Luise Maier, Dass wir uns haben

Dieses Bild zeigt das Cover von Luise Maiers Debütroman "Dass wir uns haben" auf einer Holzplatte mit Hammer und Nägeln.

Ich habe noch nie ein Buch gelesen, dass ich an einigen Stellen zuklappen musste, weil ich nicht mehr konnte. „Dass wir uns haben“ ist ein Debüt von dem eine Kraft ausgeht, die mir den Magen umdreht; die es schafft, dass mir während der U-Bahn Fahrt schwindelig wird; dass ich mich nicht einlassen möchte auf die verklärte Parallelwelt des Romans, die ansonsten immer den großen Reiz des Lesens ausmacht. Dieses Buch liest man nicht gerne. Man wird erschüttert und vor allem fragt man sich, warum eine junge Autorin in ihrem Debüt (oder überhaupt) einen solchen Stoff in der Art und Weise beschreibt, wie sie es tut. Ich konnte nicht aufhören zu lesen, aber war heilfroh, als dieser Roman ein Ende hatte.

In kurzen, notizbuchartigen Einträgen erzählt die Protagonistin des Romans Szenen aus ihrem Familienleben. Gemeinsam mit Vater, Mutter und dem großen Bruder lebt sie in einem grünen Haus in einem überschaubaren, kleinen Dorf. Kleine Hinweise wie die Donau, in der sie schwimmen lernt, der FC Bayern Wecker des Vaters oder das Handy, das sie geschenkt bekommt, deuten an, dass sich die Handlung vielleicht in Bayern verorten lässt, vielleicht auch in der heutigen Zeit. Ohne diese Details hätte man die Handlung aufgrund der etwas eingestaubten Wortwahl und Sprache der Figuren und der Schilderung der Lebensumstände auch leicht in den 1960er/1970er Jahren verorten können. Je länger man darüber nachdenkt, desto weniger relevant erscheint auch eine solche Einordnung.

Mit der Dringlichkeit eines Geständnisses oder in der Hoffnung die eigene Vergangenheit durch das Aufschreiben der Familiengeschichte zu vergessen, berichtet die namenlose Ich-Erzählerin von Anfang an ganz unverhohlen über die Spaltung ihrer Familie durch Gewalt und Schweigen. Gleich in der zweiten Erinnerung wird ihr Bruder vom Vater gefesselt und mit Prügeln gezüchtigt, weil er wiederum seine Schwester geschlagen hatte.

„Er weinte den restlichen Nachmittag. Mutter und ich saßen abwechselnd an seiner Bettkante und streichelten über seinen Rücken. Der Rücken hörte nicht auf zu zucken. Ich streichelte nur ganz vorsichtig, dort, wo ich auch am liebsten gestreichelt werde, wenn ich weine.“

Am Abend kocht die Mutter Tomatensuppe während sich der Vater wie ein Kind, das Hausarrest bekommen hat, für einige Tage auf sein Zimmer verzieht.

Diese Ambivalenz zwischen der Brutalität im Umgang miteinander und der Zärtlichkeit, ja dem Bereuen, dass es dieser Gewalt als Ausdrucksform bedarf, zieht sich durch das ganze Buch und steht als Verbindungsglied zwischen jeder der Figuren und schweißt sie auf perverse Art und Weise zusammen. Man versteht nicht recht, was der Ursprung dieser Gewalt ist und bekommt auch keine Erklärung geliefert.

Damit bricht der Roman klar mit dem, was man als Leser zeitgenössischer Literatur gewohnt ist: Dem Verständnis für das Verhalten, den psychologischen Einblick in die Innenwelt der Figuren und die damit einhergehende Empathie. Dieser Mangel an Verständnis führt beim Lesen des Öfteren zu der Frage, warum man weiterlesen sollte. Als stiller Zeuge dieses hoffnungslosen, brutalen Familienalltags spürt man die eigene Machtlosigkeit als Leser umso erbarmungsloser. Man möchte helfen, weiß aber gar nicht, wo man als erstes ansetzen würde.

Die Mutter versucht trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit immer wieder zu rebellieren. Sie prangert kontinuierlich die Lebensumstände der Familie an und sieht es als Aufgabe des Vaters, etwas daran zu ändern. Als die beiden Kinder in die Pubertät kommen, wird der Umbau des Hauses unumgänglich. Der Streit darüber eskaliert und die beiden Eltern sprechen über ein Jahr lang nicht mehr miteinander. Die Protagonistin geht so weit, sich selbst zu verletzten, um ihnen wieder einen Grund zu geben, sich zu unterhalten. Doch auch dieser Plan geht nicht auf. Erst als die Mutter aus der Familienkonstruktion ausbricht, zerbricht die Familie.

„Mutter schenkte sich die Trennung zu ihrem 46. Geburtstag. Vater verlor seinen Kopf. Ich heulte. Mein Bruder wurde zu einer Statue.“

In den durchgehend emotionslos wirkenden Schilderungen erhält man trotzdem einen Eindruck davon, was sich in ihr abspielt. Mit konventionellen Gefühlen wie „Wut“ oder „Zorn“ scheint sie sich nicht identifizieren zu können und findet deshalb eine ganz eigene Art sich auszudrücken.

„Das Rot in mir war größer, als ich dachte. Ich schrie vom Hell- bis zum Dunkelrot. Als keine Stimme mehr kam, ließ ich mich in die harte Federung des Kanapees fallen und schlug das Handtuch vor mein Gesicht. Dort blieb ich liegen, bis mein Bruder kam und mich in den Arm nahm.“

Solche Stellen machen „Dass wir uns haben“ zu einem extremen Leseerlebnis– inhaltlich wie auch sprachlich. Man ist hin-und hergerissen zwischen Unverständnis, Ekel und Rührung und kann gerade deshalb wohl nicht aufhören zu lesen. Vielleicht bildet man sich aber auch ein, der Protagonistin so zumindest für die Zeit der Lektüre beistehen zu können.

Erster Satz: Ich hatte mir aus Mutters Schreibtisch ein Notizheft geklaut.“
Wort des Buches„Wärmeflasche“
Hat mich erinnert an: Das große Heft“ von Ágota Kristóf und „Woyzeck“ von Georg Büchner.


Luise Maier, Dass wir uns haben, Wallstein Verlag, 149 Seiten.

Einen weiteren Blick auf den Roman bietet euch auch Juliane von poesierausch.com.

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

Kommentare (4)

  1. Pinkback: Luise Maier: Dass wir uns haben | Poesierausch

  2. Liebe Ann-Kathrin,

    wie du bei mir vielleicht schon gelesen hast, sprichst du mir mit deiner Rezension aus der Seele. Obwohl ich das Buch sehr gut finde, war ich dann doch froh, als ich damit durch war.
    Ich mag euren Blog übrigens sehr gern. Werde jetzt öfter mal vorbeischauen! 🙂

    Liebe Grüße
    Juliane

    • PinkmitGlitzer

      Liebe Juliane,
      das freut uns natürlich sehr! Das Kompliment geben wir gerne zurück und sind schon ganz gespannt auf deine neuesten Entdeckungen auf Poesierausch 😉

  3. Pinkback: Lize Spit, "Und es schmilzt" | pinkmitglitzer

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