Marion Poschmann, Die Kieferninseln

Dieses Bild zeigt Marion Poschmanns Roman "Die Kieferninseln".

Schon der Name des Protagonisten verspricht nichts Gutes: Gilbert Silvester, das klingt nach Martin Walser und als hätte man seine Geschichte gefühlt schon hundert Mal gelesen. Dieser Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher wider Willen, träumt nun also, dass seine Frau ihn betrügt. Von dem Wahrheitsgehalt seines Traumes überzeugt, steigt er ins nächstbeste Flugzeug und fliegt nach Japan. Dort kauft er sich noch am Flughafen die Werke Bashōs, einen Klassiker der japanischen Literatur, und entschließt sich dessen Reise zu den Kieferninseln nachzuahmen. Allein, er wandert nicht 3000 Meilen und schläft in Berghütten wie Bashō 300 Jahre vor ihm, sondern fährt Zug und steigt in Hotels ab. Dass dabei keine innere Reinigung und Abkehr von der Realität stattfinden kann, ist nicht verwunderlich.

Stattdessen erfahren wir etwas über die Vergangenheit Gilberts und damit über die eigentlichen Beweggründe für seine Reise, die ziemlich schnell und ziemlich auffällig Züge einer Reise in den selbstbestimmten Tod annimmt. Gilbert sieht sich als Verlierer der Gesellschaft, abgehängt von Kollegen, die ihm in fachlicher Kompetenz nicht das Wasser reichen, sogar seine Frau verdient mehr Geld als er. Er befürchtet, langweilig für Mathilda zu werden, ihr keine genialische Spannung mehr bieten zu können –  Was bitte soll das sein?

In so vielen Kleinigkeiten kollidieren Weltansichten, die mich nicht nur Gilbert, sondern zunehmend auch seiner Autorin entfremden, deren Buch geradezu durchgehend als Meisterwerk der Gegenwartsliteratur gepriesen wird und auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreises 2017 steht:

„Er wußte später nicht mehr, ob er sie angeschrien hatte (wahrscheinlich), geschlagen (eventuell) oder bespuckt (nun ja), es konnte sein, daß ihm beim erregten Sprechen etwas Speichel aus dem Mund gesprüht war, (…)“

Soll die Leserin sich amüsiert in ihrem (nicht vorhandenen) Lesesessel zurücklehnen, soll sie Mitleid mit Gilbert haben, dessen Weltbild ein so spießiges, bildungsbürgerliches, latent frauenfeindliches ist? Im Folgenden heißt es: Er „haßte einmal mehr, die irrationale, weibliche Strategie, ein Gespräch zu führen.“ Ich habe keine Lust mehr, so etwas in einem Gegenwartsroman aus dem Jahr 2017 zu lesen, vor allem nicht, wenn er von einer Frau verfasst wurde. Die Setzung in der alten Rechtschreibung spricht schon Bände genug.

Geradezu nervtötend wird es dann, als Gilbert am Bahnhof von Tokyo auf den Studenten Yosa trifft, der sich gerade vor den Zug werfen möchte. Schon allein die Begegnung der beiden wirkt an den Haaren herbeigezogen, denn warum Gilbert den Bahnhof überhaupt aufsuchte, wird nicht richtig ersichtlich. Zurechtgestutzt, dass dies kein gut gewählter Ort zum Sterben sei, fügt sich Yosa völlig klaglos und völlig unwahrscheinlicher Weise in die Hände Gilberts. In den folgenden Tagen suchen die beiden noch weitere Orte zum Sterben auf, die Yosas Manuel of Suicide vorschlägt: das Hochhausdach einer Plattenbausiedlung und einen Wald, aus dem angeblich niemand mehr herausfindet, sobald er die markierten Wege verlässt. Gequält langsam folgt die Leserin den beiden erst in diesen Wald hinein, dann anhand eines vorsorglich gespannten Bandes um die gewählten Bäume wieder hinaus; die Leserin steigt in die U-Bahn aus der Stadt hinaus und dann wieder zurück hinein, zurück zum Hotel, zum Ausgangspunkt. Nichts passiert, die Handlung, weder die äußere, noch die innere, nach irgendeiner Form von Erkenntnis suchende, bewegen sich kein Stück vom Fleck.

„Er selbst, ein nichtswürdiger Student, hatte die Bahnstation in Tokyo für angemessen gehalten, aber natürlich träumte er, wie jeder es seiner Lage tun würde, von einer bestimmten Klippe am Pazifik.“

Yosa glaubt, die Erhabenheit der gewählten Klippe „übertrage sich auf denjenigen, der sich ihrer zu seinem Ende bediente.“ Das grenzt für mich an Geschmacklosigkeit und tritt diejenigen mit Füßen, die vielleicht wirklich zu verzweifelt sind, am Leben zu bleiben.

Die permanenten Zurechtweisung Yosas durch Gilbert überträgt sich zunehmend auf die Haltung der Leserin zum Gelesenen: Hat Gilbert Mitleid mit Yosa, versucht auch die Leserin Mitleid für Gilbert aufzubringen; nimmt Gilbert die Absichten Yosas nicht Ernst, kann auch die Leserin Gilberts grenzenlosen Narzismus und Egoismus nicht mehr ertragen. Ich gebe zu: Die ersten drei Viertel dieses Buches haben mich richtig wütend gemacht.

Interessant wird es dann aber unversehens doch noch, als nämlich Gilbert auf der Reise zu den sagenumwobenen Kieferinseln von Matsushina, Yosa einfach aus den Augen verliert. Der Leserin drängt sich im letzten Viertel  die Frage auf: Hat es Yosa überhaupt je gegeben? Schon die Begegnung am Bahnhof in schwachem Licht wirkte so unglaubwürdig wie die ganze folgende Handlung bis zu diesem Punkt. Mit diesem Kunstgriff gelingt es Marion Poschmann allem bisher Gelesenen doch noch einen Sinn, ja mehr noch, ihm tatsächlich eine mythische Dimension zu verleihen. Denn wenn wir Yosa und Gilbert als zwei Seiten einer Figur begreifen, erscheinen alle angesprochenen Unwahrscheinlichkeiten doch noch wahrscheinlich. Hier zeigt sie ihr großes literarisches Können, dass sicher Stoff für ein literaturwissenschafliches Seminar hergibt. Hier können dann auch die Symbolkraft des mehrmals auftretenden Fuchses sowie der Laubverfärbung herausgearbeitet und Vergleiche mit Bashōs Werk angestellt werden. 

Dass dieser Roman soeben auf Platz 1 der SWR-Bestenliste gewählt wurde, sagt viel über die Zusammensetzung der Jury aus. Mir bleibt der Roman trotz oder gerade wegen seiner Künstlichkeit zu konventionell und zu wenig gegenwartsbezogen. 

Erster Satz: „Er hatte geträumt, daß seine Frau ihn betrog.“
Wort des Buches„unzeitgemäß“ 
Hat mich erinnert an: Sibylle Lewitscharoff, Blumenberg.


Marion Poschmann, Die Kieferninseln, Suhrkamp, 165 Seiten, 20 Euro

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Kommentar (1)

  1. Pinkback: Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen - Ein Kommentar | pinkmitglitzer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.