Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol

Dieses Bild zeigt das Cover von Natascha Wodins Roman "Sie kam aus Mariupol".

Sie kam aus Mariupol“ – Wer fühlte sich bei dieser Titelwahl nicht sofort an Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ erinnert? Tatsächlich gehen beide Autorinnen in ihren Werken auf Herkunftssuche, beide führen ihre eigene Geburt letztlich auf eine Banalität, vielleicht eine literarische Fiktion zurück: Petrowskaja führt dafür ihren unvergesslichen Fikus, Wodin einen Ferienscheck an.

„Hätte Lidia keinen Ferienscheck bekommen, wäre meine Großmutter nicht nach Medweshja Gora gefahren, und dann wäre das Leben meiner Mutter wohl anders verlaufen.“ (…) Ich bin die Folge eines Ferienschecks, den irgendein sowjetischer Kader aus unerfindlichen Gründen meiner Tante, einer ehemaligen Konterrevolutionärin, ausgestellt hat.“

Beide Autorinnen wissen zu Beginn nicht viel über ihre eigene Familie. Doch während die Großmutter Petrowskajas vielleicht Esther hieß, weiß Natascha Wodin, (die, wie sie an einer Stelle bekennt, eigentlich Wdodin heißt) zu Beginn nur eines ganz genau: Der Name ihrer Mutter lautete Jewgenia Jakowna Iwaschteschenko.

Genau diesen tippt sie eines Tages ins „russische Internet“ ein und stößt dadurch auf schier Unglaubliches: Sie, die sie 1945 als Tochter von Zwangsarbeitern in Deutschland geboren wurde, soll einer adeligen Familie entstammen. Diese Familie ist so schillernd, dass sie hierzulande vielleicht nur mit den Manns vergleichbar ist: Onkel Sergej ein bedeutender Opernsänger, Tante Lidia eine Literaturwissenschaftlerin, ihr Großvater ein Bolschewik der ersten Stunde, Großtante Valentina die Gründerin einer Mädchenschule, ihr Sohn Aerodynamiker, ihre Schwester mit einem der einflussreichsten Psychologen jener Zeit verheiratet; die Urgroßeltern stammten aus Italien und dem baltendeutschen Adel. Epilepsie, vermutete oder echte Geisteskrankheiten, Selbstmordversuche, inzestuöse Liebe und sogar Mord, wohin Natascha Wodin auch blickt. Beim atemlosen Lesen frage ich mich, wie man angesichts solch einer Vergangenheit ein auch nur noch  halbwegs normales Leben führen kann.

Stammbaum aus Natascha Wodins "Sie kam aus Mariupol".

In den vier Teilen des Romans tastet sich die Autorin immer näher an ihre Mutter heran. Dabei durchforstet sie nicht nur das Internet, sondern recherchiert auch über die Zwangsarbeit in Deutschland. Sie liest die Tagebücher ihrer Tante Lidia, bis sie sich schließlich an die eigene Erinnerung herantraut. Erstmals bindet sie ihre Mutter, die sie bis dahin, wie wohl die meisten von uns, nur als „innere Figur und wurzelloses Einzelwesen“ wahrgenommen hat, in die politischen und historischen Zusammenhänge ein: Geboren 1920 in Mariupol war Jewgenias adelige Großfamilie längst enteignet, verhaftet oder geflohen. In Mariupol, das Wodin sich bis hierhin stets als sibirisch kalt vorgestellt hat, herrscht in Wirklichkeit ein geradezu mediterranes Klima. Vor den Augen der Leserin zerfallen so über Jahrzehnte fest verankerte, innere Bilder der Mutter zu Staub. 1943, zur Zeit der deutschen Besetzung Mariupols, heiratet Jewgenia, 1944 wird sie in ein Arbeitslager bei Leipzig deportiert. Die ersten Nachkriegsjahre erlebt sie wieder im Lager, diesmal für „Displaced Persons“, bevor ihr eine Wohnung an der Peripherie einer Provinzstadt zugewiesen wird. 1955, zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, ertränkt sie sich in der Regnitz.

Wie nebenbei entwickelt sich „Sie kam aus Mariupol“ auch zu einer Abhandlung über Zwangsarbeiter in Deutschland während und vor allem nach dem 2. Weltkrieg. Natascha Wodin widmet sich damit einer „Marginalie, ein[em] Anhängsel des Holocausts“. Bei ihrer Recherche trifft sie auf die horrende Zahl von 42.500 und mehr Lagern auf deutschem Boden, davon dienten 30.000 der Zwangsarbeit. Deportierte aus den Ostgebieten trugen „zum Unterschied ein Zeichen“, den berüchtigten blau-weißen Aufnäher „OST“. Durch die erhaltene  Arbeitskarte ihres Vaters, dessen Herkunftsland mit „besetzte Ostgebiete“ angegeben wird, wird deutlich: „Hier sollen Menschen ohne Bildung und Bindung [geschaffen werden], ohne eigene Kultur und eigene nationale Identität“ Nach Kriegsende, wurden Zwangsarbeiter von den deutschen Behörden dazu aufgefordert, in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Allein, dass sie unter Stalin als „Kollaborateure“ galten, die sich nicht wie wahre Patrioten „notfalls durch Selbstmord der Zwangsarbeit entzogen“ hätten. Ehemalige Zwangsarbeiter durften in der Sowjetunion nicht studieren, fanden keine Arbeit.

Obwohl ich wirklich schon viele Bücher über die Grauen des 20. Jahrhunderts gelesen habe, hat mich kaum eine Geschichte so mitgenommen wie „Sie kam aus Mariupol“; man könnte fast das Zitat eines von Wodin verehrten Opernsängers auf ihr Buch übertragen:

„Ich [schreibe] nicht, um zu unterhalten und euch angenehme Gefühle zu bereiten, ich [schreibe], um euch aufzurütteln, euch weh zu tun, damit ihr mit mir weint.“

Dieses emotionale Ergriffen-sein liegt sicher auch in der als Biografie angelegten Form begründet. Doch handelt es sich wirklich um eine Biografie?

Seit mit den „Regentonnenvariationen“ 2014 erstmals der Lyriker Jan Wagner mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet wurde, ist eine allgemeine Ausweitung des Literaturbegriffs zu beobachten. Die Biografien von Benjamin von Stuckrad-Barre und Thomas Melle wurden im vergangenen Jahr von Kritikern als Literatur deklariert; dass nun mit Natascha Wodin erstmals auch eine Biografie für den Belletristik-Preis der Leipziger Messe 2017 nominiert wird, scheint da nur eine logische Fortsetzung eben jener Ausweitung des Literaturbegriffs zu sein.

Und doch handelt es sich bei „Sie kam aus Mariupol“ um mehr als das: Natascha Wodin erfindet, in den großen Fußstapfen Petrowkajas stehend, das Genre der fiktiven Biografie. Sie geht vom recherchierbaren Material aus und füllt die Lücken mit schillernder Phantasie. Das kann man daran erkennen, dass in jeder normalen Biografie der Geburtsort eines Menschen genannt würde, in Wodins Buch liegt dieser namenlos zwischen Fürth und Nürnburg irgendwo an der Regnitz. Das aufgefundene Tagebuch der Großtante Lidia wird uns nicht als Dokument offengelegt, sondern durch die Augen der Ich-Erzählerin als Geschichte in der Geschichte in der 3. Person geschildert. Dadurch wird gerade die Autorenperspektive betont, die Möglichkeit des Weglassens und Hinzudichtens offengelegt:

„Meine Mutter hatte ich aus den Augen verloren, sie schien für immer im Abgrund zwischen Wahrheit und Dichtung verschwunden, im flackernden, ungreifbaren Nichts. Alles, was ich über sie herausgefunden hatte, war letztlich nur Stoff für Vermutungen und Hypothesen, Stoff für Märchen.“

Leider muss man den Abdruck der wenigen vorhandenen Familienfotos als Miniaturen vor jedem Kapitel als missglückt betrachten. Einerseits weil Fotos, die im folgenden Kapitel ausführlich beschrieben werden nicht mit der ausgewählten Miniatur übereinstimmen, andererseits weil auf den Miniaturen keine Details wiederzuerkennen sind, auf die es für die Geschichte ankommt. Schade ist auch, dass sich der Verlag bei solch einem außergewöhnlichen Buch nicht die Mühe gemacht hat, einen Stammbaum oder eine Landkarte, mit den vielen, fremdklingenden Ortsnamen anzufertigen und abzudrucken, um das „Potenzial der Verlorenheit, das dieser gewaltige Raum besaß“ für den Leser zu schmälern.

 

Erster Satz: Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.
Wort des Buches„Ikone
Hat mich erinnert an: Vielleicht Esther“ von Katja Petrowskaja


Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol, Rowohlt Verlag, 366 Seiten.

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Kommentare (4)

  1. Cristina

    Ich bin ganz mit Ihrer Kritik einverstanden; tatsächlich hatte ich die gleiche Assoziation bezüglich Petroskajas „Vielleicht Esther“, das allerdings bei mir einen viel schwächeren, schwammigeren Eindruck hinterlassen hat als das Familienbiografie von Wodin.
    Danke auch für das Soziogramm. Heute kann man die geographischen Informationen schnell übers Smartphone abklären; auch die Fotos fand ich nicht so wichtig, aber auch ich habe immer mal wieder nach ihnen umgeblättert.
    Was ich noch interessant finde, ist, dass der Vater und seine Geschichte kaum vorkommen, zu uninteressant, zu unergiebig? Immerhin hat er noch 30 Jahre lang gelebt. Überhaupt ist es eine Familiengeschichte, in der Männer keine Rolle spielen, abgesehen von ein paar liebenswürdigen Nebenfiguren.
    Insgesamt ein eindrückliches Buch, auch der Anfang, die Internetsuche hat mich gepackt. Doch warum erwähnt Wodin bei den Danksagungen nicht Konstantin, den Ingenieur und Genealogen? Den mochte ich sehr! Aus Diskretion? Und wie konnte Wodin diese schwere Kindheit überleben? Das hätte mich fast noch mehr interessiert als die Schilderung der Bewohner des Blocks, wo sie in Bayern gelebt haben.

    • Liebe Cristina,
      vielen Dank für deine Eindrücke! Es ist immer wieder spannend zu erfahren, wie ein Buch von unterschiedlichen Leserinnen gedeutet wird. Ja, ich finde auch, dass Wodins Roman weit mehr ist als die Biographie einer Familie. Gerade in der Entscheidung welche Aspekte und Personen (z.B. den Vater) sie auslässt, wovon sie weniger erzählt, erkennt man die literarische Kraft ihrer Erzählung.
      Ich kann mir vorstellen, dass sie tiefer in die Geschichte der Frauen in ihrer Familie einsteigt, weil diese aufgrund der adligen Herkunft ihrer Mutter vielleicht spannender zu erzählen und gleichzeitig quellenmäßig besser erschlossen ist.
      Mich hätte auch noch interessiert, wie sie schließlich zur Schriftstellerin wurde und damit dem Leben im Wohnblock entkommen konnte.
      Jetzt wünsche ich dir noch einen schönen Abend, Pink

  2. Ist eines der Indizien für die Fiktion möglicherweise die Formulierung Lidia „…bekam immer nur eine fünf…“. War nicht auch in der Ukraine der damaligen Zeit eine „fünf“ die beste Note?

    • Liebe Theodora, das ist eine interessante Möglichkeit, die ich noch nicht in Betracht gezogen habe. Vielen Dank dafür!

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