Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen

Dieses Bild zeigt das Cover von Julia Wolfs Debütroman Walter Nowak bleibt liegen vor einem Fließenhintergrund.

Hier liege ich nun. Ich weiß wie das aussieht. Das sieht eindeutig aus. Aber ich kann das erklären.“ Mit diesen Worten endet (und beginnt gewissermaßen erneut) der zweite Roman von Julia Wolf, dessen Auszüge bereits letztes Jahr mit dem 3-Sat-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ausgezeichnet worden sind.

Walter Nowak, 68 Jahre, Ex-Unternehmer einer kleinen Firma für Hebebühnen bleibt morgens eigentlich nie liegen, sondern steht um fünf vor Acht vor der Schwimmhalle. Als seine Frau Yvonne ihn für eine viertägige Tagung verlässt, wirft ihn das jedoch völlig aus der Bahn: Beim Anblick des Pferdeschwanzes einer fremden Frau im Schwimmbad ist er so in Gedanken an Yvonne versunken, dass er den Beckenrand zwei Züge später einschätzt und mit dem Kopf frontal gegen die Wand prallt. In der Folge fährt er noch barfuß, nur mit Badekappe, -hose und Ohrstöpseln bekleidet nach Hause, wo ihn abgekochte Portionen von Haferschleim und Graupenrisotto erwarten. Walter, der, wie wir nun erfahren, eine schwere Diagnose verarbeiten muss, gelüstet es aber eher nach Wildschwein, das sein Freund Willi geschossen hat. Im Versuch, das Wildschwein fachgemäß zuzubereiten, sucht er Rat bei seiner Exfrau Gisela, die aber nur Folgendes antwortet:

„Walter, wir essen schon seit Jahren kein Fleisch mehr. Und darüber hinaus. Sie nennt eine Adresse. Dreimal das W Punkt de. Gib einfach Wildschwein ein!“

Wie der Pferdeschwanz zu Yvonne (und einer russischen Putzkraft namens Olga) hinleitet, tut sich durch das Wildschwein ein neues Fass ohne Boden in Walters Kopf auf: Wir erfahren von seiner ersten Frau Gisela, die im Nachkriegsdeutschland zu früh schwanger geworden und notgedrungen geheiratet wurde und von seinem Sohn Felix, der von Anfang an nicht Walters Erwartungen entsprach: „Kleine Jungs mögen doch Kräne, Feuerwehr, Polizei –“, nicht so Felix, der Tierpfleger wird, in Walters Augen „knietief im Mist, wären es doch wenigstens die Löwen gewesen.“ Im gestörten Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Walter und Felix schält sich langsam der Grund für Walter Nowaks einzigartige Psyche zwischen Spießer und Nostalgiker heraus:

„Mutter macht sich hübsch, nur für ihn, für seine Uniform. Amiliebchen, mehr weiß ich ja nicht. Ich weiß nur, wir tanzen, zu seiner Musik, Mutter und ich. You ain‘t nothin‘, mit klappernden Knien, but a hound dog, volle Lautstärke. Ich weiß wie Mutter lacht, das Schlagzeug unbändig.“

Walter wuchs im Nachkriegsdeutschland ohne Vater auf. Als sein Großvater aus dem Krieg heimkehrt, soll Walter, der Bastard, zur Adoption frei gegeben werden. In der Schule wird er mit Steinen beworfen. Elvis, den Walter verehrt und in dem er seinen Vater sieht, erkennt ihn nie als seinen Sohn an. Die Vermutung, Elvis könnte tatsächlich der Vater von Walter sein, wird dadurch erhärtet, dass ein Café Bienenkorb und der zur Umbenennung erwogene Elvis-Presley-Platz erwähnt werden, die sich beide in Bad Nauheim und damit genau an dem Ort befinden, an dem Elvis Presley als US-Soldat stationiert gewesen ist.

Trotz dieser unglaublichen Herkunftsgeschichte verkörpert Walter Nowak aber auch den typischen Nachkriegsdeutschen: Er legt Wert darauf, sich ganz alleine hochgearbeitet zu haben, baut Einfamilienhäuser für seine beiden Frauen und bucht das beste Schnäppchen im Pauschalurlaub. Seine Spießigkeit und ausländerfeindlichen Parolen gegen seine 1. schwarze und 2. weibliche Ärztin sind kaum zu ertragen. Als Leserin verzeiht man ihm trotzdem, denn all seine Fehler werden vor seinem Entstehungshintergrund erklärbar.

Im Grunde genommen, schauen wir Walter Nowak beim verzweifelten Versuch zu, Herr im eigenen Haus zu bleiben. Seit kurzem muss er Windeln im Regal für Damenhygiene im Supermarkt kaufen. Er hat (begründete) Angst davor, dass Yvonne ihn für einen andern verlassen wird: „Was heißt hier Tagung. Das heißt doch Hotel.“ Er fürchtet sich davor, dass Gisela tatsächlich über ihn hinweg gekommen sein könnte und seinen Sohn verspottet er nur, weil er dessen Spott für ihn selbst zuvorkommen möchte. Seine Hilflosigkeit, sich durch ein rosa-schwarz gestreiftes Polohemd seinem vermeintlichen Vater Elvis näher zu fühlen, trifft mitten ins Herz.

Die große Kunst von Julia Wolf besteht darin, dass sie uns all dies und noch zahlreiche weitere, oftmals witzige Details auf nur 159 Seiten erzählen kann. Das gelingt ihr, indem sie häufig mehrere Geschichten durch ein assoziatives Erzählen miteinander bündelt und parallel laufen lässt. So bezieht sich das Liegenbleiben des Walter Nowak beispielsweise nicht nur auf das morgendliche Liegenbleiben nach acht Uhr, sondern auch auf seinen Sturz im Schwimmbad, auf Yvonne und damit verbunden auch auf Olga. Die Perspektive bleibt dabei streng auf Walter Nowaks Kopf beschränkt, aber darin springen die Gedanken kreuz und quer, die Zeitebenen verschwimmen, Sätze werden noch im Entstehen begriffen unterbrochen. Das führt dann schon mal zu einer herrlichen Art von Kauderwelsch:

„Da können sie sagen, was sie wollen, komme wer wolle und sagt, wer wolle, sagt was, wolle komme, was?“

Die Art, wie Julia Wolf aus einem Pferdeschwanz, einem Wildschein, dem Kauf einer Badehose oder einem Poloshirt ganze Geschichten entwickelt, ist beeindruckend. Mit viel Witz und Sinn für Ironie schafft sie es, uns den ganz eigenen Kosmos des Walter Nowak zu erschließen. Dabei kommt auch die Selbstironie einer jungen Autorin, deren Lesung via TV und Radio ausgestrahlt wird, nicht zu kurz:

„Dass die Lesungen senden, schön, aber so was. Ich meine, das sind doch auch meine Gebühren. Habe ich nicht Anspruch auf Unterhaltung? (…) So junge Dinger lassen die schon, so junge Dinger schreiben schon Bücher? (…) Und dann dieses Wort, die Stimme des Mädchens Ich lecke ihm die, leiert sich in mich hinein. Ich stecke meinen Finger in seinen – ich springe auf, wo sind wir denn hier!“

Wie dabei die Figur der Yvonne zusehends mit der Floskel „Ach Walter“ verschwimmt, mit der sie Walter stets anspricht, verbildlicht den assoziativen Denkprozess im Gehirn. Die Technik, eine Figur mit einem Ausspruch von ihr zu identifizieren, ist vielleicht Katja Petrowkajas „Vielleicht Esther“ entlehnt. Die irrwitzige, innere Perspektive einer im Grunde hilflosen Hauptfigur findet ihre Parallele in Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“. Kann es da Zufall sein, dass sogar auf den Buchtitel der Autorin eigens hingewiesen wird?

Der Junge krabbelt aus dem Auto, legt den Kopf in den Nacken. Giraffe!, kräht er. Und Gisela überschlägt sich fast vor Freude, Stimmt, Felix, stimmt, eine Giraffe hat auch einen langen Hals, wie die Maschine! Dabei ist das doch völlig am Thema vorbei, der Hals der Giraffe.

In jedem großen Roman steckt häufig ein kleiner, der dasselbe auf weniger Seiten hätte transportieren können. Mit nur 159 Seiten widersetzt sich Julia Wolf dem Trend tausendseitige Romane zu verfassen und verkörpert in gewisser Weise das Gegenteil der Great American Novel. Sie gehört schon jetzt zu meinen persönlichen Favoritinnen für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Erster Satz: Ach Walter, hatte sie gesagt und war schon zur Tür hinaus.“
Wort des Buches„marodierend“
Hat mich erinnert an: Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky und „Du stirbst nicht“ von Kathrin Schmidt


Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen, Frankfurter Verlagsanstalt, 159 Seiten.

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Kommentare (3)

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