Julie Buntin, Marlena

Dieses Bild zeigt das Cover von Julie Buntins Roman "Marlena".

Es gibt einen neuen Trend in der Literaturwelt: Der Beste-Freundin-Roman.
Nachdem Elena Ferrantes „Geniale Freundin“ Tetralogie (–auch ein neues Wort, das dem Trend geschuldet ist–) einschlug wie zuletzt die Harry Potter-Romane, oder zumindest so darüber berichtet wurde, begegnet man dem Beste-Freundin-Roman überall.
Ich will nicht übertreiben: Wahrscheinlich ist es wieder die selektive Wahrnehmung, die mir dabei einen Streich spielt: Sobald du darauf achtest, wie viele rote Autos es gibt, kommt es dir so vor als wäre der Großteil der Autos rot. Umso wichtiger ist es also jedem dieser Romane gerecht zu werden und sie nicht, wie es leider in den meisten Rezensionen der Fall ist, in die gleiche Schublade zu stecken.

Als ich das Autorenfoto von Julie Buntin gesehen hatte, musste ich sofort an Emma Cline (Autorin von „The Girls“) denken. Als ich den Klappentext durchgelesen hatte, kam mir ja, Elena Ferrante in den Sinn. Und während der Lektüre musste ich des Öfteren an Zadie Smith denken.

Um über „Marlena“ zu schreiben, würde ich mich zu gerne von diesen aufdringlichen Vergleichen befreien, aber das ist gar nicht so einfach.

„Sometimes I feel like she is my invention. Like the more I say, the further from the truth of her I get. I’m trying to hold palmfuls of sand but I squeeze harder, I tighten my fists, and the quicker it all escapes.“

Ein Anruf reißt die Protagonistin Cat aus ihrem Alltag in New York. Sie erholt sich gerade von einem ihrer „Hangover“, als eine unbekannte Nummer mit der Vorwahl des Bundesstaats Michigan eine Nachricht auf ihrer Mailbox hinterlässt. Es ist Sal, Marlenas jüngerer Bruder, der die Nummer über einige Ecken ausfindig gemacht hat und über seine Schwester sprechen möchte. Von Anfang an ist klar, dass Marlena bereits tot ist. Die Kapitel spielen abwechselnd in der Gegenwart der Erzählerin oder berichten von ihrer Jugend in Michigan.

Mit dem Umzug der Familie in den Ort Silver Lake beginnt auch die Erinnerung an Marlena.  Das zwei Jahre ältere Mädchen fasziniert Cat vom ersten Tag an.  Sie wirkt wie das weibliche Pendant zu James Dean: Rebellisch, cool, grenzenlos. Um mit ihr mitzuhalten, stellt sich die Erzählerin, die von ihrer Familie bisher als „Catherine“ angesprochen wurde, als „Cat“ vor. Mit Marlenas Hilfe erhofft sie sich zu der Person zu werden, die sie sich selbst bisher nicht zugetraut hat.

„Catherine had apologized for everything, for the simple fact of her body taking up space. But not Cat. Or that’s what I hoped.“

Diese Rechnung wird aufgehen. Mit ihrer neuen Freundin entflieht sie der Tristesse und Ödnis von Silver Lake, Michigan, sie erlebt die vielen „ersten Male“ eines Teenagers: Den ersten Kuss, den ersten Rausch, die erste Party, das erste Verbrechen.

In der Erinnerung hinterfragt sie, was damals passiert ist und versucht herauszufinden, ob sie Marlenas Tod hätte verhindern können. Zur typischen Freizeitgestaltung mit Marlena gehörten Tabletten und Alkohol ganz selbstverständlich dazu. Trotzdem wirkte es auf Cat so, als hätte die Freundin alles im Griff. Rückblickend ist es für sie leichter die Zeichen zu erkennen, die sie schon damals zu einer Intervention hätten zwingen müssen. Die Unsicherheit, ob und was sie hätte verändern können, ob es in ihrer Hand gelegen hätte, dass Marlena noch lebt, lässt Cat trotz der räumlichen Distanz die sie zu damals geschaffen hat, nicht los.

Was den Roman auszeichnet sind auch die unauffällig angeschnittenen anderen Themen. Wer oder was heißt Familie? Kann man seiner Herkunft entkommen? Ist Lethargie ein Ausweg aus der Ausweglosigkeit? Wie stark verändert das Heute die Vergangenheit?

Auch Cats Mutter, die starke, bei weitem nicht fehlerlose, aber gerade deshalb wohl so moderne Frauenfigur, bemerkt man erst gegen Ende des Romans.

„Marlena“ ist ein Coming-of-Age Roman, der auf einer wahren Geschichte basiert. In einem Essay im US-Magazin „The Atlantic“ erzählt Julie Buntin bereits 2014 die Geschichte ihrer Freundin Lea, die infolge ihres Drogenkonsums starb. Leas Facebook-Profil überdauert ihren Tod bis heute, während Marlena nur den Leserinnen in Erinnerung bleiben wird.

„Her expression is distant and sad. With the hand that doesn’t hold the camera she gives a little wave, only three of her fingers visible inside the frame. For as long as Facebook exists, Lea will be there, saying goodbye. And as long as she’s there, I’ll be watching her go.“ (Auszug aus dem Essay)

P.S. Der Roman erscheint in der deutschen Übersetzung voraussichtlich am 21.07.2017 im Eichborn Verlag.

Erster Satz: Tell me what you can’t forget, and I’ll tell you who you are.“
Wort des Buches„accomplice“ 
Hat mich erinnert an: „A Separate Peace“, John Knowles.


Julie Buntin, Marlena, Picador 352 Seiten 

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

Kommentar (1)

  1. Pinkback: Vorschau auf den Literaturherbst 2017 | pinkmitglitzer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.