Kate Tempest, The Bricks That Built The Houses

Dieses Bild zeigt das Cover von Kate Tempest Roman "The Bricks that Built the Houses".

Als Harry und Becky sich zum ersten Mal begegnen, hält man beim Lesen mit ihnen gemeinsam den Atem an. Die beiden befinden sich auf einer Party, auf der sie beide eigentlich nicht sein wollen. Becky hofft darauf Kontakte zu knüpfen, die ihre wenig erfolgreiche Karriere als Tänzerin in Schwung bringen könnten; für Harry sind solche Partys Tagesgeschäft: Sie wurde vom Gastgeber engagiert um seine Gäste mit Drogen zu versorgen.

„Harry feels the prickle of attention, looks over, sees a woman she doesn’t recognise watching her. Even just a glimpse is blinding. The woman shines so hard in Harry’s eyes. She explodes out of herself like a fireball.“

Die sonst nach außen hin abgebrühte, toughe Harry bekommt weiche Knie, kann ebenfalls nicht aufhören die Unbekannte anzusehen und wird durch deren scheinbar unbeeindruckte Art weiter verunsichert. Die beiden spüren sofort, dass etwas zwischen ihnen existiert, „some ancient thing that tugs and hurts and pleases“. An diesem Abend werden beide einander ein Geheimnis anvertrauen ohne verstehen zu können, woher dieses Vertrauen kommt, aber vielleicht in der heimlichen Hoffnung, dass sich dadurch ihre Wege noch einmal kreuzen werden.

Mit ihrem Track „Europe is Lost“ wurde die Rapperin Kate Tempest schnell zur Prophetin des Brexit. Sie weiß wozu Sprache fähig ist und erzählt auch in ihrem Debütroman nicht nur eine Geschichte, sondern setzt die Sprache als Leitung ein, durch die Atmosphäre, Gefühle und Stimmungen fließen. Keine Formulierung wirkt unpassend oder klischeebeladen, sondern intuitiv, aus dem Bauch heraus gewählt. Beim Lesen glaubt man manchmal eine Baseline zu hören, einen Rhythmus, der dem Text hinterlegt wurde, und der dazu führt, dass man das Buch nicht beiseite legen will.

Wie viel Tempest ihre Heimat bedeutet, ist unübersehbar. Sie bietet nicht nur Einblick in das Innenleben der vermeintlichen Hauptfiguren Harry, Becky und Pete, sondern enthält uns auch die Vergangenheit von allen anderen auftretenden Charakteren, den Protagonisten South-East-Londons, nicht vor. Dadurch bekommt man das Gefühl besser zu verstehen, warum sie heute so sind, wie sie sind und warum Harry die Gefahren des Drogengeschäfts auf sich nimmt, um genug Kapital zu sammeln, damit sie sich ihren Lebenstraum erfüllen kann– „Harry’s Place“:

„Do you know what I mean? A nice place that isn’t some stupid posh eatery that charges twelve quid for a breakfast. A lovely place that makes people feel welcome. A space for people to meet. We’re lonely. We’re so lonely in this city. We need places to go, I think.“

Diese romantische Sehnsucht nach einer Heimat wird zu einem der Hautmotive des Romans. Man sucht eine Person, mit der man Geheimnisse teilen kann, jemanden, der imstande ist einen aus der Depression und Ausweglosigkeit zu befreien, jemanden, der einem den Rücken freihält und auf den man sich verlassen kann. Und wenn man es nicht mehr mit sich selbst oder der Realität aushält, betäubt man sich mit Drogen und Alkohol. Hauptsache, man spürt sie nicht, die Einsamkeit.

Dabei geht es auch um den Prozess, ein Bewusstsein für sich selbst zu bekommen, damit gegen die Welt anzustehen und Ziele zu finden, die es zu erreichen sich lohnt.

„Becky looks at Harry, and thinks she has the physicality of someone who is desperate to escape themselves; she is constantly adjusting unruly strands of hair or pulling at her clothes and she is riddled with the haunted, shy defiance of a woman born with all the bits adding up to the wrong amount.“

„The Bricks that Built the Houses“ begleitete mich an Ostern auf den fast sieben Stunden Zugfahrt zu meinen Eltern. Kurz vor dem Ulmer Hauptbahnhof schlug ich die letzte Seite um. Selten war ich so versunken beim Lesen und dabei in mir selbst.

P.S.: Die deutsche Übersetzung des Romans ist unter dem Titel „Worauf du dich verlassen kannst“ als Rowohlt Taschenbuch erschienen.

 

Erster Satz: „It gets into your bones.
Wort des Buches„Lonely“.
Hat mich erinnert an: Komischerweise an „Frances Ha“ mit Greta Gerwig und Eimar McBrides „A Girl is a Half-Formed Thing“.


Kate Tempest The Bricks that Built the Houses, Bloomsbury UK, 399 Seiten.

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

Kommentare (3)

  1. Ich wollte mal loswerden, dass ich deine Bilder von Büchern sehr interessant inszeniert finde 🙂 Für meinen Blog plane ich irgendwann auch immer selbst gemachte Bilder zu verwenden, aber bisher habe ich es noch nicht geschafft.

    • PinkmitGlitzer

      Hallo Elena,
      danke für das Lob, das freut uns!:) Das „Shooting“ für unsere Cover macht immer besonders viel Spaß. Meistens geistert einem noch der Inhalt der Rezension durch den Kopf wenn man meistens ganz zufällig den perfekten Platz für das passende Foto findet. Probier’s am besten einfach selbst mal aus! Gefühlt wird man mit jedem Bild besser.
      Liebe Grüße– und jetzt stöbere ich mal ein bisschen auf deinem Blog herum;)
      Ann-Kathrin|pinkmitglitzer

  2. Vielen Dank für die Ermutigung 🙂 Wahrscheinlich gilt wie so oft im Leben: Einfach anfangen.

    Liebe Grüße
    Elena

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