Bachmannpreis 2017: Tag 3

Dieses Bild zeigt eine Innenansicht aus dem ORF Studio in Klagenfurt.

Während der Kampf um die Plätze im Studio härter wird, muss der Absatz von John Wray Büchern deutlich steigen. Gefühlt hat sich fast jeder Zuschauer inzwischen seinen letzten Roman zugelegt. Uns trieb die Frage um, welche Farbe die Bluse von Meike Feßmann heute haben würde. Nach einem knalligen Orange an Tag 1 und einem intensiven Dunkelblau gestern, tippten wir heute auf Türkis-Grün (Pink) oder einen Violett-Ton(Glitzer). Wir lagen beide falsch und sie überraschte uns mit einem vergleichsweise zarten Hellblau. Wenigstens blieb der Moderator Ankowitsch seinen Vans treu, die ihn auch die letzten Tage auf den Beinen hielten.

Aber jetzt zu den entscheidenden Punkten des heutigen Tages:

Eckhart Nickel, „Hysteria“

Die Erschaffung neuer Preiskategorien geht weiter. Hildegard Keller zeichnet den Text als erstes mit dem Preis für den „Besten ersten Satz“ aus und spricht damit Pink aus der Seele. Die Handlung kreist um die Frage inwieweit sich Bio-Lebensmittel von konventionell oder im Labor hergestellten Produkten unterscheiden lässt und ob unsere Gesellschaft sich damit nicht auch etwas vormacht. Ob der Text sich rein sprachlich gesehen ein „Feiertagsgwandl“ überwirft oder nicht, entbrennt eine heiß geführte Jury Diskussion um die Frage, welcher stilistischer Ausdrucksformen sich Autoren heute noch bedienen sollten.

Erster Satz: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“

Das sagt die Jury: „gepflegte, überkandidelte Sprache“(Keller), „symbolisch überfrachtet“ (Gmünder), „Elementarteilchen-Text, sehr deutsches Setting“ (Kegel), „poetikfokussierte Dünnhäutigkeit“(Feßmann), „Ich mag diese Käfer Dichter.“ (Kastberger)

Das sagt Pink: Obwohl plakativ und recht durchschaubar in der Intention, verdichtet der Text für mich viel, was mich im täglichen Leben tatsächlich betrifft.

Das sagt Glitzer: Germanistenprosa, aber sehr gut gemacht.

Eckhart Nickels Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Gianna Molinari, „Loses Mappe“

Zwei Seiten vor dem eigentlichen Ende ihrer Lesung, wird die Autorin von einem hoffnungsvollen Zwischenapplaus unterbrochen. Im Text-Booklet waren Fotografien eingefügt, die zum Missverständnis führten, dass der Text bereits am Ende sei. Inhaltlich wird erneut die Flüchtlingsthematik aufgegriffen. Diesmal hält sie Einzug in die Schweizer Idylle und wird verkörpert durch einen Mann, der vom Himmel fällt (aber nicht der Hundertjährige ist).

Erster Satz: „Eine Halskette, ein T-Shirt und eine Jeans.“

Das sagt die Jury: „ein wenig langweilig“ (Winkels), „Nah dran, an dem was der Journalismus perfekt beherrscht“ (Kastberger), „der Text verbindet das Globale und das Lokale und zeigt sein Gemachtsein“ (Keller).

Das sagt Pink: Wenn mir einfach alles über eine Begebenheit mehrfach erzählt und dazu monoton vorgetragen wird, dann langweilt mich das.

Das sagt Glitzer: Der Text wirkt so, wie ich mir eine Schreibkurs-Übung vorstelle. Im Ansatz auf einer wahren Begebenheit beruhend, aber diese um nichts Literarisches erweiternd.

Gianna Molinaris Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

 Maxi Obexer, „Europas längster Sommer“

Mit einem sehr persönlichen Texte verbindet Obexer die eigenen Migrationserfahrungen mit den Fragen, die aktuell durch die Flüchtlingskrise aufgeworfen werden. Sie selbst wandert zwar „nur“ innerhalb Europas, von Südtirol nach Berlin ein, damit aber in eine für sie fremde Sprache – und letztlich auch Welt: Denn in Passagen erzählt sie gleichzeitig von ihrem Coming-Out.

Erster Satz: „Wo ist dieses weite freie Land, das den schönen Namen Europa trägt? Ich sehe vor allem Staaten.“

Das sagt die Jury: „Klischeebild von der Festung Europa“ (Winkels), „abgerüstete Sprache“ (Feßmann), „Autobiographie“ (Keller), „Mix zündet nicht richtig“ (Gmünder).

Das sagt Pink: Ein Text der mich zwar literarisch nicht, aber persönlich umso mehr berührt hat.

Das sagt Glitzer: Mit den literarischen Qualitäten anderer Texte nicht zu vergleichen, dennoch eine ungesehene Thematik, die hoffentlich zumindest einen der gesellschaftlich-politisch konnotierten Preise gewinnen wird.

Maxi Obexers Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

Urs Mannhart, „Ein Bier im Banja“ 

Der letzte Text des Wettbewerbs sorgte noch einmal für eine umfassende Feststellung von Meike Feßmann: Für sie haben die männlichen Teilnehmer in ihren Texten dieses Jahr einen Drang zur Archaik und suchen die ursprüngliche Männlichkeit, während die Autorinnen sich theatralisch in Ironie üben und dabei das Rollenverhältnis an sich thematisieren. Mannharts Text erzählt nämlich von kirgisischen Wolfsjägern, deren Frauen zwar als Ärztinnen arbeiten, sich zuhause aber immer noch von ihren Ehemännern dominieren lassen.

Erster Satz: „Zwei Dutzend sind es, und Gürrün steht mitten unter ihnen, steht schnaubend mitten im Schafstall.“

Das sagt die Jury: „sehr klar strukturiert in scheinbar einfacher Sprache“ (Gmünder), „ununterscheidbar von Wolfsgeschichten aus dem 19. Jahrhundert“(Kastberger), „Wölfe, Schafe, Pferde, Männer“, (Winkels), „Männergeschichte“ (Feßmann).

Das sagt Pink: Zum Abschluss ein märchenhafter Erzählton, von dem ich mich gerne davontragen ließ.

Das sagt Glitzer: Hätte der Text nicht auf der journalistischen Vorarbeit des Autors in Kirgisistan beruht, hätte ich ihn als spannenden Jugendroman gelesen.

Urs Mannharts Wettbewerbsbeitrag findet ihr hier. 

 

 

Unser Fazit nach Tag 3: Am letzten Tag stieß kein neuer Favorit auf den Hauptpreis zu John Wray und Ferdinand Schmalz, mit Nickels und Obexer aber ggf. Kandidaten für einen der anderen Preise. Inhaltlich und stilistisch gab es kein klares Oberthema für diesen Tag (wie z.B. an Tag 1: „Apokalypse“). Die Jurydiskussionen der letzten Tage wurden fortgesetzt v.a. zwischen Meike Feßmann und Klaus Kastberger. Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, wer sich schlussendlich durchsetzten wird.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.