Andrej Platonow, Die Baugrube

Dieses Bild zeigt das Cover von Platonows Roman "Die Baugrube".

Was? Ein Autor auf pinkmitglitzer? Diesen „Regelbruch“ möchte ich gerne begründen: Gabriele Leupold ist schuld, die gerade im Bereich Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Bei osteuropäischer Literatur werde ich bekanntermaßen schwach, aber besonders „Die Baugrube“ von Andrej Platonow möchte ich einfach niemandem vorenthalten.

Die „Baugrube“ ist ein weiterer verloren gegangener Klassiker der russischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Geschrieben in nur fünf Monaten von Dezember 1929 bis April 1930 vom Sohn eines Eisenbahnbetriebsschlossers und späteren Ingenieurs für Elektrotechnik. Der Roman durfte in der Sowjetunion erst 1987 erscheinen, eine erste Übersetzung ins Deutsche erfuhr er jedoch schon 1971.

Die Baugrube stellt die Welt der Leser auf den Kopf: Die Baustelle, die auf ein zu errichtendes Haus hoffen lässt, wird in eine Grube, ja ein Grab verkehrt, aus dem nur noch Hoffnungslosigkeit emporsteigt. Aus dieser Baugrube soll ein gigantisches Gebäude entstehen, worin die Bewohner einer ganzen Stadt Platz finden sollen.

Mit seiner „Baugrube“ nimmt Platonow Großbauprojekte wie den ab 1931 geplanten (und nie fertiggestellten) „Palast der Sowjets“ vorweg, dessen Baugrube bis 1941 ausgehoben und in der Nachkriegszeit als Schwimmbad genutzt wurde. Hier sieht man den Ausführungsentwurf von Boris Jafan von 1934.

Die Bauarbeiter verfallen angesichts der kaum zu bewältigenden Aufgabe, deren Vollendung sie wohl nie erleben werden, in Schwermut. Beim Ingenieur führt die Aussichtslosigkeit des Unterfangens sogar dazu, einen eigenen „Entwurf des Todes [anzufertigen], um ihn schneller und verlässlicher zu sichern“. Die Bauern auf dem Land, denen die Zwangskollektivierung droht, legen sich zum Schlafen schon mal in ihre Särge. Das ist tatsächlich seit dem Mittelalter so Brauch auf der Rus, wenn Menschen den Tag des Jüngsten Gerichts erwarten.

Tschiklin, der die Zwangsenteignung z. T. von einem fabelähnlichen Bären begleitet durchführt, findet eines Tages die „Besitzerstochter eines ehemaligen Gutshauses“ tot auf, die er als Jugendlicher einmal geküsst hat. Die  Erinnerung an diesen Moment löst ein vergessenes Glücksgefühl in ihm aus, aber schnell besinnt er sich, dass das Glück eine „bourgoise Sachse [ist]…Vom Glück beginnt nur die Schande!“. Die überlebende, hungernde Tochter Nastja verkörpert für ihn wie fortan für alle anderen Figuren, „die Zukunft“, „den faktischen Sozialismus“ und „die Zielorientierung der Partei“. Obwohl noch ein Kind und selbst Tochter einer „burshuika“, hat Nastja die nie verebbenden Parolen des Sozialismus schon so verinnerlicht, dass sie die „Liquidierung der Kulaken als Klasse“ fordert.

Die Sprache der Revolution beeinhaltet Wörter wie Kulak, Subkulak, burshuj, Kolchos, Kollektivierung etc., deren Bedeutung für den heutigen Leser im Anhang erschlossen wird. Diese Sprache, die durch das Massenmedium der Zeit, das Radio, Eingang in die Köpfe der Figuren gefunden hat, kollidiert jedoch mit der herkömmlichen, traditionellen Sprechweise. Obwohl alle Figuren die Parolen der Partei verinnerlicht haben und von der Utopie des kommenden Sozialismus beseelt sind, haben die meisten von ihnen die neue Sprache nicht ganz verstanden. Das führt zu einer Art „Kaderwelsch“, der sich bis in eine falsche Grammatik fortsetzt, aber auch zu Wortneuschöpfungen wie etwa „entkulakisieren“, „entkolchifizieren“, „vergesellschaften“ oder „anorganisieren“:

Olguscha, mein Goldfisch, du spürst ja gigantisch die Massen! Dafür lass mich dir mich [sic!] anorganisieren!

Mit diesem Ausspruch sucht Paschkin seine Frau zu beruhigen, die wie alle Figuren des Buches einmal an den Punkt kommt, an dem sie am versprochenen Glück der Zukunft zu zweifeln beginnt. Die Verlorenheit der Figuren in der Sprache kommt hier deutlich zum Ausdruck. Doch nicht nur die Sprache, auch der (Welt-)Raum, in dem sie leben, bleibt den Figuren fremd: Obwohl sich der Roman auf tagesaktuelle Ereignisse in der Sowjetunion der 30er Jahre bezieht, spielt er in einem abstrakten Raum, der weitgehend aus Leere, Weite, Steppe, Boden, Himmel, Sternen und in der Ferne einer funkelnden Stadt besteht.

Klarer und weitsichtiger als Platonow, der überzeugter Kommunist war und sich nie von der Partei distanziert hat, konnte man Kritik zu so früher Stunde der Sowjetunion nicht äußern: „Heute bin ich nicht mehr da, und morgen ihr. So wird es enden, dass im Sozialismus allein euer Oberster ankommt“, lässt er einen Bauern sagen; das Volk  ist bei ihm schon um 1929/30 resigniert und sieht im herrschenden Proletariat nur noch die „heutigen Zaren, die man abwarten muss“.

Es bedeutet Arbeit, den Roman heute zu lesen und sich auf die Sprache der Entstehungszeit einzulassen. Dennoch stellt sich das Gefühl, einen doppelbödigen, hochkonzentrierten Text zu lesen, schon in den ersten Sätzen ein. Die Verdichtung, die für Platonows Texte typisch ist, wie ich später recherchiere, ist auch heute noch, auch für mich unmittelbar nachvollziehbar.

Großes Lob verdient nicht nur die Übersetzerin Gabriele Leupold, die schon Andrej Belyj, Boris Pasternak und Vladimir Sorokin ins Deutsche übertragen hat, sondern auch die Ausstattung, angefangen beim Cover, das direkt in den Leineneinband eingeprägt wurde: Das Gemälde „Köpfe (Menschliche Wesen in der  Welt)“, das von einem Zeitgenossen Platonows, Pawel Niolajewitsch Filonow, um 1925 angefertigt wurde, verbildlicht geradezu die Sprache und Dichte von Platonows Roman.

Pawel Niolajewitsch Filonow, Köpfe. Menschliche Wesen in der Welt, 1925, Öl auf Papier auf Leinwand, 1926, 107 x 72,7cm, Russisches Museum, St. Petersburg.

Der am stärksten hervorgehobene Kopf darauf erweist sich als

Globus, der ganze Kontinente und Völker aufnimmt, ein filigraner, lebendiger Kosmos aus zarten Farben und Formen, der sein Publikum gleichzeitig mit den hohlen und drohenden Augenhöhlen eines Totenkopfs anschaut. Man ist fasziniert und zugleich schockiert vom Künstlerblick, der einem eine bunte und unbekannte Welt eröffnet und andererseits stechend und analysierend durch alle Poren bis in die Zellen zu dringen scheint.

Mir ist, als habe Eugen von Arb damit nicht das Gemälde Filonows, sondern den Roman von Platonow beschrieben. Es wird Zeit, die vergessenen Werke beider Künstler, die sich zu Lebzeiten als Volkskünstler sahen, aber von der Masse weitgehend unverstanden blieben, wiederzuentdecken.

Erster Satz: „Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte.“
Wort des Buches„entkulakisieren
Hat mich erinnert an: „2017“ von Olga Slawnikowa


Andrej Platonow, Die Baugrube, Suhrkamp Verlag, 240 Seiten.

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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