Der Bachmannpreis 2017: Tag 1

Innenansichten aus dem Zelt im Garten des ORF Studios Klagenfurt.

Für uns beide ist es eine Premiere: Zum ersten Mal erleben wir die Tage der Deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Überrascht hat uns, dass man uns in einem Buchladen in der Innenstadt nicht sagen konnte, wie man zum ORF Studio findet (Es stellte sich heraus, dass wir nur 2 Minuten zu Fuß entfernt lagen). Auch unsere Gastgeber wussten nicht, dass gerade ein absolutes Literatur-Highlight in ihrer Heimatstadt stattfindet. Umso besser für uns! Denn entgegen unserer Erwartungen handelt es sich beim Wettlesen um eine angenehm ungezwungene, unaufgeregte und offene Veranstaltung. Wer zuhören möchte, setzt sich einfach dazu. Auf Bierbänke und in Liegestühle im Garten des ORF Studios und wer sich früh genug einen Platz gesichert hat, auch einfach ins weiße Studio.

Beim Frühstück treffen wir unverhofft auf den Jurypräsidenten Hubert Winkels, der sich noch vor der ersten Lesung in Zeitungen vertieft und dabei den zweiten Cappuccino bestellt. Meike Feßmann huscht eilig und perfekt gestylt an uns vorbei. Maxi Obexer kommt etwas zu spät zur ersten Lesung und John Wray wird trotz Designersonnenbrille nach seinem Auftritt von Verehrerinnen in Beschlag genommen.

Aber genug geklatscht, hier unsere Eindrücke vom heutigen Wettlesen:

 

Karin Peschka, „Wiener Kindl“

Mit einer Apokalypse eröffnet Karin Peschka die 41. Tage der Deutschsprachigen Literatur. Einzig ein Kind und ein Rudel Hunde bleiben übrig, während der Rest der Welt ausgelöscht scheint. Zwischen Zierteichen, Pavillons, Gartenmöbeln und Hundefutter geht Peschka in ihrem Text zu jederzeit sicher, dass man versteht, was sie damit ausdrücken möchte. Warum sich Wien für den Weltuntergang so gut eignet, konnte auch die Jury nicht erklären.

Erster Satz: „„W…“, versuchte das Kindl.“

Das sagt die Jury: „Mogli im Wiener Dschungel (Kegel), „unsaubere Perspektive“ (Winkels), „emblematisch verkürzt“ (Kastberger).

Das sagt Pink: Ein gelungener Auftakt, der trotzdem wenig Chancen auf einen der Preise hat.

Das sagt Glitzer: Das neue Jurymitglied Michael Wiederstein bekam mehr Kritik als Karin Peschka.

Karin Peschkas Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Björn Treber, „Weintrieb“

Auch der als Tennistalent aus Klagenfurt angekündigte Björn Treber stimmt das Publikum mit seinem Text nicht gerade heiter. Eine ältere Dame neben uns notiert in ihr Heftchen „depressive subjects“. Schauplatz ist diesmal der Klagenfurter Friedhof Annabichl auf dem auch Ingeborg Bachmann begraben liegt. 14 Minuten lang(und damit nur die Hälfte der Vortragszeit von 25 Minuten nutzend) skizziert er die Charaktere einer Trauergemeinschaft und dabei ist ihm kein Adjektiv zu viel.

Erster Satz: „Während scharfes Sonnenlicht auf die Grabsteine fällt, schlendern wir den mit Kieseln bestreuten Weg entlang, nähern uns wie durch ein sonniges Vakuum der Gedenkhalle, wo der Alte aufgebahrt liegen soll.“

Das sagt die Jury: „Adjektivitis“ (Wiederstein), „Unfähigkeit der Darstellung“(Feßmann), „nicht grottenschlecht“ (Gmünder).

Das sagt Pink: Ein zu kurzer Text, der sich aufgrund seiner Wiederholungen trotzdem in die Länge zieht.

Das sagt Glitzer: Der Kontrast zwischen Hell und Dunkel allein reicht leider nicht aus, um bleibende Sprachbilder zu erzeugen.

Björn Trebers Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

John Wray, „Madrigal“

Ob er nun auf Trump anspielte oder nicht, John Wray beeindruckte Jury wie Zuhörer und erntete selbst bei uns im Außenzelt Applaus. Sehr selbstbewusst sicherte er sich die Gunst der Zuhörer nicht zuletzt durch seine kärntnerisch-amerikanische Aussprache. Seinen gut konstruierten Text präsentiert er mit der Leichtigkeit eines literarischen Taschenspielers. Die Handlung kreist um das Schreiben an sich, um Eifersüchteleien zwischen Schriftstellern, Geschwisterliebe und Ornithologie.

Erster Satz: „Und dieser allerletzte Tag, dieser letzte und längste, endgültige Tag, endet mit dem Anruf ihres unerträglichen Bruders.“

Das sagt die Jury: „schwer beeindruckt“ (Winkels), „kein Achtel zu viel“ (Kastberger), „Babuschka-Struktur, zu messy“(Keller), „mind games“ (Kegel), „Versuchsanordnung für Germanistisches Seminar“ (Wiederstein).

Das sagt Pink: Ich bin mir noch unsicher, ob ich auf den Vortragskünstler aus „Mario und der Zauberer“ hereingefallen bin oder dem Gewinner des Bachmannpreises 2017 gelauscht habe.

Das sagt Glitzer: Als Leserin gefällt mir das Gefühl, einem so überlegenen Autor ausgeliefert zu sein, nicht.

John Wrays Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Noemi Schneider, Fifty Shades of Gray 

Die Welt geht auch nach der Mittagspause noch unter. Noemi Schneider lässt in ihrem Text zwei Frauen an die Südspitze Spaniens fliehen, um dem Untergang des Abendlandes zu entkommen. Dieser vollzieht sich in Form eines Nebels, der 50 Abstufungen von Grau durchläuft. Betont lässig und voll von popliterarischen Bezügen („#happy„) hält sie unserer Wohlstandsgesellschaft den Spiegel vor.

Erster Satz: „Wenn es nicht gerade Live-Schaltungen zu Gott gibt, wird „Stadt, Land, Schauspieler“ gespielt.“

Das sagt die Jury: „Chick-Lit“(Feßmann), „zwei freche Frauen fliehen nach Afrika“(Winkels), „gezuckert wie ein Macaron“ (Kastberger).

Pink: Als Leserin stehe ich nicht auf eine Live-„Schalte“ zu Gott.

Glitzer: Der Text kommt sicher genau bei der Zielgruppe an, der er den Spiegel vorhalten möchte.

Noemi Schneiders Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Daniel Goetsch, „Der Name“

Für ihn war es nicht der erste Auftritt beim Bachmannpreis: Er trat im Jahr 2000 schon einmal vor die Jury. Auch in seinem Text geht es um das Schreiben an sich und das Finden eines geeigneten Stoffs. Die Handlung spielt diesmal in Wiesbaden im Jahr 1946 und einem französischen Hotelzimmer. Sein Romanauszug schaffte es nicht im „Klagenfurt-Format“ von 25 Minuten alle Unklarheiten zu beseitigen, obwohl er die Vortragszeit gefühlt deutlich überschritt.

Erster Satz: „Ein Inselspaziergang.“

Das sagt die Jury: „stilistische Mängel“ (Feßmann), „konventionell erzählt, Entnazifizierung durch Sexyness“ (Kegel).

Das sagt Pink: Glitzer drohte mir noch während der Mittagspause damit, dass bald ein Text über die deutsche Kriegsvergangenheit kommen müsste. Sie hatte Recht.

Das sagt Glitzer: Vielleicht lag es an den inzwischen gefühlt 50 Grad im Zelt, aber das konzentrierte Zuhören fiel mir mehr als schwer.

 

Unser Fazit nach Tag 1:  John Wray gilt als unangefochtener Favorit für mindestens einen der Preise. Ihn vom Thron zu stoßen, wird schwierig, aber spannend. Wir freuen uns v.a. auf morgen Vormittag mit Verena Dürr, Barbi Marcovik und Ferdinand Schmalz.

Kommentare (2)

  1. Wie schön noch mal euren Rückblick vom 1. Tag lesen zu können. Ich habe gestern Abend auch ein bisschen nachgeschaut, alles habe ich aber nicht geschafft.
    Total amüsant finde ich ja, dass man in Klagenfurt anscheinend sehr viel weniger Aufheben um den Wettbewerb macht als man erwarten würde. Dass man in dem Buchladen nicht weiß, wo das ORF Studio ist- ich musste ja ziemlich schmunzeln=)!
    Ich wünsche euch noch eine tolle Zeit und viele literarische Eindrücke,
    Milena

    • PinkmitGlitzer

      Liebe Grüße aus Klagenfurt! Gerade haben wir unsere Zusammenfassung von Tag 2 gepostet– es freut uns natürlich sehr, wenn wir dadurch einen kleinen Hauch von dem vermitteln können, was man vielleicht nicht im Fernsehen sieht. Wie gesagt: Die Veranstaltung macht sehr viel Spaß, falls du es nächstes Jahr auch schaffst, dann können wir dir das nur ans Herz legen;)
      Jetzt eine gute Nacht und bis morgen!

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