Olga Grjasnowa, Gott ist nicht schüchtern

Dieses Bild zeigt das Cover von Olga Grjasnowas Roman "Gott ist nicht schüchtern".

Olga Grjasnowa habe ich zum ersten Mal am 17. Januar 2013 in der Alten Schmiede in Wien gesehen. Zur Lesung kam sie aus Berlin angereist und etwas zu spät. „Der Russe ist einer der Birken liebt“ würde kurz danach von der Presse entdeckt und gefeiert werden. An diesem Abend las sie vor den höchstens 20 Anwesenden noch sehr leise, es dauerte, bis sie Antworten auf die Fragen des Moderators fand.
An diesem Abend herrschte bereits seit zwei Jahren Bürgerkrieg in Syrien, der bis heute andauert.

In ihrem inzwischen dritten Roman „Gott ist nicht schüchtern“ erweitert Grjasnowa die nüchternen Berichterstattungen über syrische Flüchtlinge mit konkreten Schicksalsgeschichten. Was treibt tausende Menschen dazu aus ihrer Heimat zu fliehen und dabei ihr Leben zu riskieren? Und: Was heißt das, „fliehen“?

Für Hammoudi ist der Kurztrip von Paris nach Syrien reine Formsache. Nach der bestandenen Facharztprüfung reist er in die Heimat, um seinen Pass verlängern zu lassen. Man spürt eine gewisse Arroganz, während er dort den Abend mit alten Freunden verbringt und glaubt, diese Vergangenheit schon lange hinter sich gelassen zu haben. Zurück im Hotelzimmer des „Four Seasons“ sehnt er sich nach den Museumsbesuchen mit seiner Verlobten Claire, den teuren Abendessen in Paris und der Kultiviertheit der Franzosen. Umso erstaunter ist man als Leserin darüber, wie schnell sich Hammoudi dann damit abfindet, dass sein Pass nicht verlängert wird und er gezwungen ist in Syrien zu bleiben. Seine Vergangenheit hat ihn wieder eingeholt.

„Amal hat Angst, die sie wegzuspielen versucht.“

Als Schauspielerin ist sie Teil der „vulgären Boheme“ in Damaskus, die sich in ausgesuchten Cafés trifft, um dort frei Kritik am Regime Assads zu üben. Weil sie um die einflussreichen Kontakte ihres Vaters weiß, beschließt sie keine Angst mehr zu haben, während sie an friedlichen Demonstrationen in der Innenstadt teilnimmt. Dabei verliebt sie sich in den Regisseur Youssef, die beiden beginnen eine Beziehung und bleiben während ihrer Flucht „wie ein altes Ehepaar“ zusammen.

In drei Teilen erzählt Grjasnowa die Geschichte von Hammoudi, Amal und Youssef. Jedem dieser Teile steht eine Landkarte voran, die das Gebiet verortet, in dem die Handlung spielt: Ein Close-Up auf Syrien und die unmittelbaren Nachbarländer in Teil 1, ein Zoom-Out, das alle Länder zwischen Dänemark und dem Iran einschließt in Teil 2 und vor dem kurzen dritten Teil eine Auswahl an Sternbildern.

Die Gründe für die Flucht aus Syrien liegen auf der Hand. Das unterdrückerische Regime Assads limitiert die persönliche Freiheit der Protagonisten so weit, dass ihnen kein Raum für das Gefühl von Heimat bleibt. Selbst die Kontakte ihres Vaters bewahren Amal schließlich nicht davor, grausam gefoltert zu werden. Erst als sie eine Entdeckung macht, die das Fundament ihrer Familie zum Wanken bringt, entschließt sie sich Damaskus zu verlassen.

„Mit zusammengepressten Lippen und zu Fäusten geballten Händen bleibt sie vor der Tür stehen. Sie weiß nicht mehr weiter, sie wartet darauf, dass die Tür wieder aufgeht, aber das tut sie nicht. Nach einer Weile dreht sie sich um und geht mit hochgezogenen Schultern und hängendem Kopf zu ihrem Auto zurück.“

Hammodi engagiert sich währenddessen im Untergrund, klaut medizinische Hilfsmittel aus dem Krankenhaus und verarztet verwundete Revolutionäre. Ein umso drastischer Bruch, wenn man bedenkt, dass er sich aufgrund der „perfekten Symmetrie seines Gesichtes“ entschied, Facharzt für Schönheitschirurgie zu werden. Zum ersten Mal verspürt er wieder Sinn in dem, was er tut. Mit der Zahl der Opfer steigt aber auch seine Verzweiflung. Aus Mangel an Material begibt er sich auf eine riskante Tour durch das bekriegte Land, um vermeintliche Hilfspakete einer NGO abzuholen. Als sich darin nur Kondome in verschiedenen Geschmacksrichtungen finden, fragt man sich, wie lange er es noch aushalten wird.

Amal und Hammoudi werden sich noch einmal in Deutschland begegnen. Bis dahin passiert noch sehr viel. Beide werden zwar die Flucht überleben, das Flüchtling-Sein jedoch nicht.

„Gott ist nicht schüchtern“ erzählt, was man sich nicht vorstellen kann, während man sich beim Lesen an seiner Kaffeetasse wärmt. Wie schnell Terror zum Alltag werden kann und eine Flucht aus der Heimat zur einzigen Alternative.

Dennoch. Und vielleicht ist es wirklich auch nur eine Frage der Perspektive: Die Geschichte von Mascha, der Protagonistin von Grjasnowas Debütroman „Ein Russe ist einer der Birken liebt“ erlebt man trotz des vergleichsweise harmlosen Themas durch die Ich-Perspektive so authentisch, echt und glaubhaft, dass Amal und Hammoudi dagegen konstruiert wirken. Deren Sprache besitzt wenig Eigenständiges und des Öfteren bekommt man den Eindruck, dass ihnen Informationen und Meinungen in den Mund gelegt werden, die die Autorin Grjasnowa noch unbedingt unterbringen wollte. Auch die Schilderung der vielen Gerüche, die von den Protagonisten wahrgenommen werden (Safran, Rosmarin, modrig duftende Blumengestecke in der Eingangshalle des Four Seasons Hotels, Eukalyptus,…) , und beim Lesen immer wieder aufstoßen, bewirken eher den Effekt, der in einer Parfümerieabteilung auftritt: Irgendwann wird man einfach blind dafür.

Gleiches gilt, wenn im dritten Teil gefühlt jedes Kapitel mit der Beschreibung des Wetters beginnt: „Die Tage werden wieder kürzer, die Luft wird kälter.“, „Das Wetter ist schön, fast ein wenig zu schön für diese Jahreszeit.“, „Es hat aufgehört zu regnen“.

Dass es auch anders gelingt, die Atmosphäre eines Momentes wiederzugeben, zeigt die gleiche Autorin an Stellen wie dieser, die während der Flucht unter Deck des Schiffes spielt:

„Aufmerksam betrachtet Amal das Baby, den kahlen Hinterkopf, die flaumigen Härchen am Kopf, die pummeligen Ärmchen und Beinchen. Es ist jeden Augenblick bereit, die ganze Welt anzulächeln.“

 

Erster Satz: „Durch das Bullauge des Flugzeugs sind bereits die ersten Felder zu sehen, ihnen folgt ein Häusermeer und verschwindet wieder, dann schwenkt die Tragfläche nach oben, und durch das Fenster ist nur noch das Himmelblau zu sehen.“
Wort des BuchesAngst
Hat mich erinnert an: „Do Not Say We Have Nothing“ von Madeleine Thien.


Olga Grjasnowa, Gott ist nicht schüchtern, Aufbau Verlag, 309 Seiten.

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

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