Chloe Aridjis, Buch der Wolken

Dieses Bild zeigt das Cover von Chloe Arjidis Roman "Buch der Wolken".

Eine 14-jährige Touristin aus Mexiko sieht während eines Berlin-Besuchs am 11. August 1986 Hitler als alte Frau verkleidet in der U-Bahn sitzen. „Er ist wieder da“, auf diesen Inhalt ließe sich die Eingangsszene des Buches reduzieren, wenn uns diese unerhörte Begebenheit nicht noch in einer solch außergewöhnliche Sprache erzählt würde:

„Ich sah Hitler zu einer Zeit, da der Reichstag wenig mehr war als ein schattenhaftes Gerippe seines früheren Selbst und das Brandenburger Tor den Durchgang versperrte, anstatt ihn zu gewähren. Es war ein Abend, an dem die moralischen Überreste der Stadt auftauchten und wie Treibgut dahinglitten, bevor sie wieder auf dem Meeresboden herabsanken, um weiter zu zerfallen und zu zerrotten.“

Schon die ersten Sätze des Romans von Chloe Aridjis, der im englischen Original bereits 2009 erschien, sind von einer so eigentümlich literarischen Kraft, die ihresgleichen sucht. Erinnerung, Traum und Wirklichkeit werden so kunstvoll miteinander verwoben, dass die Leserin sofort in den Strudel der Erzählung hineingerissen wird. Da wird die Berliner Mauer mit ein, zwei Kunstgriffen zum Hades, eine U-Bahn zum Vogelhaus, vermeintliche Bodyguards zu Bussarden erklärt. Das ist bei einem Debüt außergewöhnlich und erklärt den enormen Erfolg des Buches im Ausland, wo es Kritiker und Autoren wie Paul Auster und Ali Smith gleichermaßen begeisterte. In Frankreich hat es Fabienne Loodts sogar zur Graphic Novel „Le livre des nuages“ inspiriert, die die beschriebene Eingangsszene wie folgt darstellt:

Auszug aus Fabienne Loodts Graphic Novel „Le livre des nuages“

Im zweiten, wesentlich längeren Teil des Romans kehrt die nunmehr 20-jährige Ich-Erzählerin und Germanistikstudentin Tatjana 2002 für ein Auslandsjahr nach Berlin zurück, „in das Land, dessen bloßes Existenzrecht oft ein Diskussionsthema beim Abendessen gewesen war“. Stand Tatjana in Mexiko ständig unter der Beobachtung einer lauten, jüdischen Großfamilie und deren Feinkostladen, genießt sie in Berlin das Alleinsein und das ziellose Umherstreifen durch die geschichtsträchtige Stadt. Aus einem Jahr werden bald Jahre, Tatjanas Alleinsein verwandelt sich zunehmend in Einsamkeit.

Um ihre Miete bezahlen zu können, nimmt sie einen Aushilfsjob beim Historiker Friedrich Weiss an, den sie über familiäre Kontakte kennengelernt hat. Sie transkribiert dessen auf ein Diktiergerät aufgenommene Monologe über die Phänomenologie des Raums Berlin:

Vokale klangen dunkler, Konsonanten wurden getrennt, und alles lag eine oder zwei Oktaven tiefer, wobei die Wörter in immer größerem Abstand voneinander auftauchten.

Weiss ist überzeugt davon, dass Räume „an ihrer Vergangenheit haften“. Insbesondere interessiert ihn die „Topographie des Terrors“: der Wasserturm im Prenzlauer Berg, der von der SA zu Folterzwecken missbraucht wurde und heute für überteuerte Wohnungen mit schönem Blick genutzt wird oder die Villa am Wannsee, in der einst die „Endlösung der Judenfrage  beschlossen wurde und die später 36 Jahre lang als Landschulheim diente. In der Folge nimmt auch Tatjana den „Widerhall von Dingen, die dort geschahen“ verstärkt wahr.

Nach einem Gewitter entwickelt sie eine Hypersensibilität, die sich in zunehmender Geräusch- und Lichtempfindlichkeit äußert und ihre immer schon phantastische Wahrnehmung der Wirklichkeit ins Surreale steigert. Sie meint, die Grundfesten des Gebäudes hätten sich verschoben, der Schmutz vergangener Jahrhunderte kröche zwischen den Dielen empor, sie hört Schritte und Möbelrücken aus dem unbewohnten, oberen Stockwerk. Beim Betreten der verlassenen Wohnung entdeckt sie einen gräulichen Umriss auf der Wand und vermutet sofort, dass dort einst das Führerbild hing. Beim zwanghaften Versuch den Fleck zu entfernen verdunkelt er sich nur.

Über Weiss lernt Tatjana auch Jonas Krantz kennen, einen chronisch schlaflosen Meteorologen, der im 18. Stock eines Plattenbaus in Marzahn lebt und sich auf Wolken spezialisiert hat. Deren Wurzellosigkeit und Fragmentierung bildet eine Allegorie auf Tatjanas seelische Haltlosigkeit in Berlin. Wolken, Nebel, Gewitter – das Wetter spielt eine große Rolle im Roman. Gegen Ende geraten Weiss und Tatjana in einen dichten Nebel, der „hölzerne Bügel zum Bersten“ brachte und „unzählige Menschen gegen eine Mauer“ laufen ließ.

Die Vergangenheit ist im Roman noch nicht vergangen und zweifelsfrei leidet die Ich-Erzählerin Tatjana am Hitler-Syndrom, einer Art Übertragung, Halluzination oder Projektion. Die Eingangsszene, die uns in die Geschichte hineinzieht, erfährt eine Wiederholung am Ende, als Tatjana meint, in Friedrich Weiss einen Transvestiten mit rotem Umhang und Lippenstift zu erkennen. Die Unzuverlässigkeit ihres Erzählens in Kombination mit den eigenen Zweifeln an ihrer Wahrnehmung machen den Reiz der Geschichte aus. „Wie in einer bizarren kubistischen Anordnung“ erblickt der Leser durch die Augen Tatjanas immer nur Kanten und Bruchstücke. Die Übergänge zwischen Traum und Wirklichkeit sind fließend. In ihrer Steigerung ins Absurde erinnert der Roman an Gogols „Nase“.

Das „Buch der Wolken“ ist vor allem ein Berlin-Roman. Einerseits vergleicht Tatjana die Stadt mit einem „lackierten Fingernagel, dessen Lackierung man erst sieht, wenn die Farbe abblättert.“ Andererseits nimmt sie Berlin als eine Stadt wahr, die „jede Menge Möglichkeiten durchkämmte, um die richtige Passform zu finden“. Aber auch Tatjana selbst ist von Ruhelosigkeit getrieben, sie geht keine festen Beziehungen ein, sucht sich alle 10 bis 12 Monate einen neuen Wohnort „von heiterer Referenzlosigkeit“. Wohnhaft im Prenzlauer Berg arbeitet sie in Charlottenburg in der Nähe des Savagnyplatzes mit den besten Buchläden der Stadt“. Obwohl diese Erfahrung zeitlich genau in den Jahren 2002 bis 2009 lokalisiert wird, spiegelt sie auch meine Berlinerfahrung von heute wieder.

Das „Buch der Wolken“ ist aber auch ein Roman über den Umgang mit Geschichte durch eine junge, unbelastete Generation. Obwohl die Ich-Erzählerin erst Anfang 20 ist, ist sie voller Angst, aber auch Faszination von der „Topographie des Terrors“. Die Geschichte und Erfahrungen ihrer Familie scheinen sich durch das vielfache Erzählen in ihren Körper eingeschrieben, übertragen zu haben. Darin und in ihrer sensiblen Wahrnehmungskraft erinnert Ardjis‘ Roman an die „Parallelgeschichten“ von Péter Nádas. Tatjana scheint aber gleichzeitig aus der Zeit gefallen wie das Lesen an sich, durch das wir der Flüchtigkeit unseres Daseins zu entkommen suchen.

Das deutsche Cover weckt mit einer sonnenhuttragenden Frau in eher heiteren, rötlich-violetten Farbtönen vielleicht falsche Erwartungen: Tatsächlich liegt eine ungeahnte Melancholie über dem Text, die mich in ihrer Schönheit jedoch bisweilen an W.G. Sebald erinnerte. Die Vielzahl an Beobachtungen, die zu einem langsamen Lesen anhalten, laufen nicht ins Leere, sondern verdichten sich nach und nach zu einem Pfropfen, der am Ende platzt. Trotz einiger fragwürdiger Stellen in der deutschen Übersetzung von Klaus Bonn (eine Stirn ragt „einem wütenden Planeten gleich“ hervor und „Geräusche fallen in Silben aufs Gesicht“) ist das „Buch der Wolken“ ein Lesegenuss, der den deutschen Lesern viel zu lange vorenthalten blieb und nun dank des Einsatzes des Nautilus Verlags zu entdecken ist. Es ist ein Buch, das in der Erinnerung eher wächst, statt verblasst, und mich auf die Übersetzung des zweiten Buches der Autorin „Asunder“ von 2013 hoffen lässt.

Erster Satz: „Ich sah Hitler zu einer Zeit, da der Reichstag wenig mehr war als ein schattenhaftes Gerippe seines früheren Selbst und das Brandenburger Tor den Durchgang versperrte, anstatt ihn zu gewähren.“
Wort des BuchesKlangmaschine
Hat mich erinnert an: Austerlitzvon W. G. Sebald,Parallelgeschichtenvon Péter Nádas undDie Nasevon Nikolai Wassiljewitsch Gogol


Chloe Aridjis, Buch der Wolken, Nautilus Verlag, 208 Seiten.

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Kommentar (1)

  1. Sehr, sehr schön.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.