Juliana Kálnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Das Cover des Romans "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens" von Juliana Kálnay

Juliana Kálnay ist gerade in aller Munde. Also zumindest in den Kreisen von Literaturkritikern und deren Bestenlisten. Das ist für eine junge Autorin, die übrigens ebenso wie Alina Herbing Absolventin aus Hildesheim ist, schon beachtlich. Tatsächlich lesen sich die ersten Seiten ihres Debüts „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ leichtfüßig, amüsant und verspielt an. Ich fühlte mich unwillkürlich in meine Kindheit zurückversetzt, zückte Stift und Papier und musste zeichnen, was mir da Abenteuerliches aus dem Haus mit der Nummer 29 erzählt wurde:

Von Lina, deren Mann Don sich immer mehr in einen Baum verwandelt und den sie hingebungsvoll hegt und pflegt. Von Ronda, deren Fische nachts aus dem Aquarium springen und unter ihren Achseln und zwischen ihren Beinen Zuflucht suchen. Von Rita, die mittels eines Spiegels auf ihrem Balkon und ihren übergroßen Ohren alles und jeden im Blick zu behalten scheint. Von Tom, der sich im Aufzug einnistet und im Treppenhaus kocht. Von Eli, der sich durch Wände frisst, Leonard, der von einem Bücherregal begraben wird, einem Ich im dritten Stock, das von seinen Eltern und der Schwester verlassen seine Tage im Schrank fristet und in den Jackentaschen nach Kekskrümeln sucht. Und natürlich von Oscar aus dem Vierten, dessen Wesen namens Kasi im Bidet lebt und Tom eines Tages vor Schreck aus der Dusche springen lässt.

Die Bewohner der Hausnummer 29

Die Bewohner der Hausnummer 29

Das allein sind unvergessliche Bilder und davon gibt es im Roman noch viele mehr, die in wechselnden Perspektiven erzählt werden. Dieses Wimmelbild entsteht mit großem sprachlichen Talent der Autorin vor dem inneren Auge des Lesers. Leitmotive wie das Kochen, Bruzzeln und Kokeln im Treppenhaus oder auf dem Balkon, das permanente TV-Rauschen und -flimmern in den Wohnungen werden wie zufällig in die Szenerien eingeflochten, so dass man dem Roman seinen hohe Grad an Konstruiertheit nicht sofort anmerkt.

Doch ab der Hälfte des Buches beginnt man sich als Leser zu fragen: Wozu das alles? Es gibt in dem Roman keinerlei Handlung. Die einzigen Spannungsmomente, etwa das Verschwinden Majas oder der Treppensturz eines Mitbewohners (Wurde er gestoßen oder nicht?) werden kurz erzählt, nicht wieder aufgenommen, sie bleiben unaufgeklärt im luftleeren Raum hängen. Und einen Roman, dessen Inhalt sich auf die Bewohner eines Hauses konzentriert, durch einen Brand desselben Hauses zu beenden, gehört für mich ebenfalls nicht zu den einfallsreichsten Ideen.

Außerdem habe ich Schwierigkeiten mit dem Titel des Romans „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“. Einerseits handelt es sich nicht um eine Chronik, denn die Ereignisse im Haus Nr. 29 werden nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt. Andererseits verschwinden die Bewohner des Hauses nicht zwangsläufig „allmählich“. Maja, Toni, Rita – sie alle verschwinden nicht allmählich, sondern ziemlich abrupt: Maja verschwindet angeblich in einem selbstgegrabenen Loch, Toni wird von einer Mauer im 4. Stock verschluckt, die nur noch seine Narbe am Kopf im Tapetenmuster erkennen lässt, und Rita stirbt innerhalb eines Tages, ob eines natürlichen Todes oder unter Sterbehilfe sei einmal dahingestellt (Die Mitbewohner, die sie eigentlich nicht leiden konnten, versammeln sich um ihr Bett, sorgen für eine kühle Zimmertemperatur und decken ihr die Beine ab).

Wann immer etwas mit den Mitteln des menschlichen Verstandes nicht mehr nachvollziehbar ist, fällt neuerdings häufig der Begriff des „Magischen Realismus“: Toni Morrison, Juliana Kálnay und Chloe Aridjis vertreten demnach dieselbe Stilrichtung wie Gabriel García Márquez. Ich möchte die Frage stellen, ob nicht einfach dort, wo die Dinge nicht mehr realistisch geschildert werden, die Phantasie, die Literatur einsetzt und weiter nichts.

Auch als Kritik an unserem heutigen anonymen Wohnen wurde Kálnays Roman gedeutet. Aber sind sich die Bewohner des Hauses, das zweifelsfrei aus der Zeit gefallen zu sein scheint, nicht genauso fremd wie in heutigen anonymen Großstadtwohnungen? Ich bin jedenfalls eher erleichtert, den „Klatsch im Treppenhaus“ nicht mehr im realen Leben, sondern höchstens noch in Buchform mitzuerleben.

Am Ende des Romans reiht die Autorin vielleicht deshalb ihre einzelnen Inspirationsquellen auf, um den Fehler einer Helene Hegemann nicht zu wiederholen. James Joyce und Georges Perec dürfen da natürlich nicht fehlen, Vorbilder, auf die wahrscheinlich nicht alle Kritiker hingewiesen hätten, würden sie nicht im Anhang so penibel aufgezählt. Zweifelsohne kann man an diesem Roman viel interpretieren, gerade weil alles offen bleibt, aber wer, ohne Doktor in Literaturwissenschaften sollte etwas davon haben?

Ein großes Lob gilt dennoch dem Verlag, der den Mut hat, ein solch unkonventionelles und sprachlich kreatives Buch in so liebevoller Gestaltung zu veröffentlichen. Da werden Dialoge auf einer Buchseite so in zwei Spalten gesetzt, dass ein gegenseitig sich unterbrechendes Gespräch im Treppenhaus tatsächlich hin und her, rauf und runter nachvollziehbar wird und im Kopf des Lesers nachhallt. Kursive Überschriften, unaufdringlich matt gesetzte Seitenzahlen – Typographisch gesehen ist das Buch eine Augenweide!

Erster Satz: „An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren.“
Wort des BuchesSchneckenhaus
Hat mich erinnert an: „Juja“, Nino Haratischwili.


Juliana Kálnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens, Wagenbach Verlag, 192 Seiten.

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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