Ulrike Edschmid, Ein Mann, der fällt

Dieses Bild zeigt eine Interpretation des zweiten Romans von Ulrike Edschmidt.

Wie lange schon wollte ich diesen Roman lesen? Das Verschwinden des Philip S. war so etwas wie die Initialzündung meines Buchhändlerinnendaseins, ich las es völlig ahnungslos, einfach nur, weil es ein Leseexemplar davon gab und fand ein unglaubliches Buch vor, ein kleines Meisterwerk. Ein Buch über die RAF, aber auch eine Liebesgeschichte und eine ungemein feinfühlige, nie mitleiderheischende Beschreibung dessen, woran sie zerbrach. Warum also lag Ein Mann, der fällt erst ein paar Monate auf meinem Bücherstapel, was ließ mich zögern? Ein Buch darüber zu lesen, wie ein Mann beim Streichen der ersten gemeinsamen Wohnung von der Leiter fällt, sich das Genick bricht und seinen Weg zurück ins Leben sucht, beschrieben aus der Sicht seiner hilflos daneben stehenden Freundin, schreckte mich ab.

Meine Erwartungshaltung an das Buch stimmt und stimmt zugleich nicht. Denn ja, es geht um einen Mann, der fällt. Viel mehr jedoch erzählt Ulrike Edschmid ein Stück Zeitgeschichte, das vom Ende der 80er Jahre in Westberlin, über den Fall der Mauer bis heute reicht. Während der Fall des Mannes langsam und wie unter dem Brennglas geschildert wird, gewinnt die Darstellung der Veränderungen in der Zeit immer mehr an Schnelligkeit.

 http://www.diesseits.de/aktuelles-heft/max-beckmann-%E2%80%93-ausstellungstriptychon

Max Beckmann, Abstürzender, 1950, Öl auf Leinwand, 141 x 88,8 cm, National Gallery of Art, Washington. Dem Buch ist ein Zitat Beckmanns` zu seinem Bild vorangestellt. Bildquelle: diesseits.de

Obwohl es erst so scheint, als bliebe er nach seinem Fall ein Leben lang querschnittsgelähmt, lernt der namenlos bleibende und dabei so intim beschriebene Mann langsam, Schritt für Schritt und mithilfe erst von einem, dann von zwei Stöcken wieder laufen. Damit einher geht der Lernprozess zu fallen, immer wieder, und dabei die Angst vor dem erneuten Fallen zu verlieren. Das Rennrad an der Wand bleibt eine Verheißung von Geschwindigkeit. Entgegen der Meinung der Ärzte hält er stoisch an seinem Selbstbild als Läufer fest. Freihändig und ohne Hilfe von Stöcken, die nachhaltig seine Haltung verändern werden, wird er nie mehr laufen können. Nur einmal gelingt es ihm:

„Dieser Augenblick wird in meinem Gedächtnis haften, unversehens aufscheinen, ein fliehendes Bild, etwas, das er als Vorstellung, als Möglichkeit, vielleicht auch als Versprechen in sich trägt.“

Die ungeheure Konzentration und Kraft, die jeder Schritt für ihn bedeutet, die erzwungene Verzögerung seiner Schritte fördern schließlich seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Gang zutage.

„So wie es jetzt ist, sind es seine Schritte. Es ist sein Gang. Er hat ihn sich erarbeitet. Er schlendert nicht. Es ist ein bewusstes Voranschreiten, ohne Blick nach rechts oder links.“

Nichts läge näher, als die Probleme, die sich aus dem Fall des Mannes für die Liebesbeziehung der beiden ergeben, zu schildern. Doch genau das tut Ulrike Edschmid nicht. Sie nimmt die Dinge wie sie kommen, stellt ihre Beziehung nie infrage. Nur zwei Mal geht sie darauf ein, was die neue Situation zwischen dem Paar verändert:

„Eigentlich, sagt er, müsste er die schwere Tasche tragen, und dieses Wort wird sich zwischen uns breitmachen. Es wird die wachsende Entfernung zwischen dem, was war, und dem, was ist, ausmessen, den Weg zwischen Erinnerung und Gegenwart. (…) Die Wörter ,sofort`, ,gleich` und ,schnell` bemessen den Abstand zwischen ihm und mir.“

Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau fällt der Ich-Erzählerin auch an anderer Stelle auf, z. B. dort, im Krankenhaus: Während es bei den Männern Unfälle sind, die sie in ihre Rollstuhllage versetzten, handelt es sich bei den Frauen um Selbstmordversuche, die lieber beschwiegen werden. Während über ihr „zwei Frauen mittleren Alters mit ungewöhnlich hohen, brikettartigen Frisuren und einem kläffenden Hündchen“ SM-Möbel bestellen, verwandelt sich der Mieter unter ihr kaum merklich in eine Frau:

„Zuerst war es nur ein Duft, ein wenig zu stark, zu schwer, zu süß. Dann ein Seidenschal, der hinterherweht.“

Diese Untermieterin öffnet ebenso leise, wie sie zuvor ihr Geschlecht verwandelte, die Türe zur RAF-Vergangenheit der Ich-Erzählerin und damit auch zum ersten Buch von Edschmid, dem Verschwinden des Philip S: Jahrelang studierte sie Zeitungsartikel, Fotos und Bücher zum Thema, die der Ich-Erzählerin erst nach ihrem Auszug in die Hände fallen.

All dies spielt sich in einem Eckhaus in Berlin-Charlottenburg ab, an dem die S-Bahn knarzend vorbeifährt. Ende der 80er Jahre wimmelt es dort nur so von Nationalitäten: ein „russischer Kameramann“, „syrischer Freund“, „junger Libanese“, „jamaikanischer Musiker“ und „spanischer Restaurantbesitzer“ bilden die Szenerie. Die Gespräche mit Schriftstellergattinnen, die die Ich-Erzählerin „mit weichem Bleistift“ schreibend aufzeichnet, führen sie auch nach Ostberlin, das in Edschmids unnachahmlichem, amüsierten wie nostalgischem, dabei nie verklärenden Stil wie folgt beschrieben wird:

„Die Baracke hat etwas verheißungsvoll Provisorisches, wie die Behelfsheime aus meiner Kindheit. Man ist noch nicht angekommen in der besseren Zukunft, aber man ist auf dem Weg.“

Die Wende dann, in der zunächst alles möglich scheint, findet in den lakonisch kurzen Sätzen ihren Ausdruck: „Alles wird anders. Unser Haus ist verkauft. Die Mieten steigen.“ Die Freundschaft mit den Flüchtlingen aus dem Balkankrieg, die übergangsweise im Hinterhof Unterschlupf fanden, hat „in einem fast leeren Zimmer in einem Hochhaus auf dem Teppichboden sitzend (…) ihren Sinn verloren.“ Die Nachbarswohnungen werden eine nach der anderen an Immobilienspekulanten verkauft. Das alte Eichenparkeitt wird durch eine Imitation ersetzt, neue Fenster werden eingesetzt, „durch die man keine Schatten sieht, keine Bewegung, nur diffuse ins Glas eingelassene Schlieren, an denen jede Nachbarschaft endet.“ Es ist keine Ruhe, die fortan im Haus herrscht, sondern eine „Abwesenheit von Leben“. Die Folgen dieser Veränderungen, die sich in den Menschen manifestieren, werden ebenso in den Blick genommen: Die Menschen, die sich mit Kopfhörern abschotten und in ein „starres Lächeln, das niemandem gilt“ verfallen oder in ihren immer protzigeren Wagen „bereit, alles niederzuwalzen“ verschanzen.

Es sind Bilder wie diese, die man aus dem Alltag kennt, die hier wie ein Mosaik zusammengelegt einen Ausdruck unserer Zeit vermitteln. Erschreckt halte ich beim Lesen inne: Der Bleistift, mit dem ich mir Notizen am Rand mache, fühlt sich ganz merkwürdig, ja unecht, an. Wie ich im Netz recherchiere, handelt es sich um ein Plastikholzgemisch, das dazu entwickelt wurde, Holzabsplitterungen und damit Verletzungen an den Fingern vorzubeugen.

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Staedtler Noris eco Bleistift HB. Quelle: bueroshop24.de

Mit Edschmids Buch kann man, auch wenn man wie ich diese Zeit nicht selbst erleben konnte, noch einmal in die Vergangenheit nach Berlin reisen, wo Bleistifte noch aus Holz, Bücher noch (ausschließlich) aus Papier bestanden und eine Zeit lang der Kreativität keine Grenzen gesetzt waren.

Erster Satz: „Sein altes Fahrrad lehnt noch an der Hauswand.“
Wort des Buches„Seidenschal“ 
Hat mich erinnert an: „Das Verschwinden des Philip S.“ von Ulrike Edschmid


Ulrike Edschmid, Ein Mann, der fällt, Suhrkamp, 187 Seiten, 20 Euro. 

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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