Annie Ernaux, Die Jahre

Dieses Bild zeigt das Cover von Annie Ernaux Roman "Die Jahre".

Ich habe mir die französische Ausgabe von Annie Ernauxs Die Jahre am 29.6.2016 gekauft. Da war ich gerade mit der Lektüre von Didier Eribons Rückkehr nach Reims fertig und las direkt im Anschluss Édouard Louis` Das Ende von Eddy.

Beide männlichen Autoren wurden in diesem Literaturherbst anlässlich ihrer neuen Bücher Gesellschaft als Urteil und Im Herzen der Gewalt als Vertreter einer neuen französischen Schriftstellergeneration gefeiert – und doch sind beide Autoren ohne Annie Ernaux nicht denkbar.

Frankreich musste wohl erst das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse werden, damit Die Jahre, die ursprünglich schon 2006 erschienen sind, von Sonja Finck ins Deutsche übertragen wurden. Dazu wurde der totale Roman, wie ihn Ernaux selbst nennt, sogar fadengeheftet und in die Ehrfurcht verströmende Reihe Bibliothek Suhrkamp aufgenommen. Die Banderole, die zusätzlich zum Schutzumschlag angebracht wurde, irritiert jedoch mit ihrer Aufschrift Der Bestseller aus Frankreich: Wird der Unterhaltung suchende Leser durch das streng weiße Cover abgeschreckt, greift der Literaturliebhaber vielleicht wegen der Banderole nicht zu – und das wäre nicht nur unter verkaufstechnischen Aspekten, sondern vor allem dem literarischen Genuss wegen zu schade!

Eine einzelne Existenz, die in der Bewegung einer Generation aufgeht.

Das ist das erklärte Ziel von Annie Ernauxs unpersönlicher Autobiographie. In ihren eigenen, individuellen Erinnerungen möchte sie das kollektive Gedächtnis aufspüren und damit etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird. Um das zu erreichen, schreibt sie weder in der ich- noch in der sie-Form, sondern benutzt das kleine unpersönliche man. Dieses man reibt sich während der Lektüre immer wieder mit dem Leserinnen-ich und erinnert so daran, dass individuelle Erfahrung und die einer ganzen Generation bisweilen weit auseinander liegen.

Und doch wird der Übergang von der unmittelbaren Nachkriegsgesellschaft (Alles wurde weiterbenutzt/Nichts wurde weggeworfen/Es herrschte ein Mangel an allem.) hin zur Konsumgesellschaft (Die Leute fragten sich nicht mehr, ob die Dinge wirklich nützlich waren, sie wollten sie einfach besitzen.) bis ins digitale Zeitalter (In den neuen Dingen lag eine Gewalt gegen den Körper und den Geist, aber sobald ihr Gebrauch zur Gewohnheit wurde, vergaß man das.) so treffend wie unvergesslich beschrieben.

Beim Lesen von Annie Ernaux erinnere ich mich, wie ich als kleines Mädchen meine Großmutter nachts beim Schlafen erst noch vor rauschendem Testbild, dann bei laufendem Fernseher beobachtete. Ich höre typische 80er Jahre Musik in meinen Ohren, wenn ich mir die Autorin dabei vorstelle, wie sie mithilfe von Aerobic und der Fernsehsendung Gym Tonic (ihren Körper) äußerlich ,in Form` bringt und mithilfe von Evian-Wasser und Naturjoghurt von innen reinigt.

Ich denke an den Großmarkt am Stadtrand, der in meiner Kindheit divi, dann real, jetzt so etwas wie Markthalle heißt. Ich erlebte selbst wie die Orte, an denen sich die Waren präsentieren, immer größer und schöner wurden (…) im krassen Gegensatz zu den verwahrlosten Metrostationen, Postämtern und öffentlichen Schulen. Ich lebe in der Zeit, in der es verschiedene Rasierer für männliches und weibliches Achselhaar gibt und Menschen das Hinsetzen in der Einkaufszone verboten wird, damit der Einzelhandel nicht beeinträchtigt wird. Und eines Tages werde ich über unsere Gegenwart wohl auch sagen: Es war normal, dass Waren aus der ganzen Welt zu uns gelangten und frei zirkulierten, während man Menschen an den Grenzen zurückwies.

Melancholie, bisweilen auch Nostalgie, liegen über dem Text, der die Leserin in die unmittelbare Nachkriegszeit hineinzieht und bis zur Gegenwart führt. Es ist Annie Ernauxs Lebenszeit, von der ich nur die letzten beiden Jahrzehnte miterlebt habe – und das in einem anderen Land. Und doch erkenne ich so viele Dinge wieder, die sie benennt, sei es aus den Schilderungen meiner Eltern und Großeltern, sei es aus eigener Erfahrung. Und darin geht Die Jahre über die Schilderung einer bestimmten Zeitspanne von 1940 bis 2006 sogar hinaus, denn es werden beinahe universelle menschliche Erfahrungen beschrieben:

„Sie (die Kinder) entwickelten eine hartnäckige Sehnsucht nach einer Zeit, die sie knapp verpasst hatten. / In den Reden hieß es, wir wären die Zukunft. / Die Freude begann in der nächstgrößeren Stadt.“

Sind das nicht Erfahrungen, die auch heute noch jedes Kind macht?

Stets sind es Photos, mit denen Ernaux eine neue Epoche ihres Lebens einläutet. Diese Photos betrachtet sie aus der Distanz, beschreibt sich selbst als das fremde Mädchen, das darauf abgebildet ist mit größtmöglicher Objektivität. Doch auch die Photos unterliegen einer permanenten Veränderung von schwarz/weiß zu Farbe hin zur digitalen Form. Wiederkehrende Momente bilden außerdem Familienfeste oder die Verfolgung der Tour de France durch unterschiedliche Medien.

Die Form des Buches reicht von kurzen Versatzstücken, die noch keine Sätze sind, oft mit klein geschriebenen Anfangsbuchstaben, bis hin zu seitenübergreifenden Absätzen. Am Ende kehren die kurzen, notizhaften Eindrücke wieder und veranschaulichen so den Verlauf eines ganzen Lebens: von der schrittweisen Bewusstwerdung in der Kindheit über ein voll ausgeprägtes, der Analyse fähiges Gehirn als Erwachsene bis zum Bewusstseinsschwund im Alter. Die Form bildet aber auch das Voranschreiten der Zeit als solche ab, in dem am Anfang die Eindrücke noch nicht zu längeren Absätzen geordnet werden können, können sie das am Ende nicht mehr, weil der Text sich zu sehr der Gegenwart nähert und diese noch nicht abschließend betrachtet werden kann.

Das Besondere an Ernauxs unpersönlicher Autobiographie ist jedoch nicht nur die innovative Form, sondern dass die Biographie einer Frau beschrieben wird. Denn obwohl Ernaux nach Selbstverwirklichung strebt und ihr der gesellschaftliche Aufstieg mittels Bildung gelingt, fehlten ihr noch die Freiheiten, die erst den 68ern erlaubten, sich über Konventionen hinwegzusetzen:

„Weil man mit der Selbstverwirklichung nicht vorankam, weil man feststellte, dass man als Paar einen höheren sozialen Status hatte, verliebte man sich beim nächsten Mal entschlossener, und dank einer kleinen Unachtsamkeit bei der Kalendermethode war man im Handumdrehen verheiratet und wurde Eltern.“

Mit Annie Ernauxs Die Jahre begibt man sich auf eine Zeitreise, aus der man nicht wieder auftauchen möchte. Doch manchmal schwappt von der längst abgeschlossen geglaubten Erfahrung noch so viel in die Gegenwart hinüber, dass es scheint, die Geschichte wiederhole sich in Miniaturform – immer wieder. Denn auch ich glaube, dass mir nur zeitgenössische Bücher helfen, einen genaueren, gerechteren Blick auf die Gegenwart zu werfen.

Erster Satz: „Alle Bilder werden verschwinden.
Wort des Buchesman 
Hat mich erinnert an: Ulrike Edschmid, Der Mann der fällt.


Annie Ernaux, Die Jahre, Suhrkamp Verlag 255 Seiten, 18€

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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