Banana Yoshimoto, Moshi Moshi

Dieses Bild zeigt das Cover von Banana Yoshimotos Roman "Moshi Moshi".

Ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde, wenn meine Mutter plötzlich vor der Tür stünde und verkündete, dass sie für eine Weile bei mir einzieht.

„Eigentlich hätte ich, wenn es mir wirklich ernst mit meiner Selbstständigkeit gewesen wäre, zornig werden müssen, ihr böse Worte an den Kopf werfen und sie aus meiner Wohnung jagen sollen. Wäre ich ihr Sohn gewesen, hätte ich das bestimmt gemacht.“

Als Yotchans Mutter eines Tages vor der Tür steht, ist sie gerade dabei sich auszumalen, wie sie sich dieses Leben in Selbstständigkeit vorstellt. Durch ihren Job im Bistro nebenan ist sie zum ersten Mal finanziell unabhängig und kann sich eine kleine, etwas schäbige Einzimmerwohnung in Tokios Szeneviertel Shimokitazawa leisten. Mit dem Auszug in ein neues Stadtviertel versucht sie nicht nur Abstand zu ihrer Kindheit zu schaffen, sondern vor allem der ständigen Konfrontation mit dem Selbstmord ihres Vaters zu entfliehen.

„Moshi Moshi“ habe ich während der U-Bahn Fahrten zur Arbeit gelesen. Wenn man ein Hauptthema des Romans bestimmen müsste, wäre es vermutlich der Umgang mit dem plötzlichen Tod des Vaters und Ehemanns. Die Autorin Banana Yoshimoto verbindet diese Thematik aber mit dem Großstadterleben der Protagonistin und zeigt gleichzeitig, welche Rolle gutes Essen im Prozess der Trauerverarbeitung spielen kann. Das war für mich an vielen Stellen über schwülstige Formulierungen und teilweise überflüssige, erklärende Dialoge hinwegzulesen.

Mit dem Einzug ihrer Mutter kehrt Yotchan in die Rolle der Tochter zurück. Die Erinnerungen an das Leben zu dritt, mit ihrem Vater, bestimmen ihre Träume und sie kann die damit verbundenen offenen Fragen nicht länger ignorieren. Wer war die mysteriöse Frau mit der zusammen er sich umbrachte? Welchen Grund dazu hatte er überhaupt? Und warum hatten weder sie noch ihre Mutter oder sein bester Freund Yamazaki etwas davon mitbekommen? Im Bistro fällt ihr ein wiederkehrender Gast besonders auf. Er kommt abends und immer alleine. Sie sieht ihm sehr gerne beim Essen zu, weil sie glaubt ihm anzusehen, wie gut es ihm schmeckt und welche Bedeutung gutes Essen für ihn hat.

„Immer wenn er kam, war ich ganz gefangen von seiner Art und Weise zu essen, die schlichtweg einzigartig war. […] Natürlich ließ ich mir nicht das Geringste anmerken. Wenn ich gegenüber einem Gast die Bemerkung „Mir gefällt es, wie Sie essen“ fallenlassen würde, würde er dieses Restaurant wohl kaum wieder betreten.“

Die beiden kommen sich näher und sie findet heraus, dass ihr Vater und seine Band des Öfteren im Club von Aratani aufgetreten sind. Aratani erinnert sich auch an die geheimnisvolle Geliebte ihres Vaters, die ihn ebenfalls mit einem seltsamen Gefühl zurückließ.

„Ich weiß nicht, warum, doch als ich sie da stehen sah, bekam ich eine Gänsehaut.“

Während Yotchan sich mit ihrer Arbeit im Bistro ablenkt und immer mehr über den Tod ihres Vaters herausfindet, wählt ihre Mutter den Weg nach vorne und geht in ihrem neuen Leben auf: Sie kauft sich lässige T-Shirts, verbringt die Tage mit Streifzügen durch Cafés, liest endlich „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und wirkt auf ihre Tochter so frei wie nie.
Auch gutes Essen spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Fußnoten des Romans lesen sich wie eine Speisekarte, die japanische Gerichte auch für die ausländische Leserin erklärt. Mutter und Tochter erlangen den Appetit wieder mit Splittereis, nämlich geraspeltem Eis, das mit verschiedenen Zutaten und Saucen, z.B. Mango, serviert wird. Es gibt Reiscracker mit Dörrpflaumengeschmack, Tee aus Seetang, Kimchi, Eisbergsalat mit Graupen. Und mit jeder Mahlzeit scheinen die beiden den Tod ein Stückchen besser zu verdauen.
Am Ende des Romans beginnt für Yotchan schließlich ein neuer Lebensabschnitt und sie verlässt das Viertel Shimokitazawa. Für sie war es diese Umgebung, das Bistro und die Menschen, die sie darin kennenlernen durfte, die ihr dabei geholfen haben, erwachsen zu werden.
Nach der letzten Seite des Romans war ich erleichtert, die Schwere der Trauer-Thematik hinter mir lassen zu können und mich auf ein neues Buch zu stürzen. Die fast 300 Seiten haben ihre Längen, trotzdem ist es interessant zu beobachten, wie eine Autorin in einem Land am anderen Ende der Welt, ähnliche Gedanken zum modernen Großstadtleben formuliert, das auch mich prägt:

„Was man in der Großstadt nur schwer begreift, ist der Wert eines einzelnen Menschen. […] Die Welt dreht sich weiter auch ohne einen, die Firma geht nicht bankrott, das Stadtleben pulsiert. Allerdings hat diese Tatsache auch eine Kehrseite: Sie ist gleichzeitig der Grund für ein tiefes Unbehagen der Menschen.“

Erster Satz: „Von dem schon verstorbenen Regisseur Jun Ichikawa, den ich sehr verehre, gibt es den Film Zawa Zawa Shimokitazawa, „Summendes Shimokitazawo“.“
Wort des Buches„Splittereis“ 
Hat mich erinnert an: 


Banana Yoshimoto, Moshi Moshi, Diogenes Verlag, 292 Seiten, 12 Euro. 

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

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