Katharina Hacker, Die Habenichtse

Dieses Bild zeigt das Cover von Katharina Hackers Roman "die Habenichtse"

Hamburg Hauptbahnhof, kurz vor 4:56 Uhr an Heiligabend. Neben mir am Bahnsteig stehen eine Frau mit zwei blauen IKEA Tüten voller Geschenke, ein junges Pärchen, das sicher eines der beiden Elternpaare über die Feiertage besucht und ein Mann, der in den Mülleimern, in denen ich gerade meinen leeren Kaffeebecher in „Papier“ und „Plastik“ zerlegt habe, nach Pfandflaschen sucht.

Für Katharina Hacker wäre es ein Leichtes uns alle in „Habenichtse“ zu zerlegen. Für dieses Können wurde sie 2006 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die zehn Jahre, die seither vergangen sind, merkt man dem Roman nicht an. Im Gegenteil, es ist es beinahe erschreckend, wie viel von der beschriebenen Stimmung noch heute spürbar ist. Die Handlung spielt im Jahr 2001, kurz nach den Anschlägen in New York, die die Ordnung der Welt nachträglich beeinflussen sollen.

„Du erinnerst dich nicht, konstatierte er. Sie betrachtete ohne Neugierde das rotblonde Haar, die etwas zu weichen Gesichtszüge, die rundlichen Backen, die den Mund kleiner erschienen ließen und durch die kräftige Nase und hohe Stirn ausgeglichen wurden, er sah gut aus oder jedenfalls angenehm. Sie erinnerte sich nicht.“

Trotzdem heiraten Isabelle und Jakob kurz nachdem sie sich am 11. September 2001 durch Zufall wieder treffen und ziehen gemeinsam nach London. Nachdem sein Kollege im World Trade Center ums Leben gekommen ist, bekommt Jakob dessen Platz in der dortigen Partnerkanzlei angeboten. Isabelle zögert keine Sekunde, lässt Freunde und Kollegen in Berlin hinter sich und kocht ab sofort viermal die Woche das Abendessen während sich Jakob in der Kanzlei verwirklicht. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie all das tut, ist erdrückend. Nichts scheint ihr wichtig genug zu sein, um daran festzuhalten. Die meiste Zeit verbringt sie alleine, streift apathisch durch die Stadt und deckt sich mit Wolldecken und Konserven ein, denn zeitgleich tritt England in den Irakkrieg ein. Dem jungen Paar mangelt es augenscheinlich an nichts außer dem Bezug zueinander und zu sich selbst.

„Für einen Moment, bevor er dann doch einschlief, schoß ihm durch den Kopf, daß man sich entscheiden konnte, glücklich zu sein, und schon im Halbschlaf, war diesem Gedanken nichts entgegenzusetzen. Morgens weckte ihn der Lärm eines Flugzeugs, das klang, als kratze es mühsam eine Kerbe in den Himmel. Das Wetter war schön.“

Man bekommt Einsicht in die starken Sehnsüchte, die jede Figur umtreiben und dazu führen, dass sich die erst linear angelegten Handlungsstränge verknüpfen und Parallelen im Leben der Protagonisten bilden. Dabei lösen sich sichtbare Unterschiede, wie ein geregeltes Einkommen, Obdachlosigkeit und Alter scheinbar einfach auf. Während der Drogendealer Jim von einem Haus mit Kirschbaum und seiner verschwundenen Freundin Mae träumt, sehnt sich Isabelle nach der Verwegenheit, die ihn umgibt. Nacktfotos, die ihre ehemalige Mitbewohnerin von ihr gemacht hat, versetzen sie in mehr Erregung als der Sex mit ihrem Ehemann Jakob, der Überstunden schiebt um seinem Vorgesetztem Bentham näher zu kommen. Bentham wiederum sehnt sich nach jungen Männern, die den Schmerz um seinen verstorbenen Freund lindern. Teenager Dave möchte seiner kleinen Schwester Sara ein besseres Leben ermöglichen und geht dafür krumme Geschäfte ein.
Während des Lesens weiß man, dass sich keiner dieser Träume erfüllen wird. Im Gegenteil, die Realität wird zur unerträglichen Mangelerscheinung. Was dabei auffällt ist, dass viele Themen und Figuren angelegt, kurz abgehandelt und dann unbeachtet liegen gelassen werden. Zum Beispiel Andras, ein Kollege Isabelles, der mit seiner jüdischen Identität und der Entscheidung in seine Heimat Budapest zurückzukehren, hadert. Geht es darum noch einmal die Suche nach Identität, Zugehörigkeit und Heimat zu betonen? Wahrscheinlich. Andras wirkt an dieser Stelle wie ein Einzelgänger ohne den die Geschichte genauso gut funktioniert hätte. Auch für Hans und Alexa, die beiden besten Freunde des Paars fühlt es sich so an. Anfangs geht von ihnen ein unerhörtes Verlangen aus (siehe „Nacktfotos“), schnell verflüchtigt sich aber auch das und die beiden verschwinden in Bedeutungslosigkeit.

Im Dezember letzten Jahres lief die Verfilmung des Romans für so kurze Zeit in den Kinos, das ich sie leider auch verpasst habe und mich jetzt bis zur DVD-Erscheinung gedulden muss. Der Trailer wirkt mit Julia Jentsch und Sebastian Zimmler auf jeden Fall vielversprechend.

Später im Zug fragt mich mein Sitznachbar, ein Kunststudent aus Hong Kong, was das Wort „Habenichtse“ bedeutet. Ich versuche es auf Englisch, weil manche Dinge sich so einfach besser sagen lassen: „The feeling that everything you have is nothing compared to the things you’re missing.“ Ich schenke ihm das Buch, weil ich es nicht länger mit der Schwermütigkeit, die jede Seite dieses Buches umgibt, aushalte. Seither habe ich ein ziemlich schlechtes Gewissen.

Erster Satz: „–Alles wird anders, verkündete Dave, als der Umzugswagen klappernd davonfuhr, und hob Sara auf seine Schultern, was er schon lange nicht mehr getan hatte, und er galoppierte los, die Straße entlang bis hinunter zur Kirche, vor der ein Pfarrer stand, der ihnen freundlich zuwinkte“
Wort des Buches: „Füllmaterial
Hat mich erinnert an: Katerina Poladjan „In einer Nacht, woanders


Katharina Hacker, Die Habenichtse, S. Fischer, 272 Seiten, 9,99 Euro

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

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