Ina Hartwig, Wer war Ingeborg Bachmann?

Dieses Foto zeig das Cover von Ina Hartwigs Biografie "Wer war Ingeborg Bachmann?".

Zugegeben: Wenn ich bisher den Namen Ingeborg Bachmann hörte, zuckte etwas in mir zusammen, zog sich teils überlegen, teils ängstlich in sich selbst zurück und meine Aufmerksamkeit schwand jede Sekunde mehr. Nach der Lektüre von Ina Hartwigs Biographie in Bruchstücken weiß ich nicht nur, woran das lag, sondern habe sogar den großen Sprung gewagt und mich ins Gesamtwerk der Autorin vertieft.

Ingeborg Bachmann ist eine der großen Mythen der Nachkriegsliteratur. Geboren 1926 in Klagenfurt, gestorben 1973 in Rom unter nach wie vor ungeklärten Umständen. Ina Hartwigs Biographie setzt mit dem Tod von Bachmann ein und stellt uns noch am Sterbebett die wichtigsten Personen kammerspielartig vor: Da wären zum Einen die Fraktion um die Freundinnen Christine Koschel und Inge von Weidenbaum, die später die vierbändige Werkausgabe Ingeborg Bachmanns bei Piper herausbringen würden. Zum Anderen das Ehepaar Auer, das die Autorin Zeit ihres Lebens mit Psychopharmaka aus der Schweiz versorgt haben soll und das den Ärzten bis zuletzt verschwieg. Ob Mord, Selbstmord oder ein Unfall zum frühen Tod der Autorin führte, wurde bis heute nicht aufgeklärt. Die Quellen der beteiligten Personen widersprechen sich vehement, etliche Briefe aus dem Nachlass sind bis heute nicht veröffentlicht worden. Und schon ist man mitten im Feuilletonklatsch der frühen 70er Jahre gelandet, als Autoren noch anonym im Spiegel berichteten und die zuständigen Redakteure für ihre Behauptungen keine Quellenbelege im Archiv abzulegen brauchten. Wer es nicht selbst miterlebt hat, stellt es sich wie bei der ZDF-Serie Zarah vor.

Was aus heutiger Sicht noch viel spannender anmutet als ihr sagenumwobener Tod, ist die Tatsache, wie Ingeborg Bachmann mit nur 26 Jahren und kaum mehr als einem Dutzend verfasster Gedichte schlagartig berühmt werden konnte. Als sie erstmals 1952 vor der Gruppe 47 las, hatte sie nicht viel mehr als eine Promotion in Philosophie und die Mitarbeit bei der humoristischen Serie Die Radiofamilie vorzuweisen, worunter man sich gut und gerne so etwas wie heutzutage Wir sind die Freeses vorstellen darf. Marcel Reich-Ranicki brachte die Attitüde der Bachmann, wie er sie nennt, in der Sendung Lauter Schwierige Patienten noch 2014 auf den Punkt (auch dies eine Literatursendung, die man sich so heute kaum mehr vorstellen kann): Fielen ihr die Blätter beim Vorlesen vor der Gruppe 47 wirklich aus der Hand oder ließ sie diese absichtlich fallen? Vergaß sie ihren Pass bei der Einreise in die USA tatsächlich oder wollte sie nur die uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf ihre Person zurücklenken? Flüsterte sie beim Lesen vor Nervosität oder gehörte das zu ihrem Stil? Schicht um Schicht entpuppt sich hinter der mädchenhaften Fassade ein Medienprofi, der sich immer schon in Hinsicht auf das eigene Nachleben bewusst inszenierte – und inszenieren ließ!

Ina Hartwigs Herangehensweise an den Mythos Bachmann fesselt mit jeder Seite mehr. Die junge Autorin umgab sich bewusst mit möglichst einflussreichen Männern, die sie einen nach dem anderen für sich einnahm. Der Blick dieser Männer ist es, der das Bild von Ingeborg Bachmann bis heute prägt. Ina Hartwigs Stärke ist es, genau das sichtbar zu machen. 1954 zum Beispiel wurde ihr Portrait (das jetzige Coverbild der Biographie) auf der Titelseite des Spiegels abgedruckt– unvorstellbar, dass so etwas heute noch passieren könnte. Die Fotografie stammt von Herbert List, einem homosexuellen Fotografen, der Ingeborg Bachmann bewusst rätselhaft inszeniert und dabei (s)ein Gegenbild zur damals noch mehrheitlichen Haus- und Ehefrau entwirft: Kurze dunkle Haare, ein schiefer Blick, der durch die spiegelverkehrte Variante des Fotos noch verstärkt wird, ein schwarzer Rollkragenpullover im Stil der Existentialisten. Der Kontrast zu späteren Aufnahmen, wo sie mit hellen Haaren schüchtern lächelnd posiert oder in ihren späten Jahren mit Lack und Leder die Insignien des Sadomasochismus zitiert, könnte nicht größer sein. Er zeigt aber, was Ingeborg Bachmann alles mit sich und aus sich machen ließ – alles, um berühmt zu werden.

Dass Hartwig dabei stets den Blick auf die Frau hinter dem Mythos freilegt – wie sie agiert in einem von Männern dominierten Feld, was sie sich vom Klischee ,Frau´ zu Nutze macht, um ihre Ziele zu verfolgen –  darin liegt die Besonderheit dieser Biographie für uns als pinkmitglitzer begründet.

Wer noch nichts von Ingeborg Bachmann gelesen hat, wird durch diese Biographie vielleicht dazu verführt werden. Wer die Autorin schon gut zu kennen meint, erfährt das ein oder andere pikante neue Detail. Wer sich überhaupt nicht für Ingeborg Bachmann interessiert, liest dennoch ein spannendes Buch über die High Society der Nachkriegs-(Literatur-)Gesellschaft: Alle sind sie da und kommen zu Wort: Hans-Magnus Enzensberger, Martin Walser, Klaus Wagenbach, Peter Handke, Marianne Frisch, Günther Grass, Joachim Unseld, Peter Härtling, Henry Kissinger, um nur einige zu nennen. So hält man neben einigen Bruchstücken mehr über die Bachmann wie nebenbei auch noch eine äußerst spannende Entstehungsgeschichte der deutschen Nachkriegsliteraturszene in der Hand.

Erster Satz: „Ingeborg Bachmanns furchtbares Lebensende hat schon viele Deuter auf den Plan gerufen, und auch wenn die Todesursache vermutlich nie vollständig geklärt werden kann, sind die im Herbst 2014 in der Zeitschrift ,Sinn und Form` erschienenen Tagebuchaufzeichnungen von Christine Koschel doch bemerkenswert.
Wort des Buches„Bauernmädchen 
Hat mich erinnert an: Ingeborg Bachmann/Paul Celan, Herzzeit. Briefwechsel.


Ina Hartwig, Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken, S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 22€.

 

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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