verfallsdatum stehen.“

In meinem Exemplar von „2017“ steht jedenfalls kein Verfallsdatum, was nicht zuletzt auch am gelungenen Cover von Dirk Lebahn liegen könnte.

Erster Satz: „Krylow war für halb acht Uhr morgens zum Bahnhof bestellt.“
Wort des Buches: „riphäisch“
Hat mich erinnert an: Gaito Gasdanow „Das Phantom des Alexander Wolf“, Johanna Bator „Dunkel, fast Nacht“


Olga Slawnikowa, 2017, Matthes & Seitz, 460 Seiten, 25 €

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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