„Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen“ – ein Kommentar

Dieses Bild zeigt Goethe und Schiller als weibliche Helden der Literaturwelt.

Am 26. September veröffentlichte Katharina Herrmann auf dem Blog 54books einen 40-seitigen Essay darüber, warum Frauen im Literaturbetrieb nach wie vor unterrepräsentiert sind. Der Text bildet im Grunde genommen das theoretische Fundament dafür, warum es unseren Blog pinkmitglitzer gibt. Denn auch wir als Pink und Glitzer haben uns zu Beginn unseres Leserinnendaseins erst einmal durch die ausschließlich von Männern verfassten Klassiker gelesen, bis wir fanden: Da fehlt doch was! Und dieses etwas, nämlich der weibliche Anteil an Werken von der Literaturgeschichte bis heute, ist auch uns viel zu gering. Seitdem besprechen wir auf pinkmitglitzer Werke der Gegenwartsliteratur, die von Frauen verfasst wurden.

Dass die historischen Wurzeln für die Unsichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb im 18. Jahrhundert liegen, wie Herrmann ausführlich schildert, verdeutlicht nochmals wie schwer es ist, historisch gewachsene Muster 1. zu erkennen und 2. zu durchbrechen. Diesen Zusammenhang erhellte nicht zuletzt auch Liv Strömquist in ihrer Graphic Novel Der Ursprung der Welt. Denn auch die Vorstellung der binären Geschlechterkonstruktion stammt ja in etwa aus dieser Zeit.

Was es aber sehr wohl gibt, ist ein Kanon von Schrifstellerinnen, der gefühlt jede Büchersaison wieder unter einem leicht variierten Gesichtspunkt von neuen Herausgeber*innen in einem anderen Verlag veröffentlicht wird. Dazu gehören zum Einen die vielen Bücher, die Herrmann selbst am Ende ihres Essays auflistet und aus denen sie angekündigt hat, einige vergessene Schriftstellerinnen auf ihrem Blog in Erinnerung rufen zu wollen. – Zum Anderen gehören dazu auch die Bücher Schriftstellerinnen! von Katharina Mahrenholtz, Stark und leise von Ursula Krechel, Weltgeschichte für junge Leserinnen von Uta Daenschel und Kerstin Lücker sowie Good Night Stories for Rebel Girls von Elena Favilli und Francesca Cavallo allein aus dieser Saison. Ferner: Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur von Elke Schmitter und Ursula März et. al. sowie die scheinbar endlos ausdehnbare Reihe Frauen, die lesen, sind gefährlich.

Der Kanon an Schriftstellerinnen, der sich aus den oben genannten Büchern ergibt, muss mehr ins öffentliche Bewusstsein vordringen und das Sonderinteressengebiet „Schriftstellerinnen“ in den allgemeinen, d.h. bisher männerdominierten Kanon integriert werden. Auch sind Verlage in der Pflicht, Werke von vergessenen Schriftstellerinnen erneut aufzulegen, damit dem Vergessen Einhalt geboten wird. Die Frage ist also weniger, WEN es denn früher eigentlich noch so an Schriftstellerinnen gegeben hat, als viel mehr WARUM so viele Autorinnen wiederentdeckt werden müssen.

Pinkmitglitzer hat im laufenden Jahr drei Autorinnen wiederentdeckt. Sie heißen Marie Luise Scherer, Lucia Berlin und Ulrike Edschmid. Was haben diese Autorinnen gemein? Sie bevorzugen die kleine Form, schreiben literarische Reportagen, Kurzgeschichten oder schmale Romane, die in der Flut an Neuerscheinungen untergehen und gegen zeitgleich erscheinende, 1000-seitige Romane von Paul Auster, Péter Nádas oder Karl-Ove Knausgård nicht bestehen können. Liegt die geringe Sichtbarkeit von Autorinnen im Literaturbetrieb nicht also auch ein wenig im mangelnden Selbstbewusstsein der Autorinnen begründet, die große Form, den gegenwärtig immer uferloser werdenden Roman, zu scheuen?

Katharina Herrmann macht für die Unsichtbarkeit von Schriftstellerinnen auch den Genie-Kult verantwortlich, also die Idee, dass der Autor ein aus der Zeit herausragender, innovativer Schöpfer zu sein habe. Ihrer Ansicht nach würden Autorinnen von den Kritikern also deshalb weniger besprochen, weil sie weniger häufig Genies, also Self-Made-Women, seien, sondern ihr Schreibhandwerk an Schulen wie Leipzig und Hildesheim erlernten. Tatsächlich sehen gegenwärtig viel mehr Frauen als Männer die Notwendigkeit, eine solche Institution besuchen zu müssen, bevor sie ihr erstes Buch veröffentlichen. Dem widerspricht jedoch, dass gerade die Absolventinnen von Schreibschulen in der Gegenwartsliteratur sehr präsent sind: In diesem Jahr wurde Juliana Kálnay mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet, Alina Herbing schaffte es immerhin auf die Shortlist ebenso wie Kerstin Preiwuß, die auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelistet wurde. Autorinnen müssen also keine Genies mehr sein, um die Jurys von Literaturpreisen, die ja auch meist noch männerdominiert sind, von sich zu überzeugen.

„Und so lesen viele Literaturkritiker und -wissenschaftler eben Bücher über Männer aus dem bürgerlichen Milieu von Männern aus dem bürgerlichen Milieu, weil sie diesem selbst entstammen oder die ästhetischen Ideale dieses Milieus erlernt haben.“

Ein wirklich wichtiger Punkt aus Herrmanns Essay ist für uns ihre oben zitierte Feststellung zum Leseverhalten. Einerseits würden wir ihre Feststellung sofort unterzeichnen und sogar noch erweitern: Denn wissen Autor*innen nicht genau darum und produzieren aus bewusster oder unbewusster Selbstzensur die immer gleichen Romane, die dann auf den immer gleichen Listen für Literaturpreise erscheinen? Ein besonders hell leuchtendes Beispiel dafür scheint uns in diesem Bücherherbst der Roman Kieferninseln von Marion Poschmann zu sein. Mehr dazu in unserer Rezension.

Andererseits fragen wir uns natürlich auch selbst, inwiefern wir durch unsere Herkunft, d.h. Schule und Studium, sozialisiert worden sind und inwiefern wir das, was Herrmann den männlichen Blick nennt, erlernt haben, von dem wir womöglich bis heute unbewusst bei unseren Literaturbesprechungen geleitet werden. Denn wenn es um die Beurteilung von Literatur geht, entspricht unsere Meinung viel häufiger der von Maxim Biller und Thea Dorn als der von Christine Westermann, wenn wir uns einmal auf die Kritiker*innen des Literarischen Quartetts beschränken wollen. Warum Frau Westermann nach jeder Sendung als Tipps gebende Büchermutti o.Ä. verunglimpft wird (übrigens regelmäßig äußerst gut nachzulesen bei literaturcafe.de), liegt insbesondere an ihren fehlenden literarischen Kriterien. „Mich hat das gut unterhalten“, eine Floskel, die Frau Westermann, aber auch Volker Weidermann gerne in den Mund nehmen, reicht eben nicht aus, um die literarische Qualität eines Werkes glaubhaft vermitteln zu können. Dazu bedarf es dann schon einer schlüssigen Argumentation, die Thea Dorn verlässlich abliefert und Maxim Biller zu seiner Zeit provokativ subjektiv vortrug.

„Dabei scheint es völlig unerheblich, dass ein großer Teil des Lesepublikums diesen Lesemodus nicht teilt – die Literaturkritik bleibt in ihrem Milieu.“,

schreibt Herrmann weiter. Und auch diesen Eindruck teilen wir immer wieder, wenn etwa Journalisten die Bücher von Kollegen oder die Erstlinge von Schriftstellerkindern wie Simon Strauß oder Theresia Enzensberger beurteilen. Bestseller sind nur selten Gegenstand der Kritik. Buchblogger*innen könnten die Breite der Genrevielfalt sichtbar machen, den Literarturbetrieb damit demokratisieren. All das stimmt – einerseits.

Denn andererseits gibt es eine Vielzahl von Literaturblogs, die ebenfalls anspruchsvoll und keine Bestseller rezensieren, auf die Katharina Herrmann nicht eingeht. Vielmehr erliegt sie derselben Autorität des journalistischen Leitmediums, das sie zu kritisieren versucht, indem sie zwar auf eine Vielzahl von Zeitungsartikeln referiert, aber nicht auf Blogbeiträge zu ihrem Thema wie z. B. ,Frauenromane` oder: Eine Konstruktion von Literaturen vom März diesen Jahres. Auch ihre Milieu-Kritik am Literaturbetrieb muss da ins Leere laufen, wo sie selbst einen betont wissenschaftlichen Text mit Fußnoten und einem Zitat aus dem Englischen ohne deutsche Übersetzung anreichert.

Warum sind Bestseller also kaum Gegenstand der Kritik, weder bei Journalisten noch bei Literaturbloggern? Zum Einen weil die Sprache, in der Bestseller verfasst sind, meist keine oder nur sehr einfach verwendete stilistische Mittel aufweist, das Buch also zu erkennen gibt, dass es gar nicht zur Literatur gezählt werden möchte. Zum Anderen weil die Handlungsbeschreibung im Klappentext nicht unbedingt Innovationen in literarischer Hinsicht erwarten lässt. Jede Auswahl und jede Besprechung sind natürlich immer subjektiv und Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber wer viel liest, liest auch immer besser und hat mit der Zeit immer höhere Ansprüche an die Literatur. Wenn also selbst Deutschlehrer nur noch „Urlaubsschmöker“ (und damit Bestseller) lesen wollen und an Gegenwartsliteratur nicht interessiert zu sein scheinen (hier deckt sich Frau Herrmanns Erfahrung mit unserer), dann liegt das wohl eher daran, dass sie, so vermuten wir, noch nie gerne gelesen, sondern ihren Job aus anderen Kriterien gewählt haben. Gute Kritik kann nicht aus verschiedenen Lesemodi (identifikatorisch-weiblich und partizipierend-männlich) hergeleitet werden, gute Kritik hat einfach etwas mit guter Argumentation, viel Lesen und damit verbunden auch einer „guten“, d.h. überzeugenden, gut nachvollziehbaren, treffenden Sprache der Kritkerin/des Kritikers zu tun.

Die Vergangenheit können wir nicht ändern und sie wird trotz aller Frauen, die in „den“ Kanon aufgenommen werden sollten, männerdominiert bleiben – aber auf die Gegenwart haben wir Einfluss und können ganz bewusst zu einem Buch von einer Frau greifen.

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