Emma Braslavsky, Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen

Dieses Bild zeigt das Cover von Emma Braslavskys Roman "Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen" vor dem Bunker an der Feldstraße Hamburg.

Der Schokoladenhersteller Ritter Sport hat vor kurzem eine Sonderedition herausgebracht, die aufgrund der unerwartet hohen Nachfrage die Server des hauseigenen Online Shops in die Knie zwang und einen mittelgroßen Shitstorm auf der Facebookseite des Herstellers auslöste. Es handelt sich dabei um quadratische Tafeln mit „Einhorn“-Geschmack. Inzwischen zahlt man auf Ebay für eine Tafel dieser Limited Edition um die 19 Euro. Auch auf dem Cover von Emma Braslavskys Roman ist die diffuse Skizze eines Menschen zu sehen, der sich offensichtlich ein Horn aufgezogen hat, farblich natürlich etwas zurückhaltender gestaltet als die regenbogenfarbigen Schokoladentafeln.

„Wie oft hat Jivan sich gefragt, wozu der Mensch, bei all den Tieren auf diesem Planeten, auch noch Einhörner erfunden hat.“

 Jivan, der sich selbst gerne mit „fauchendem Ch am Anfang“ ausspricht ist einer der Protagonisten. Durch Selbstüberschätzung hoch verschuldet im Online Poker bleibt er finanziell abhängig von sowohl seinem reichen Vater als auch seiner Ehefrau Jo. Verkompliziert wird die Situation dadurch, dass er das Familienvermögen nur erbt, sollte seine Frau ihm einen Erben bescheren. Jo hat im Moment jedoch andere Sorgen. Ihr Coach rät ihr zur Enthaltsamkeit, damit sie sich ganz auf ihre neue berufliche Herausforderung als PR-Chefin von „Animal Rights“ konzentrieren könne. Wir begleiten das, was als Bewerbungsgespräch durchgehen könnte, gleich am Beginn des Romans. Jo und Jivan werden von den Chefs der Organisation zum Abendessen in ein streng veganes, tierfreundliches Restaurant eingeladen. Jivan, der später dazustoßen soll, gönnt sich in weiser Voraussicht, von Reismilchbrühe und Rosmarin nicht satt zu werden, zuvor einen Döner bei seinem Freund, dem Dönerladenbesitzer Ediz. Danach versteckt er seine Ledertasche, die er seit zwanzig Jahren trägt, in einem Busch vor dem Restaurant und wirft sich in Leinenhemd und lederfreie Sneakers. Im Restaurant erwarten ihn seine Frau und die beiden Vorsitzenden Kim Fischer und XY, die er zuvor ausgiebig gegoogelt hat. Man bestellt das Essen mit dem Tablet und spricht über das Parteiprogramm der „Animal Rights“, die es als Pflicht des Menschen ansieht, Tieren ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Als es darum geht, wie man den Menschen da draußen genau dieses Ziel verkaufen könnte, äußert Jivan folgende Idee:

„Also, es gibt doch diese aufblasbaren Einhorn-Hörner, die man sich vorn am Kopf befestigt. In einem Spot könnten Menschen und Tiere so ein Ding tragen, […] Beide haben plötzlich einen direkten Draht zueinander durch ein gemeinsames Merkmal. Wer weiß, so könnte man im Lauf der Zeit eine kognitive Revolution unter den Tierarten auslösen, Bedürfnisse wecken. Die Tierfarm 2.0. Sie vergleichen sich untereinander, sie finden, dass sie was gemeinsam haben, sie rücken ein Stück ab vom einfachen Tiersein und wir vom Menschsein.“

Das Einhorn-Horn wird zum Bindeglied zwischen Tieren und Menschen und funktioniert auch bestens innerhalb von Beziehungen: Indem man sich selbst zum Einhorn macht, gewinnt man den nötigen Abstand zu sich selbst, zur Welt, zum Gegenüber und kann bedenkenlos alles äußern, was man ansonsten lieber für sich behalten hätte.

Vielleicht ist es genau dieser Gedanke, der den Roman so lesenwert macht. In einer Welt voller Chia-Samen, political correctness und Power Yoga sehnt man sich geradezu nach einer Packung kitschig verpackter Schokolade. Es macht Spaß „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ zu lesen. Jede der Figuren sucht für sich selbst nach einem Sinn oder einer Erklärung der beschriebenen Zustände. In einer Welt, in der die Selbstmordrate inzwischen bei 15 Prozent liegt, verschreibt sich eine Gruppe von Aktivisten in Gorillakostümen dem Ziel, die Menschheit von Depression zu heilen, indem sie Originalausgaben historischer Werke aus Museen klaut und sie durch perfekt gefälschte Werke ersetzt, die den Menschen in ein positiveres Licht rücken. Was kann ein heute zur Welt gekommener Mensch schießlich für Verbechen aus dem 16. Jahrhundert? Ihrer Meinung nach soll die Geschichte dazu dienen, die Individuen anzuspornen und sie nicht von Beginn an zu deprimieren. Auch Braslavskys Ehemann Noam äußert in einem der Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt sind:

„Wenn man bedenkt, welchen Einfluss die Vergangenheit auf das Leben der Nachgeborenen hat, ist es unverantwortlich, die Wahrheit über die Geschichte unserer Vorfahren nur auf Fakten beruhen zu lassen.“

Heute würde man das „postfaktisch“ nennen. Zwei andere Figuren, ebenfalls ein Ehepaar, versuchen mit dieser Welt umzugehen, indem sie eine neue Menschenart aus perfektem Erbgut züchten. Dafür sammeln sie auf den Toiletten und Ablagen eines bei Touristen beliebten Restaurants Haare, um die darin enthaltene DNA zu erforschen.

Gekonnt und unaufdringlich lässt Braslavsky die Wege einiger Figuren kreuzen. Jede einzelne trägt für sie exklusive Charaktereigenschaften und erhält eine Sprache, um diese auszudrücken. Es ist ein verrücktes Buch, ein amüsantes Buch und eine gelungene Ablenkung zu den brav konstruierten Romanen, von denen es in letzter Zeit gefühlt zu viele gab.

P.S. : Einhorn schmeckt anscheinend übrigens nach Jogurtcreme mit Himbeer und Cassis.

Erster Satz: „Mit Daumen und Zeigefinger zieht Jivan behutsam ein rötliches Schamhaar vom Hemdärmel und untersucht es im Licht der Abendsonne.“
Wort des Buches„Sellerie
Hat mich erinnert an: „Toni Erdmann“.


Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen, Suhrkamp Verlag, 456 Seiten

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

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