Chris Kraus, I Love Dick

Dieses Bild zeigt das Cover des Romans "I Love Dick" von Chris Kraus.

Ich hatte es nicht einfach mit diesem Buch.

Schon vor dem Erscheinen wurde es in den Feuilletons so oft und ausführlich besprochen, dass ich zu zweifeln begann, ob es sich lohnen würde, diesen Roman selbst zu lesen. Gefühlt war bereits alles gesagt, und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Wie ein Mantra wiederholte sich die Wendung „Bedeutender Klassiker der feministischen Literatur, endlich auch auf Deutsch“ solange, bis ich mich entschied mit dem Lesen anzufangen.

„[W]as heutzutage unter Frauen geschieht, ist das Interessanteste auf der Welt, weil es am wenigsten beschrieben wird.“

Die Filmemacherin Chris Kraus und ihr Ehemann, der Professor Sylvere Lotringer, schlafen seit längerer Zeit nicht mehr zusammen, erleben aber eine alternative Art der Intimität, indem sie sich alles erzählen. So verheimlicht Chris auch nicht, dass sie sich beim gemeinsamen Abendessen mit Sylveres Bekanntem Dick, zu diesem hingezogen fühlt und in der gleichen Nacht darüber fantasiert mit ihm zu schlafen. Weil sich ein Schneefall angekündigt hatte, übernachtete das Ehepaar im nahegelegenen Haus von Dick. Nach einer beschwingten Nacht, ist Dick am nächsten Morgen verschwunden. Was danach passiert, ist schnell erzählt: Chris und Sylvere analysieren den vorangegangenen Abend, deuten jedes kleinste Detail und schreiben fortan Briefe an Dick, in denen sie ihm schildern, warum und wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlen.

Wer verliebt war, kennt dieses Gefühl zu gut: Nachdem man Zeit mit jemandem verbracht hat, nutzt man die Reaktion des anderen oder besser gesagt, die Erinnerung daran, um abschätzen zu können, ob man beim anderen angekommen ist. Man verleiht jedem Wort Bedeutung, rätselt, wie man einzelne Gesten interpretieren kann, beginnt zu zweifeln. Sylvere hat irgendwann genug davon, das Briefe schreiben wird ihm peinlich. Chris dagegen steigert sich immer tiefer in ihre Dick-Obsession, schreibt ihm bald mehrmals täglich und trennt sich deshalb schließlich von Sylvere. Damit beginnt der zweite Teil des Buches, „Every Letter is a Love Letter“.

Die Briefe an Dick verändern sich. Ja, es gibt sie noch, die Schwärmereien und die für die Leserin oft unerklärlich starke Sehnsucht endlich mit Dick zu schlafen, vor allem aber lesen sich die Briefe jetzt mehr wie Einträge in ein Tagebuch. Chris sehnt sich nach jemandem, der ihr Leben auseinandernimmt und baut auf der Reaktionslosigkeit Dicks auf, um es selbst zu tun.

„WER DARF SPRECHEN UND WARUM?, schrieb ich letzte Woche, DAS IST DIE EINZIGE FRAGE.“

„Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir erschien bereits 1949 und behandelte damals bereits die Themen, die Chris umtreiben. Warum werden Frauen immer noch in Abhängigkeit von Männern gesehen? Warum ist es so schwer, sich als Frau und Künstlerin selbst zu entdecken? Woher kommen die Selbstzweifel, woher das Gefühl von Minderwertigkeit?

Im Vergleich zu Sylvere und Dick beschreibt sie sich selbst als „keine Intellektuelle“, greift jetzt aber die Frage auf, warum es selbstverständlich für einen Mann ist, seine Gefühle zu Kunst zu machen, während Frauen, die das gleiche tun, als instabil und neurotisch abgestempelt werden und ihnen der Kunstwert ihres Werkes abgesprochen wird. „Du hast die Kunst zu einem Ventil der Leidenschaft gemacht, zu einer Art Nachttopf, um den Überlauf von was auch immer aufzufangen. Das riecht nicht gut! Es riecht nach Hass!“, soll Flaubert seiner ehemaligen Geliebten Louise geschrieben haben, nachdem sie als Reaktion auf die Trennung ein Gedicht verfasst hatte.

Man bekommt auch ein Stück Zeitgeschichte der 90er Jahre geboten, hört sich an wie Chris Kunstausstellungen bespricht, über den Stand der poststrukturalistischen Theorie philosophiert und beginnt selbst zu R.B. Kitaj und Hannah Wilke zu recherchieren. Diese Stellen beweisen, dass Chris natürlich doch zur intellektuellen Szene gehört, als Leserin fragt man sich jedoch häufiger, ob das in dieser Tiefe und Ausführlichkeit notwenig war. Tröstlich stimmen einen dennoch die vielen klugen Sätze über die Liebe und das Frau-Sein, die immer wieder eingestreut werden. Dass diese sich in der Originalsprache einfach besser anhören, ist aber nicht der für dieses Buch denkbar schwierigen deutschen Übersetzung geschuldet.

„How do you continue when the connection to the other person is broken (when the connection is broken to yourself)? To be in love with someone means believing that to be in someone else’s presence is the only means of being, completely, yourself“

Am Ende des Buches bekommt Chris endlich die erhoffte Reaktion Dicks. Allerdings ist sie inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem diese ihr nichts mehr anhaben kann.

Wenn man möchte ist „I Love Dick“ ein Buch voller Liebesbriefe an das Selbstbewusstsein weiblicher Künstlerinnen. Ohne die radikale Selbstentblößung von Chris Kraus, das nackte Offenlegen der eigenen Schwachstellen, müsste man auf Serien wie „Girls“ von Lena Dunham wahrscheinlich noch ein paar Jahre warten. Gleichzeitig liegt es wohl an der Beliebtheit solchen Serien, dass Amazon das Buch in Episodenform verfilmt.

Vor der Lektüre stellte ich mir auch vor, wie es wohl sein würde, mit diesem knalligen grün- pinken Cover, das „I Love Dick“ in die Welt schreit, auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn zu stehen. Ergebnis: Unspektakulärer als erwartet.

Erster Satz: „Chris Kraus (39), experimentelle Filmmacherin, und Sylvere Lotringer (56), College Professor in New York, essen gemeinsam mit Dick ___, einem Bekannten Sylveres, in einer Sushi Bar in Pasadena zu Abend.“
Wort des BuchesLiebesbrief
Hat mich erinnert an: „The Blazing World“, Siri Hustvedt


Chris Kraus, I Love Dick, Matthes & Seitz, 292 Seiten.

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

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