Marie-Luise Scherer, Der Akkordeonspieler

Marie Luise Scherers Roman "Der Akkordeonspieler" für pinkmitglitzer.de inszeniert.

Stünde es nicht im Klappentext, käme man nicht auf die Idee, dass es sich bei „Der Akkordeonspieler“ von Marie-Luise Scherer um eine „literarische Reportage“ handelte und damit um eine Erzählung, an der mehr wahr ist, als in reiner Fiktion üblich. Das macht den Text für mich nur umso lesenswerter, wird doch der großartige literarische Eindruck des Buches noch verstärkt. Erstmals 2004 in „Der anderen Bibliothek“ veröffentlicht, verraten neun Kundenrezensionen auf Amazon, wovon acht mit fünf Sternen versehen sind, schon viel: Dass der Text nur ein schmales Publikum traf, dieses aber vollends überzeugte.

Wladimir Alexandrowitsch Kolenko bricht kurz nach der Wende aus seiner Heimatstadt Jessentuki im Kaukasus nach Berlin auf, in der Hoffnung dort als Straßenmusikant genug Geld zu verdienen, um seine Familie ernähren zu können. Über ein Beziehungsgeflecht, dass noch aus Sowjetzeiten im musikalischen Kollektiv von Sanatorien aufgebaut wurde, beschafft er sich Visa, Unterkunft und Spielerlaubnis in Deutschland. Welches Losverfahren entscheidet, wer an welchem Wochentag welche U-Bahn-Station in Berlin bespielen darf und dass es sich eigentlich nur bei zweien wirklich lohnt, gehört zu den bittergrotesken Wahrheiten, die hier erzählt werden. Genauso wie die Anzahl von hochqualifizierten Musikern, die es sich nicht ausgesucht haben, den immer gleichen Popsong auf Deutschlands Straßen nachzuspielen, erschrickt. Doch Kolenko hat Glück und sammelt während seiner Aufenthaltszeit auch Sachspenden, die er über dasselbe Beziehungsnetz von Zug zu Zug bis in den Kaukasus befördert. So wird aus einem Aufenthalt ein zweiter und Kolenko unversehens zum Pendler zwischen Kaukasus und Deutschland. 

Marie-Luise Scherer gehört für diejenigen, die sie nicht mehr aus ihrer 20-jährigen SPIEGEL-Zeit in den 70ern und 80ern kennen (konnten), zu den großen Unbekannten der Literatur. Geboren 1938 sah sich Scherer als Frau in der Arbeitswelt noch Repressalien ausgesetzt, die heute nur noch unausgesprochen hie und da über manchem männerdominierten Büro schwirren.

„Das Mädchen ist völlig ungebildet, aber gucken kann sie.“

Mit diesen Worten musste sich Scherer von Rudolf Augstein ihren männlichen Kollegen vom Spiegel vorstellen lassen. Heute dagegen wird sie von Journalisten nicht nur verehrt, sondern „angebetet“ (Angelika Overath, NZZ), Martin Krumbholz vom Spiegel gab zu „ergriffen“ und Gustav Seibt von der SZ „hingerissen“ von der Lektüre gewesen zu sein.

Was wäre mir entgangen, hätte der Matthes & Seitz Verlag nicht ihre Geschichte vom Akkordeonspieler aus aktuellem Anlass, der sogenannten Flüchtlingskrise, wiederaufgelegt? Scherer gehört zu den vielen Frauen, die keinen Eingang in die Literaturgeschichte finden, sei es, weil sie „nur“ literarische Reportagen schreiben, sei es, weil ihr Oeuvre sehr schmal geblieben ist.

„Zwei gute Sätze an einem Tag sind ein Glück.“

So hat Scherer ihre Arbeitsweise selbst beschrieben und das merkt man auch diesem Text an. Jedes Wort sitzt, wurde zuvor im Kopf hin- und hergewendet, bis die Sätze schließlich eine Poesie entfalten, wie ich sie bisher nur von den „großen Russen“ kennenlernen durfte. Wie bei einem echten Akkordeon wird Seite um Seite die Innenansicht eines modernen Migranten aufgefächert, der seine Tage zwischen zugigen Rolltreppen verbringt. Er versucht sich dünn zu machen, niemandem zu Last zu fallen. Jeden Tag zieht sich ihm der Magen zusammen, wenn er die Erwartungen seiner Gastgeber nicht erfüllen kann, zum Schluss jedoch wird er durch ein einziges Zusammenziehen des Akkordeons aus dem Zug zurück in die Arme seiner Frau befördert. 

Es bleibt zu hoffen, dass das Bändchen dieses Mal ein größeres und vor allem ein jüngeres Publikum erreicht und sich aus dem Kreis alter Eliten herauslöst.

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Erster Satz: „Wladimir Alexandrowitsch Kolenko aus der kaukasischen Stadt Jessentuki im Strawropoler Gebiet war geblendet von der Sauberkeit des Berliner Flughafens und dessen Toiletten.“
Wort des Buches„Villenghetto“ 
Hat mich erinnert an: „Die Manon Lescaut von Turdej“ von Wsewolod Petrow


Marie-Luise Scherer, Der Akkordeonspieler, Matthes & Seitz, 142 Seiten, 16 Euro. 

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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