Michaela Murgia, Chirú

Dieses Bild zeigt das Cover von Michela Murcias Roman "Chiru"

Nach „Accabadora“ legt Michaela Murgia, die wohl bekannteste sardische Autorin, mit „Chirú“ ihren zweiten Roman vor. Darin geht es um die 38-jährige Schauspielerin Eleonora, die den 18-jährigen Violinestudenten  Chirú als ihren „Schüler“ annimmt. Da Eleonora einen anderen Beruf hat als den von Chirú angestrebten, bringt sie ihm nichts Fachliches, sondern eher die Umgangsformen der Upper-Class-Kulturbranche bei. Eleonora doziert, jede Beziehung sei eine Form der Liebesbeziehung und jede Liebesbeziehung sei auch eine Machtbeziehung.

„Du würdest dich wundern, wie viele Paarbeziehungen auf der Grundlage von Verschweigen und Lügen bestehen. Lügen ist erlaubt, wenn man damit sich selbst schützt, aber auch um den anderen vor Lasten zu schützen, die er nicht tragen kann.“

Es kommt wie es kommen muss, Chirú verliebt sich in seine Lehrerin, sie ist ihm auch nicht abgeneigt. Als ihr jedoch während einer Reise nach Schweden der gleichaltrige Martin begegnet, der für Chirús Karriere entscheidend sein könnte, gerät ihre Beziehung zu ihrem Schüler zunehmend ins Schleudern.

Schon früh muss die Leserin lernen, dass sie es mit einer unzuverlässigen, wenn nicht sogar heuchlerischen Erzählerin zu tun hat, denn Eleonora behauptet, es habe keine sofortige Anziehung zwischen ihr und Chirú gegeben. Im Gegenteil, Chirú habe sich ihr aufgedrängt. Zur Unterstützung ihrer Behauptung führt sie an, sie habe sich nach dem Selbstmord ihres letzten „Schülers“ geschworen, keinen solchen mehr anzunehmen. Dem widerspricht sie noch im selben Satz, sie habe Chirú an seinem „Geruch nach Fäulnis“, der ihr selbst auch eigen sei, erkannt. Einerseits durchschaut sie das manipulierende, einstudierte Lächeln Chirús, andererseits ist sie seinem „Schmelztiegel von im Werden begriffenen Gegensätzen, auf dem der Funke einer Identität aufleuchtete, die zwischen dem ,schon` und dem ,noch nicht` balancierte“ vollkommen ausgeliefert. Am deutlichsten wird ihre Hingabe für den Schüler an ihrem Spitznamen für ihn „Chirú“, was der Abkürzung des sardischen Wortes „crucúciu“ für Spatz entstammt.

Eigentlich geht es aber gar nicht um die Geschichte von Eleonora und Chirú, sondern darum, wie und warum Eleonora zur Theaterschauspielerin (auch vor sich selbst und uns Lesern) geworden ist. In Rückblenden wird ihre Kindheit und Jugend erzählt. Als einschneidendes Erlebnis schildert sie einen „gold-weißen Eiswagen im Retrostil, mit drehbaren Rädern, einem Set mit acht unechten Eiswaffeln und ebenso vielen bunten Eiskugeln zum Draufschrauben“, der ihr von ihren Eltern auf einem Jahrmarkt verwehrt wird. An diesem Tag erkennt Eleonora die Familienmechanismen, ihre eigene Abhängigkeit und Unterlegenheit als Frau. Mit psychologischer Schärfe und großem Kalkül schließt sie:

„Der häusliche Frieden gründete sich ausnahmslos auf schöne Dinge, die uns versagt blieben, und schreckliche Dinge, die man uns androhte, sodass unsere Wohlerzogenheit dem Ergebnis einer Erpressung ähnelte, angeordnet von meinem Vater, präzise ausgeführt durch meine Mutter.“

Dieser Herkunft und Erziehungstradition verdankt sie das „Theater-spielen“ schon im Kindesalter. Als Erwachsene streift sie sich die Maske des Bürgertums über: Sie bekommt keine Kinder, bleibt allein und muss sich „gegen den Impuls wehren, Chirú zu vertrauen.“ Die einzige Möglichkeit, die es ihr erlaubt, menschliche Nähe zu empfinden, besteht in den Lehrer-Schüler-Spielen.

Wie schon in „Accabadora“ spielt Sardinien eine besondere Rolle im Roman. Es wird einerseits als Wehrgang und Bastion, andererseits als Sehnsuchtsort deklariert. Nur mit Sarden könnte Eleonora „wirkliche Intimität“ erleben, nur die Freundschaft mit Sarden hielte „für immer“.

Die sprachliche Kunst Michaela Murgias, die auch in der Übersetzung von Julika Brandestini nicht verloren geht, besteht in dem Spiel von Gegensätzen. Obwohl die Autorin berechnend wie ein Raubtier vorgeht und kein Gramm Information zu viel oder zu früh verrät, wirken ihre Sätze teils doch etwas barock aufgetürmt. Der Roman bleibt hingegen konventionell erzählt. Was erotisch wirken soll, ist fast schon ein bisschen bieder: die Aufteilung in „Lektionen“ statt in herkömmliche Kapitel. Die Liebesbeziehung zwischen Chirú und Eleonora gipfelt schließlich in dem Fläschchen von Lavendelöl, das beide sich gegenseitig zu Weihnachten schenken und in dessen ätherischen Duft sie erotische Anziehung zueinander empfinden. Vielleicht entspreche ich in meinem Alter nun wirklich nicht der Zielgruppe des Romans, aber das streift nicht nur den Kitsch, wie manche Rezensenten formulierten, das ist in meinen Augen leider purer Kitsch.

Erster Satz: „Chirú kam zu mir wie die Holzstücke an den Strand, geschliffen und verbogen, als Überrest eines langen Treibens.
Wort des Buches„Lavendelöl“ 
Hat mich erinnert an: Der Tod in Venedig von Thomas Mann und Alles über Beziehungen von Doris Knecht


Michaela Murgia, Chirú, Wagenbach Verlag, 208 Seiten, 20 Euro. 

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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