Nina Bußmann, Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen

Dieses Bild zeigt das Cover von Nina Bußmanns Roman "Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen."

Wollen wir nicht alle manchmal einfach verschwinden? Unsichtbar werden, abtauchen, nur so lange bis das, wovor wir uns verstecken wollen, sich ebenfalls einfach wieder verzogen hat?

Mit verschiedenen Geschichten vom Verschwinden beginnt der neue Roman von Nina Bußmann. Erzählt wird von ganzen Schiffsbesatzungen im 19. Jahrhundert, die nie wieder aus der Karibik zurückkehrten, von der Familie eines Modeschöpfers, die nach einem Flug im Privatjet nicht wieder gesehen wurde. Monate später wurde zwar eine Sporttasche angeschwemmt, weder Wrackteile, noch Leichen wurden jedoch jemals gefunden. Das Meeresgebiet zwischen westlichem Atlantik und der Karibik, das Bermudadreieck, scheint ein Ort zu sein, an dem sich solche unerklärliche Begebenheiten besonders gerne abspielen. Tatsächlich ist die Zahl dieser Vorkommnisse im Vergleich nicht weiter auffällig.

„Während ich solche Geschichten hinnahm, mich bei ihnen erholte, sie manchmal schon beim Lesen wieder vergaß, wollte Nelly ihnen auf den Grund gehen. Vagheiten und Zweideutigkeiten hielt sie überhaupt nicht aus, sie konnte wie ein Kind sein, alles wollte sie erklärt haben.“

Nelly, eine Freundin der Ich-Erzählerin, ist ebenfalls dort verschwunden. Nachdem sie mit einem Bekannten dessen Flugzeug bestiegen hatte, ward nichts mehr von ihr gehört. Der Ich-Erzählerin genügt dies als Anlass, um selbst nach Nicaragua zu reisen, in das Dorf San Dionisio, in dem sich Nelly zuletzt aufgehalten hatte, und nach ihrer Freundin zu suchen. Man gewinnt den Eindruck, als hätte sie genau auf einen solchen Anlass gewartet, um ihre theoretische Arbeit, die „Menschenbeschreibungsversuche“ als Soziologin, ihren One-Night-Stand Ulrich und den Rest ihres Alltags hinter sich zu lassen und sich auf etwas anderes konzentrieren zu können, Ablenkung von sich selbst zu suchen.

„Ich wollte die Orte aufsuchen, an denen sie sich aufgehalten hatte. Fetzchen zusammensuchen. Viel mehr erhoffte ich mir nicht.“

Die beiden Frauen kennen sich aus dem Studium, wo sie eine Zeit lang im gleichen Wohnheim untergekommen sind. Im Unterschied zu Nelly, die dort auch bis zu ihrer Promotion blieb, zog die Ich-Erzählerin bei der nächstbesten Gelegenheit wieder aus. Sie hielt die depressive Grundstimmung, die in diesem Gebäude herrschte, nicht aus. Obwohl Nelly in ihrem Job als Seismologin die Welt bereiste, um über die Zusammensetzung der Erdkruste und die Vorgänge an den Plattengrenzen zu forschen, hörte sie nicht auf, Briefe und E-Mails an ihre Freundin zu schreiben. In der letzten Zeit vor ihrem Verschwinden wurden diese immer häufiger, bis zu mehrmals täglich und im Ton immer fordernder.

„Ich habe nie ganz gewusst, weshalb sie mir nicht zu schreiben aufhörte, noch Jahre nachdem wir zusammengewohnt hatten.“

Nellys Mutter, die als Aussteigerin in einem abgelegenen Dorf lebt, beschreibt die letzten Meldungen ihrer Tochter  als  „Briefe eines Kindes, das mit der Zunge zwischen den Zähnen aus dem Ferienlager nach Hause schreibt, vom Wetter berichtet, Erlebnisse aneinanderreiht, bemüht zu zeigen, dass sie es schön hat[…].“

Die Erzählerin quartiert sich bei der ehemaligen Vermieterin Nellys in San Dionisio ein. Esperanza und die anderen Männer und Frauen, die im Haus ein- uns ausgehen, erzählen ihr wie das ganze Dorf Nelly verfallen war. Sie grüßte jeden, gab den Nachbarsmädchen Nachhilfe und unterhielt diverse Männergeschichten, und das, obwohl sie zuletzt plante mit ihrem Verlobten Jakob ein Kind zu adoptieren. Irgendwann jedoch änderte sich etwas. Nelly verbrachte die Abende lieber zu Hause vor dem Fernseher mit Esperanza. Nachts klopfte sie an deren Tür und fragte, ob sie bei ihr schlafen könne. Sobald sie dann neben ihr lag, sei sie sofort eingeschlafen, so Esperanza.

Keine der Figuren spricht davon, dass Nelly tot ist. Mit ihrem Verschwinden bleibt die Unsicherheit darüber, was wirklich passiert ist, wer Nelly überhaupt war. Eliteuniversitäten, spannende Reisen und die Verlobung hin oder her.

„Ich kann es nicht mehr hören, das Reden über die Schwermut und die Mutlosigkeit, es gibt Medikamente und Therapien, man kann so etwas behandeln lassen, sich zusammennehmen, es gibt größere Probleme in der Welt.“

Nina Bußmann versteht es gerade so viel auszusparen, dass man als Leserin selbst zwischen den eigenen Vermutungen und der literarischen Wirklichkeit des Romans zu schwanken beginnt. Je länger man über einzelne Szenen des Romans nachdenkt, desto deutlicher spürt man die Einsamkeit jeder Figur und deckt ihre Versuche, sich selbst davon abzulenken, auf.

In Zeiten der Selbstinszenierung auf Facebook und Instagram, der Darstellung des eigenen Lebens als beneidenswerte, konstruierte „Story“, bietet „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen“ einen unaufdringlichen Anlass sich selbst genau darüber Gedanken zu machen: Welche Geschichten bleiben, wenn ich selbst einfach verschwinden würde?

Erster Satz: „In der Karibik verschwindet es sich leicht.
Wort des Buches„Vorgewitterluft“ 
Hat mich erinnert an: „Nobody is ever missing“, Catherine Lacey, Die Welt der schönen Bilder“, Simone de Beauvoir.


Nina Bußmann, Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen, Suhrkamp Verlag, 329 Seiten. 

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

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