Bachmannpreis 2017: Tag 2

Dieses Bild zeigt die Beleuchtung des ORF Studios in Klagenfurt.

Tag 2. Um 9:25 stehen wir Schlange vor dem Einlass ins Studio. Dort fühlt man sich schnell erinnert an den Strand von Mallorca: Plätze und ganze Sitzreihen werden mit Tüchern und Jacken belegt. Bei der Aussicht auf einen Auftritt im Fernsehen hört der Spaß des Publikums auf.

Trotzdem ist es spannend zu sehen, wie es hinter den Kulissen zugeht. Vor dem Auftritt von Verena Dürr stürmen gleich drei Juroren hektisch aus dem Studio und sind erst Sekunden vor der Liveschaltung wieder zurück auf ihren Plätzen. Der Moderator ist währenddessen noch mit Mundgymnastik beschäftigt, ein weiß gekleideter Studioleiter sorgt dafür, dass Journalisten ein guter Platz gewährt wird, den der ein oder andere Zuschauer räumen muss. Ob es nun erlaubt ist Kaffeebecher mit ins Studio zu nehmen oder nicht, konnte nicht geklärt werden.

Hier unsere Eindrücke der heutigen Lesungen:

Ferdinand Schmalz, „mein lieblingstier heißt winter“

Tag zwei beginnt schon wieder auf dem Friedhof. In seinem Videoportrait versucht Ferdinand Schmalz dort den Zusammenhang zwischen Essen und Sprache zu erkunden. Im weißen ORF Studio besticht er selbst als „Figur“, wie Hildegard Keller treffend bemerkt. Sein Text, der einen Tiefkühllieferanten und sprechendes Rehragout in den Mittelpunkt stellt, begeistert Jury und Publikum und macht damit John Wray die Favoritenrolle streitig.

Erster Satz: „er, franz schlicht, sieht sich in seinem innersten, in seiner tiefsten prägung als, wie man so sagt, schlechten charakter. „

Das sagt die Jury: „lüftet den imaginären Hut“(Keller), „performative Qualität durch Körperlichkeit“(Feßmann), „frozen moment“ (Kegel), „überbordende Kalauer“ (Wiederstein)

Das sagt Pink: Eine absolute Überraschung für mich. Dass ein ganz besonderer Text vorgetragen wird, war im Studio unmittelbar spürbar.

Das sagt Glitzer: Österreichische Literatur der Spitzenklasse! Ich bekam sofort wieder Sehnsucht nach Wien und den Sendungen von David Schalko, Stermann und Grissemann.

Ferdinand Schmalz‘ Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Barbi Markovic, „Die Mieter“

„Ohne Tomaten wäre alles nichts.“ Nachdem in der Jury bereits diskutiert wurde, neue Kategorien (z.B. „Bestes Outfit“ und „Bester Vortrag“) einzuführen, verleihen wir Barbi Markovic den Preis für das beste Videoportrait. Wie erhofft, trug sie wieder ihre 90er Jahre Neon-Armbanduhr, konnte aber von Husten geplagt, ihren Text sicher nicht so performen, wie sie es sich gewünscht hätte. Der Text als solcher überzeugte auch nur mäßig. Eine Wohnung wird darin zur Todesfalle für ihre Mieter, während der Vermieter Weihnachtskekse genießt und durch die Überwachungskamera apathisch dabei zusieht.

Erster Satz: „Gerhard entdeckte die Leichen seiner Mieter am Donnerstag.“

Das sagt die Jury: „die wurzellosen Rettiche werde ich nie mehr vergessen“ (Kegel), „ist es lustig? ist es grausam?“(Feßmann), „fürchterlich klassisch erzählt“(Wiederstein)

Das sagt Pink: Die Armbanduhr und das Videoportrait hatten mich auf mehr hoffen lassen. Sehr Schade.

Das sagt Glitzer: Nachdem ich ihren Roman „Superheldinnen“ gelesen habe, war sie für mich eine der Geheimfavoritinnen. Leider haben zu viele Kleinigkeiten einfach nicht gepasst.

Barbi Markovics‘ Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

 Verena Dürr, „Memorabilia“

Die Kunstpreise explodieren. Immer absurdere Gebote werden abgegeben, nur damit ein Kunstwerk in dem Hochsicherheitstrakt in mitten eines Berges verwahrt und vor dem Besitzer wie der Öffentlichkeit abgeriegelt wird. Die Hoffnung auf Wertsteigerung lässt man Zeit vergehen. Darum kreist Verena Dürrs Text, der etwas von der Verspieltheit der ersten beiden Vorträge vermissen lässt.

Erster Satz: „Das Klavier aus Casablanca, diesem Klassiker der Filmgeschichte, kam in den letzten Jahren zweimal zur Versteigerung.“

Das sagt die Jury: „Konzeptkunst“(Winkels), „äußerst raffiniert gemacht“ (Keller), „Bodybuildinggerät für hermeneutische Muskeln“(Keller), „jenseits klassischer Narration“ (Kastberger).

Das sagt Pink: Warum schreibt eine junge Autorin über das Milieu des spießigen Bildungsbürgertums? Für mich war der Text zu artifiziell.

Das sagt Glitzer: Anfänglich hatte der Text etwas von einer guten Reportage. Dann störte mich die Paris-Vergangenheit der Protagonistin und des Kunsthändlers, zu kitschig.

Verena Dürrs Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Jackie Thomae, „Cleanster“ 

Was passiert, wenn sich das klassische Rollenbild von Mann und Frau umkehrt? Jackie Thomaes Protagonist, ein junger Mann mit Migrationshintergrund, wahrscheinlich aus einem islamisch geprägten Land stammend, wird von der Realität eingeholt. Für eine Putzfirma arbeitend soll er die Wohnung einer Frau reinigen. Die kommunikative Diskrepanz zwischen den beiden Figuren wird umso deutlicher, je höflicher sie miteinander umgehen wollen.

Erster Satz: „Sie hätte ihren Fernseher entsorgt, sagte sie.“

Das sagt die Jury: „clash of civilisations“(Kegel), „wie eine Folge aus „Sex and the City““(Kastberger), „würde ein Achtel streichen“ (Keller), „hervorragend vorgelesen“ (Wiederstein).

Das sagt Pink: Der gute Vortrag kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Text wie das Produkt eines Creative Writing Kurses klingt. Meine Favoritin für den Deutschlandfunkpreis.

Das sagt Glitzer: Ich bin überrascht, dass die Jury an diesem Text nicht allzu viel auszusetzen hatte. Für mich war er platt und gehört in die „Freche Frauen“ Abteilung.

Jackie Thomaes Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Jörg-Uwe Albig, „In der Steppe“

„Die erste Liebesgeschichte des Wettbewerbs!“, meint zumindest Meike Feßmann und ist ganz entsetzt darüber, dass die Jury sie als diese nicht wahrnimmt. Dass es sich dabei um die Liebe eines Mannes zu einer Kapelle handelt, scheint die anderen Juroren jedoch schlichtweg zu verstören. Sein Krankheitsbild schwankt zwischen objektophil und depressiv. Zum ersten Mal in diesem Wettbewerb muss Hildegard Keller als Mediatorin einspringen und von ihren Kollegen mehr Fairness gegenüber dem Text einfordern.

Erster Satz: „In dem Augenblick, als er den Fluss überquerte und die Zone betrat, spürte Gregor Stenitz, wie die Luft leichter in seine Lungen drang.“

Das sagt die Jury: „too much von allem“(Winkels), „eine völlig missglückte Schönheitsoperation, ein Monstrum von Schichten“ (Kastberger), „respektabel als Versuch“(Keller), „Pseudopoetisierung“ (Kegel).

Das sagt Pink: Als Kunsthistorikerin konnte ich etwas mit dem Text anfangen, muss ich eingestehen. Preisverdächtig ist er trotzdem oder gerade deshalb aber nicht.

Das sagt Glitzer: Ich war mir lange wirklich unsicher, ob der Text Genie oder Wahnsinn ist, entschied mich aber dann eindeutig für letzeres.

Jörg-Uwe Albigs Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Unser Fazit nach Tag 2: John Wray war gestern– der Held des Tages heißt Ferdinand Schmalz! Aus weiblicher Sicht leider kein allzu berauschender Tag, umso mehr freuen wir uns auf Maxi Obexer am letzten Lesungstag morgen.

Eine Skizze und Notizen zum Beitrag von Ferdinand Schmalz beim Bachmannpreis.

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