Han Kang, Menschenwerk

Dieses Bild zeigt das Cover von Han Kangs Roman "Menschenwerk" vor entsprechender Kulisse.

Dass wir überhaupt in den Genuss kommen, die Romane der Koreanerin Han Kang auf Deutsch lesen zu können, verdanken wir der Auszeichnung ihres Romandebüts The Vegetarian mit dem Man Booker International Prize 2016. Menschenwerk ist jetzt der zweite Roman, der ins Deutsche übertragen wird, den die Kritik jedoch in den Schatten ihres Debüts stellt. 

Die sieben Abschnitte des Romans kreisen um das Gwanju-Massaker, das sich vom 18.5.–27.5.1980 in der Geburtsstadt der Autorin abspielte und dessen Nachwirkungen bis heute spürbar sind.

Nicht nur daran ist abzulesen, dass Kang autobiographisches Terrain betritt: Die Erwartungen an eine Frau in einer repressiven Gesellschaft werden in drei der sieben Geschichten thematisiert. Auch der Epilog wirkt wie eine Art Entstehungsgeschichte dieses Romans und seiner Autorin.

Die erste Geschichte, Das Vögelchen, bildet die erzählerische Basis, auf die alle nachfolgenden Figuren Bezug nehmen. Während des Studentenaufstands 1980 verliert der Schuljunge Dong-Ho seinen besten Freund Jeong-Dae durch die Schüsse der Soldaten. Stark traumatisiert geht er nicht nach Hause, sondern kümmert sich um die Identifikation der Leichen. Es muss schnell gehen, der sich anbahnende Regen droht seine Arbeit unmöglich werden zu lassen. Die Verzweiflung des Jungen überträgt sich auf die Leserin, genauso wie die Unbarmherzigkeit, mit der der Regen am Ende des Abschnitts tatsächlich einsetzt. Han Kang weiß dieses Gefühl auch erzählerisch zu verstärken, indem sie die ungewöhnliche Du-Perspektive einnimmt:

Du singst mit den anderen die Nationalhymne, bis du plötzlich verstummst. Prachtvoll über Berg und Tal, wiederholst du und erinnerst dich an das chinesische Zeichen für ryo, prachtvoll, das du in der Schule gelernt hast. Du bist dir nicht sicher, ob du diese komplizierte Strichkombination noch zeichnen könntest. Berg und Tal, voller prächtiger Blüten? Oder Berg und Tal, prachtvoll wie Blüten? Die Schriftzeichen werden jetzt in deinem Kopf von Stockrosen überwuchert. Stockrosen, die in einer Ecke des Hofes stehen und im Sommer über dich hinauswachsen.

Erst durch die Erwähnung der Stockrosen, die nun den Kopf des Dus überwuchern, kommt zum Ausdruck, wer spricht: Die Seele des toten Jungen Dong-Ho blickt auf sich selbst zurück und auf das, was jetzt mit seinem leblosen Körper passiert. Dieser Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart innerhalb einer Figur verdeutlicht die langfristigen Auswirkungen des Massakers, um die es Han Kang geht.

In der zweiten Geschichte Der schwarze Atem erleben wir dann das Gegenstück zur ersten – diesmal aus Sicht des Freundes Jeong-Dae in der Ich-Perspektive.

Die dritte Geschichte spielt 1985, 5 Jahre nach dem Massaker: Eun-Suk leidet immer noch darunter, dass sie den Tod des Dong-Ho damals nicht verhindern konnte. Sie überlebte nur, weil ihr als Frau verwehrt wurde zu kämpfen. Heute arbeitet sie (natürlich in unbedeutender Position) in einem Verlag und wird, nachdem sie mit einem regimekritischen Stück in Berührung gekommen ist, unter Druck gesetzt. Die ungeheuren Folgen von 1980 werden deutlich: Dazu gehören nicht in erster Linie das Trauma der Gewalt, sondern der Vertrauensverlust in die Mitmenschen und damit verbunden ihre Hoffnungslosigkeit. Durch Frauenfiguren wie Eun-Suk und Jungen mit feingliedrigen, fast weiblichen Zügen schafft Han Kang ungewöhnliche Perspektiven auf ein historische Ereignis.

Man kann es sich vorstellen wie nach einer Atombombe. Radioaktive Substanzen lagern sich in Knochen und Muskeln ein und verändern die Genstruktur. So entstehen krebserregende Zellen, die den Körper angreifen. Selbst nach dem Tod des betreffenden ist die radioaktive Strahlung noch da.

Das Erlebnis von brennenden Menschenkörpern lässt Eun-Suk nun auf Fleisch verzichten. Darin erinnert sie stark an die VegetarierinIn Wirklichkeit ist es nicht der Geschmack, den sie nicht mag, es ist der Geruch brutzelnden Fleisches auf dem Grill.

Im Gegensatz dazu versteht man hier die genauen Beweggründe der Figur. Umso erstaunter bin ich darüber, dass derselben Autorin, die für das Aufgreifen des Trendthemas Vegetarismus in The Vegetarian gefeiert wurde, nun durchästhetisierte Konstruiertheit und hölzerne Dialoge vorgeworfen werden.

Sie denkt an die groben Streichungen, die schwarzen Balken und die Wörter, die wie zufällig den Verwüstungen entkommen sind. Sie, ich, das, vielleicht, genau, unser, alles, ihr, warum, schauen wir, eure Augen, von nächster Nähe bis in die weiteste Ferne, dies, mit Klarheit, im Moment, noch mehr, unbestimmt, warum Sie, erinnert euch.

Zugegeben: Im Rückblick erscheinen die toten Seelen der Figuren, die als Vögelchen mit Astralkörpern bezeichnet werden, des weiteren als gläsern und leicht zerbrechlich, dem Kitsch nahe – in die Gesamtkonzeption des Textes fügen sie sich jedoch nahtlos ein. Mitunter bleibe ich sprachlos zurück vor der Kunstfertigkeit der Autorin, die mittels sprachlicher Nüchternheit und Perspektivwechsel die Gewalt und den Schmerz geradezu physisch an die Leserin heranrückt. Für mich ist Menschenwerk der mit Abstand stärkere der beiden Romane.

Erster Satz: „ ,Sieht nach Regen aus`, murmelst du.
Wort des Buches„Turnhalle 
Hat mich erinnert an: Adam Johnson, Das geraubte Leben des Waisen Jun Do, Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte und Édouard Louis, Im Herzen der Gewalt.


Han Kang, Menschenwerk, Aufbau Verlag, 222 Seiten, 20€

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.