Liv Strömquist, Der Ursprung der Welt

Das Bild zeigt das Cover von Liv Strömquists "Der Ursprung der Welt".

Vielleicht habt ihr es auf pinkmitglitzer schon vermisst, das feministische Buch. An diesem hier konnte ich nicht vorbeigehen, schon allein aufgrund dieses schönen, gefährlichen und provokanten Covers einer barfüßigen Frau in eng anliegender schwarzer Kleidung, die mit ihren weißschimmernden Händen ein Dreieck auf Höhe ihres Geschlechts formt und neben der eine Kalaschnikow bedächtig an der Wand lehnt. In Kombination mit dem Titel „Der Ursprung der Welt“ konnte ich nicht anders, als das Buch aufzuschlagen und anfangen zu lesen.

Entgegen der Aufmachung handelt es sich nicht um eine Graphic Novel, sondern um deren vier, die inhaltlich und bildsprachlich aufeinander Bezug nehmen. Sie heißen: „Männer, die sich zu sehr dafür interessieren, was als das weibliche Geschlechtsorgan bezeichnet wird“, „Umgedrehter Hahnenkamm“, „Ahhaa. Comic über den Orgasmus“ und „Feeling Eve oder Auf der Suche nach Mamas Garten“.

Die erste Graphic Novel ist eine kurze Kulturgeschichte dessen, was allgemein als ,das weibliche Geschlecht` angesehen wird. Sie führt auf leichtfüßige, unterhaltsame Weise von John Harvey Kellog, dem Erfinder der Cornflakes (und der Karbolsäureanwendung gegen weibliche Selbstbefriedigung), über den antiken Philosophen Augustinus hin zu den „Typen, die Königin Christinas Grab öffneten“, um anhand eines Skeletts (!) zu überprüfen, ob es sich um eine Pseudohermaphroditin (!!) gehandelt habe. Anhand von prekären Details und interessanten Anekdoten wird vor allem eins klar: dass das, was wir Leserinnen und Leser im 21. Jahrhundert unter dem weiblichen Geschlecht verstehen ganz viel mit historisch gewachsener und veränderbarer Konstruktion zu tun hat. Dass zum Beispiel die Idee, es gäbe nur zwei Geschlechter, die einander entgegengesetzt seien, eine relativ junge ist.

Die Zielgruppe, der dies und alles Weitere erklärt wird, gehört zu den Digital Natives. Die Sprache ist internetaffin mit gehäuften Ausrufezeichen, aber in der Verbindung von betont Lässigem und Hochtrabendem eben auch äußerst witzig und effektvoll:

„Augustinus war ein christlicher Theologe und lebte im 4. Jahrhundert. LEBTE NICHT NUR, sondern schrieb auch. Und natürlich möchte man nichts Schlechtes sagen über jemanden, der Engagement zeigt und schreibt und so, und selbst wenn man PERSÖNLICH nicht so richtig gut findet, was diese Person macht, möchte man ihr zumindest ermutigend zulächeln, Daumen hochzeigen und sagen: Cool, danke für dein Engagement!!! Aber zu Augustinus kann ich leider nicht sagen: ,Cool, danke für dein Engagement, Augustinus!´ “

In der zweiten Graphic Novel „Umgedrehter Hahnenkamm“ geht es um das aktuelle Thema der Schamlippenverkleinerungs-OP. Falls Sie sich wie ich fragen, was das zu bedeuten hat, hier die Erklärung: Wenn die inneren Schamlippen unter den äußeren hervorstehen, kann der Eindruck eines ,kleinen Penis` entstehen, den junge Frauen als falsch empfinden und korrigieren lassen wollen.

Das Bild ist der zweiten Graphic Novel "Umgedrehter Hahnenkamm" aus "der Ursprung der Welt" von Liv Strömquist entnommen.

Anhand dieses Beispiels gelingt es Liv Strömquist, ihre These der gedanklichen Konstruktion des weiblichen Geschlechts fortzuführen. Denn dadurch, dass der sichtbare Teil, die Vulva, in unserer Kultur weder sprachlich benannt, noch bildhaft gezeigt, das weibliche Geschlecht also zu Leere und Loch degradiert werde, erfahre es seine Bedeutung nur in Bezug zum männlichen Geschlecht. Diesem vermeintlichen ,Wissen`, bei dem sich die moderne Leserin ertappt fühlt, wird freilich die jahrhundertealte Tradition der homerischen Hymnen über Vulva-Schauen bis hin zu mittelalterlichen Säulenkapitellen mit den gespreizten Beinen von Frauen entgegengestellt. Die Einbeziehung von Fotografien von Kunstwerken in die gezeichnete Graphic Novel unterstützt nicht nur den Wahrheitsgehalt, sondern illustriert einleuchtend wie gedankliche Konstruktion sich bildlich ausdrückte und Geschichtsschreibung funktioniert.

Den Höhepunkt des Buches (im wahrsten Sinne des Wortes) bildet für mich das Zitat eines Arztes aus der dritten Graphic Novel, der der verzweifelten Maria Theresia um 1740 antwortete, wie Prinz Georg ihr doch noch einen Orgasmus bescheren könne:

„Ceterum Censeo Vulvam Sanctissimae Majestatis Ante Coitum Essetilliandum. Im Übrigen glaube ich, die Vulva Eurer Allerheiligsten Majestät sollte vor dem Koitus gekitzelt werden.“

Erstaunt erfahre ich, dass es im 18. Jahrhundert ganze Handbücher zum Thema Klitorisstimulation gegeben hat, weil der Orgasmus der Frau damals noch als Notwendigkeit zur Schwangerschaft verstanden wurde. Erst als man herausfand, dass dem nicht so ist, (der Fortschritt der Wissenschaft kam einem Rückschritt des Feminismus gleich) kam die von Freud verbreitete Idee auf, dass jede Frau frigide sei, die keinen Orgasmus durch heterosexuellen Penetrationssex bekomme. Erst 1998 fand man die wahre Größe der Klitoris von 7-10 Zentimetern heraus und konnte beweisen, dass jeder Orgasmus, auch der vaginale, immer auch klitorial ist – und Freud also Unrecht hatte. Das sieht aber auch im Jahr 2017 noch nicht jedes Schulbiologiebuch so.

Die vierte und letzte Graphic Novel enthält die einzig farbigen Illustrationen und widmet sich dem Themenspektrum „Umgang mit der ersten Periode“ bis hin zum Prämenstruellen Syndrom, kurz PMS. Denn: „Schon die alten Griechen hatten PMS!! Das stimmt wirklich!!!“ Äußerst intelligent klärt Strömquist darüber auf, warum ausgerechnet die Wörter frisch und sicher/geschützt in keiner Binden- oder Tamponwerbung fehlen dürfen, obwohl diese Hilfsmittel zu 90% aus nie abbaubarem Rohöl bestehen. Eine Analogie auf den Eintritt der Periode und die gefühlsintensive Zeit der Pubertät findet sie überzeugend in dem Grimm`schen Märchen Dornröschen wieder. Die Sammlung von Zitaten junger Frauen um die Jahrtausendwende, die den Eintritt ihrer Periode schildern, hat Strömquist Internetforen entnommen. Sie zeigen umso deutlicher auf, wie nötig dieses Buch gerade heute ist.

Dieses Bild ist der Seite 102 von "Der Ursprung der Welt" von Liv Strömquist entnommen.

Erster Satz: „Hallo!“
Wort des Buches„Hottentottenvenus“ 
Hat mich erinnert an: —Folgt. Auf dem Themengebiet bin ich noch zu unbelesen.


Liv Strömquist, Der Ursprung der Welt, Avant Verlag, 140 Seiten, 19.95Euro

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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