Fatma Aydemir, Ellbogen

Das ist das Titelbild der Rezension über "Ellbogen" von Fatma Aydemir.

Eigentlich möchte Hazal nur ihren 18. Geburtstag mit ihren Freundinnen in einem Club feiern. Aber das ist in Hazals Welt nicht so einfach. Tanzen kommt für ihre türkischen Eltern nicht infrage. Ebensowenig wie das Übernachten bei der besten Freundin.
Zu Hause bedient Hazal (kurdisch für Reh) geradezu sklavisch ihre Eltern. Ihren jüngeren Bruder kann sie nicht zur Rede stellen, als der ihren Freund beklaut, weil die Eltern die Meinung einer Frau immer geringer schätzen werden als die eines Mannes.

„Das ist nicht echt, nein, das ist so ein schlechter Film, der abends auf ZDF läuft. Das arme türkische Mädchen, fehlt nur noch das Kopftuch.“

Das schießt sowohl der Hauptfigur, wie auch der Leserin durch den Kopf, wenn sie mit dieser Hazals Wirklichkeit konfrontiert wird. Aber es kommt noch schlimmer: Denn Hazal wird von ihrem Vater brutal zusammengeschlagen, als sie, trotz Verbot, die Wohnung ihrer Freundin Gül betritt. Denn Güls Familie gehört zu den Aleviten und die haben, laut Ansicht der Eltern „alle Sex miteinander, also Bruder mit Schwester und Vater mit Tochter“. Religion dient hier nur noch dazu, Begründungen zu finden, um Verbote durchzusetzen.

Die Gewalterfahrung und die daraus resultierende Ausweglosigkeit teilt Hazal insbesondere mit Elma, ihrer besten Freundin. Die beiden Mädchen teilen dieselbe impulsive Wut: auf die deutschen Verhältnisse, keinen Ausbildungsplatz zu bekommen und nicht dieselben Rechte zu haben wie Männer. Es ist Elma, die die Freundin nach ihrem ersten Selbstmordversuch küsst, aber es ist auch Elma, die an Hazals Geburtstag zuerst zuschlägt. Dass Hazal dann mitmacht ist auch eine Art von tragischem Liebesbeweis, denn Elma hatte Hazal noch kurz zuvor verdächtigt, sie eines Tages genauso im Stich zu lassen wie ihren gemeinsamen Freund Eugen. Genau dies tritt dann im zweiten Teil des Buches ein, als Hazal sich allein und ohne jemanden zu benachrichtigen in den Bus nach Istanbul setzt.

Um sich vor Gewalt zu schützen hat Hazal sich ein eigenes Land, eine innere Schutzzone geschaffen: Sie heißt Hazalia. Es ist dieses Hazalia, welches am Ende der beiden Teile des Buches heraufbeschworen wird, wenn Hazal keinen Ausweg mehr sieht, wo

„das Messer liegt, mit dem mein Vater immer das Fleisch geschnitten hat, und meine langen schwarzen Locken, und auch der Studentenkörper und der rote See, aber wo keine Angst sein kann, weil es nämlich in Hazalia immer warm ist, als würde man ständig mit dem Rücken gegen die Heizung lehnen, oder als würde einen die ganze Welt umarmen, fest und ehrlich, nicht so mit zwei Zentimeter Sicherheitsabstand wie die Deutschen.“

„Ellbogen“ lautet also nicht nur der Titel des Romans, Ellbogen bekommt Hazal von allen Seiten zu spüren: Es sind die schwarzweißen Fakten, die ihr wie Ellbogen in den Magen gerammt werden. Nur einmal schlägt Hazal mit dem ihren zurück, doch dieser Schlag endet tödlich. Tatsächlich handelt der Roman nicht nur von Ellbogen, sondern ist auch wie einer konstruiert: Der erste Teil beschreibt Hazals Leben bis zu ihrem 18. Geburtstag bei ihren Eltern in Berlin. Im zweiten Teil, nachdem Hazal geradezu wörtlich die Spitze des Ellbogens überschritten hat, folgen wir ihr durch Istanbul auf der Suche nach ihren kurdischen Wurzeln und dem Versuch, sich ein neues, freies Leben aufzubauen.

Mit „Ellbogen“ setzt der Hanser Verlag nicht nur den Roman einer Frau, sondern auch ein literarisches Debüt an die Spitze seines Frühjahrsprogramms. Denn Fatma Aydemir kennt man bisher nur als Journalistin. Beworben wird der Roman in meinem Leseexemplar entsprechend durch das Vorwort einer Kollegin, Jana Henschel, und den Werbeaufkleber mit einem Zitat von Feridun Zaimoglu. In dessen Tradition soll „Ellbogen“ verortet werden, als weibliches Pendent zu „Kanak sprak“ wird Fatma Aydemir aufgebaut.

Es fällt schwer ihre uneinsichtige Hauptfigur immer rational zu verstehen, aber emotional fühlt man mit ihr. Man fühlt ihre Ausweglosigkeit, ihre Wut, ihre eigene Verletzlichkeit, aber auch ihren Witz. Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so gelacht wie bei „Ellbogen“, aber genauso selten habe ich mich beim Lesen so bedrückt und zugeschnürt gefühlt. Doch kann aus Hazal Akgündüz wirklich alles werden, wie der Klappentext des Romans und das hoffnungsverheißende Hellgrün des Einbands suggerieren? Am Ende des Buches jedenfalls liegt die Hauptfigur in einem Dornengebüsch und droht von Panzern unter der Bosporusbrücke überrollt zu werden. Die Fiktion wird hier von der Wirklichkeit eingeholt.

Die Bosporusbrücke in Istanbul, die heute Brücke der Märtyrer des 15. Juli heißtDie „Bosporusbrücke“ in Istanbul, die heute „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“ heißt.

„Ellbogen“ ist ein Roman über das Verhältnis von Deutschen zu Türken, Kurden zu Türken,  Männern zu Frauen, aber auch ein Roman über die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe. Hochaktuell in der Schilderung des Putschversuchs in der Türkei, brisant in der Sprache und mit einer zwar diskussionswürdigen, aber jetzt schon unvergessenen Hauptfigur besetzt. Über den Roman wird gesprochen und gestritten werden, weil er Tabus bricht und uns alle berührt, ob politisch interessiert oder nicht.

Erster Satz: „Hätte Desiree mir nicht mit ihren langen, sauberen Fingern jeden Lippenstift und Nagellack einzeln vorgeführt, wäre ich niemals auf die Idee gekommen zu klauen.“
Wort des Buches: „darbe“ (türkisch für „Putsch“)
Hat mich erinnert an: „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, „Kanak Sprak“ von Feridun Zaimoglu und „Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf


Fatma Aydemir, Ellbogen, Hanser Verlag, 271 Seiten, 20 Euro

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Kommentar (1)

  1. Pinkback: Vorschau auf den Literaturherbst 2017 | pinkmitglitzer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.