Lucia Berlin, Was ich sonst noch verpasst habe

Dieses Bild zeigt das Cover von Lucia Berlins Erzählungen "Was ich sonst noch verpasst habe".

Was ist das für ein schillernder, fantastisch anmutender Name einer Autorin, die nicht etwa aus Berlin stammt, sondern ihre Kindheit zu großen Teilen in El Paso, der Grenzstadt zwischen Mexiko und Texas verbracht hat? Lucia Berlin gehört definitiv dazu, Was ich sonst noch verpasst habe in der letzten Büchersaison zu lesen. Bereits 2016 im Arche Verlag publiziert, ist jetzt das Taschenbuch bei dtv erschienen.

Ähnlich wie Alice Munro hat Berlin Zeit ihres Lebens (1936-2004) ausschließlich Kurzgeschichten verfasst. Was diesen Band so überaus lesenswert macht, ist, dass viele der Hauptfiguren in mehreren Geschichten auftauchen und auch darin wachsen. So entsteht der Eindruck, die Geschichten würden zu etwas Größerem, vielleicht sogar einem Roman, fortgeführt. Sie tragen zudem stark autobiographische Züge der Autorin.

„Ich übertreibe oft und verwechsle Fiktion und Realität, aber, ganz ehrlich, ich lüge nie.“

So offen, selbstbewusst und schalkhaft tritt uns die Ich-Erzählerin der meisten Kurzgeschichten gegenüber. Aus einer guten, also reichen, Familie stammend, schildert sie uns ihr Heranwachsen als Außenseiterin: „Mein Leben begann ruhig, ich wohnte in Bergbaustädten und zog zu oft um, um Freunde zu haben.“ Als einzige nicht-Katholische besuchte sie mehrere Nonnenschulen, an denen sie sich insbesondere für das Habit der Nonnen begeisterte und wegen eines Missverständnisses von der Schule flog. Der Vater vermag, durch ein falsches Wort seiner Tochter, Lehrerinnen zu entlassen; die Mutter, alkoholabhängig, geht mit ihren Freundinnen Bridge spielen und meint damit trinken; der Großvater, ein Zahnarzt, missbraucht alle Frauen der Familie und lässt sich die Zähne von seiner Enkelin ziehen. In Stille fängt letztere die ganze Einsamkeit ihrer Kindheit ein und schildert, wie sie die einzige Freundin verrät und verliert:

„Ich war noch nie im Leben so einsam gewesen. Prüfsteineinsam. Die Tage waren endlos, das Geräusch ihres Gummiballs erbarmungslos, Stunde um Stunde auf dem Beton, das Sirren ihres Messers ins Gras, Blitzen der Klinge.“

Diese Prosa greift weit über die Seiten eines Buches heraus, schreibt der Herausgeber Stephen Emersonund das liegt vor allem an der Dichte menschlicher Erfahrungen, die so nah am Leben erzählt werden. Berlin arbeitete nicht nur als Lehrerin, Krankenschwester, Drogenschmugglerin, Altenpflegerin und Putzfrau, sie schildert auch Situationen im Leben einer Frau, die ich so noch nirgends gelesen habe und die sich in ihrer Intensität unmittelbar in mein Leserinnengedächtnis einbrennen. Dazu gehören insbesondere die in Tigerbisse verarbeiteten Erfahrungen in einer illegalen Abtreibungsklinik in Mexiko:

„Es stand außer Zweifel, dass er der Arzt war, obwohl er wie ein argentinischer Filmstar aussah oder wie ein Sänger aus einem Nachtclub in Las Vegas. Die alte Frau half ihm aus seinem Kamelhaarmantel und dem Schal. Ein teurer Seidenanzug, eine Rolex. Es waren seine Arroganz und seine Autorität, die ihn als Arzt auswiesen. Er war dunkel, von fließender Erotik, seine Schritte waren weich, wie die eines Diebes.“

Durch die gedankliche Verbindung von ärztlicher Versorgung mit den Spielhallen von Las Vegas kommt die ganze Illegalität, Halbseidenheit und Gefährlichkeit der Situation zum Ausdruck. Nichtsdestotrotz erliegen sowohl die Mädchen, die sich später vor Schmerzen in schängelnden Schläuchen verheddern wie ein rasender Laokoon als auch die Erzählerin der Erotik des Arztes.

Berlin schildert in Was ich sonst noch verpasst habe ihre eigene Alkoholabhängigkeit, die sie vor ihren Kindern und ihren Arbeitskollegen zu verstecken sucht. Die Sucht, die sie sonntagsmorgens auf allen Vieren zum nächsten Kiosk kriechen lässt und sie den davor wartenden Obdachlosen näherbringt als irgendwem sonst, wird schmerzlich nachvollziehbar. Ihre Erfahrungen in der Entzugsklinik und ihr Aufenthalt im Gefängnis reichen aber auch deutlich über die herkömmlichen Erfahrungen eines Frauenlebens hinaus. Die Stimme der Putzfrau in Handbuch für Putzfrauen bleibt für mich jedoch die unverwechselbarste:

„Ich mag Häuser und all das, was sie mir zu erzählen haben. Das ist einer der Gründe, warum es mir nichts ausmacht, als Putzfrau zu arbeiten. Es ist so, als würde man ein Buch lesen. (…) Ein Liebesbrief ganz hinten in einem Schrank, leere Whiskeyflaschen hinter dem Wäschetrockner, Einkaufszettel… ,Kauf bitte Tide-Waschpulver, eine Packung Linguini und ein Sixpack Coors. Ich meinte das gestern Nacht nicht so`“

Berlin verbindet in ihren Geschichten immer wieder das Alltägliche wie hier die Arbeit des Putzens oder die Einbeziehung von Markennamen wie Coors und Tide mit dem größeren Ganzen „ein Buch lesen“, die Liebe, die Schwächen menschlichen Daseins. Daneben schildert sie wie sie ihre schwer erkrankte Schwester in den Tod begleitet und wie sie den Eintritt des eigenen Alters erlebt. Ihren wachen, wohlwollenden Blick auf die Menschen um sie herum, ihre Stärken und ihre Schwächen, verliert sie dabei nie. Schreckliche Geschichten erzählt sie komisch, sie weiß vom Schmerz in jeder Freude und macht sich selbst darüber lustig. Ihre feine Beobachtungsgabe führt immer wieder zu solch besonderen Erkenntnissen wie:

„Ich habe noch nie verstanden, warum so viele unbelesene Leute so häufig in der Bibel lesen.“

Zu den schönsten Stellen dieses an schwierigen Situationen so reiche Buches gehört für mich, wie ein zehnjähriger Junge der etwa gleich alten Erzählerin die Liebe erklärt:

„Ich fragte ihn, was er glaubte, wie es (Sex) sich anfühlte. Er hielt meine Hand an meine, sodass sich alle unsere Finger berührten, und ließ mich mit Daumen und Zeigefinger darüberstreichen. Du weißt nicht, wem welcher gehört. Irgend so was muss es sein.“

Irgend so was muss es auch sein, dass mich immer wieder an die Lektüre von Lucia Berlin zurückdenken lässt. Sie ist eine Erzählerin, die man nicht vergisst, die die geistige Hinterlassenschaft von Carson McCullers und Truman Capote fortführt.

Erster Satz: „Warten Sie!
Wort des BuchesPhantomschmerzen 
Hat mich erinnert an: Carson McCullers, Das Herz ist ein einsamer Jäger; Truman Capote, Wo die Welt anfängt


Lucia Berlin, Was ich sonst noch verpasst habe, dtv, 382 Seiten,12.90 €

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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