Alina Herbing, Niemand ist bei den Kälbern

Dieses Bild zeigt das Cover von Alina Herbings Roman "Niemand ist bei den Kälbern".

„Dorfleben ist…von weitem hören, wer gleich vorbeigefahren kommt“
„Wenn du abends in der Innenstadt in einer Bar 5 Bier trinkst, bist du Alkoholiker. Auf dem Dorf bist du der Fahrer“

Über 371 000 Nutzern gefällt die Facebookseite „Dinge, die ein Dorfkind nicht sagt“. Dort werden Sätze, ähnlich zu den oben genannten, gepostet, meistens mit romantisierten Hintergrundbildern von Traktoren oder Güllefeldern im Sonnenuntergang. Eine Auswahl der Sprüche wurde in Buchform abgedruckt und der Amazon-Rezensent real-booklover kommentierte: „Gerade die Dorfkinder werden vieles aus ihrem Alltag wiedererkennen und immer wieder feststellen: „Es stimmt!

Anfang Februar las Alina Herbing auf der Ham.Lit zum ersten Mal aus ihrem Debütroman „Niemand ist bei den Kälbern“. Herbing, ebenfalls Dorfkind, wuchs in der Umgebung auf, die der Schauplatz des Romans ist. Sofort merkt man, dass sie die Szenerien kennt, die Abläufe und Figuren, über die sie schreibt. Die Bilder, die sie entwirft, sind frei vom Klischee und Kitsch der Güllefelder im Sonnenuntergang. Sie bleiben im Gedächtnis, weil man glaubt zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn man z.B. mit einem Taschenmesser eingetrockneten Lehm von einem Traktorreifen abkratzt oder das siebzehnte Dorffest miterlebt.

Herbings Protagonistin Christin ist Anfang 20 und lebt im Kaff Schattin. Ihre Mutter ist abgehauen und wohnt angeblich in Hamburg. Ihr Vater wird von der Dorfgemeinde geächtet und ertränkt seinen Frust darüber in Alkohol. Inzwischen wohnt Christin auf dem Hof ihres Freundes Jan und hilft dort bei der Stallarbeit. Jans Vater überweist ihr dafür einen monatlichen Hungerlohn und gibt ihr regelmäßig zu verstehen, dass sie nie die Schwiegertochter sein wird, die er sich gewünscht hätte.

Obwohl die Brutalität bereits auf der ersten Seite Einzug hält – ein Rehkitz wird vom Mährdrescher zerhäckselt – liest sich der Anfang des Romans noch sehr leicht, an vielen Stellen lacht man über das, was in Christins Kopf vor sich geht. Schnell jedoch kippt die Stimmung, es wird zunehmend hoffnungsloser, gröber, dreckiger:

„Über mir ist dieser riesige Himmel, und als ich hochgucke, sehe ich nur dieses verdammte blaue Blau, das sich über die ganze Welt zieht wie eine Plane, unter der wir gefangen sind.“

Ihr Freund Jan protestiert für einen fairen Milchpreis, Christin will weg. Sie sieht sich lieber Cocktails schlürfend durch Berliner Clubs stöckeln als in Gummistiefeln und verwaschenen T-Shirts aus einer Fanta-Flasche trinken, die vor Hitze schon gar keine Kohlensäure mehr enthält. Ihr Horoskop gibt ihr Hoffnung darauf, dass es bald klappen könnte mit dem Wegkommen, denn die Planeten meinen es in diesem Sommer besonders gut mit ihr.

„Wenn ich gewusst hätte, dass ich heute Menschen begegnen würde, die nicht in Schattin wohnen, hätte ich mir was anderes angezogen.“

Die einzigen Exoten im Dorf sind die straußenähnlichen Nandus, die manchmal durch die Felder stolzieren und der Techniker Klaus, der regelmäßig überprüft, ob die Windkraftanlage noch funktioniert. In ihm sieht Christin ihre Chance zur Flucht gekommen und entfernt sich nach und nach immer weiter von ihrem Leben und schließlich auch von sich selbst. Anfangs sind es nur kleine Manipulationen, wie das Durchschneiden eines Traktorschlauchs, mit denen sie die Grenzen und Konventionen ihrer Welt auf die Probe stellt. Dadurch scheint sie sich beweisen zu wollen, dass es doch jemanden geben muss, dem sie genug bedeutet, damit er sie davon abhält.

Fassungslos darüber ist man am Ende des Romans nicht nur beim Lesen, sondern auch die Protagonistin selbst bemerkt:

„Sie sind so weit weg, als wären sie nur ein Traum. Die Bäume über mir knarren und knacken. Eigentlich glaube ich, dass das alles gar nicht passiert ist.“

An diesem ersten Regentag nach einer langen Hitzeperiode wünscht sie sich, dass die Spuren, die die letzten Wochen in der Landschaft und auch auf ihr selbst hinterlassen haben, einfach abgespült werden.

Geborgenheit und Idylle sucht man in „Niemand ist bei den Kälbern“ vergebens. Die Heimat wird hier zum Schicksalsort und für niemanden würde man die Couch in seiner Großstadtwohnung lieber räumen als für Christin. Darauf erstmal ein Glas Bio-Milch.

Erster Satz: „Seit Stunden verschwinden die Grashalme unter der gelben Plane.“
Wort des BuchesHerz-Neun
Hat mich erinnert an: „Es bringen“, Verena Güntner.


Alina Herbing, Niemand ist bei den Kälbern, Arche Literatur Verlag, 254 Seiten.

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

Kommentare (4)

  1. Ich habe heute euren Blog entdeckt und bin total begeistert. Besonders gut gefällt mir, dass hier die junge Gegenwartsliteratur so viel Raum bekommt und dass eure Rezensionen über Inhaltsangaben hinaus gehen – eher so einen interessanten Rundblick wagen. Auf „Niemand ist bei den Kälbern“ bin ich nur am Rande aufmerksam geworden. ich dachte nicht, dass mich das Buch besonders ansprechen würde (was glaube ich vor allem am Titel und am Cover liegt – die finde ich nämlich immer noch nicht ansprechend) Die Leseprobe hat meine Meinung geändert- die einfache und nüchterne Sprache in der Alina Herbig erzählt gefällt mir total gut und hat Lust darauf gemacht das ganze Buch zu lesen. Ich hatte auch den Eindruck, dass schon auf den ersten Seiten viel Ablehnung und auch Brutalität liegt und bin nach eurer Rezension gespannt wie sehr sich das im Laufe der Erzählung noch steigern, bzw. in welche Richtung es laufen wird.
    Liebe Grüße,
    Milena

    • PinkmitGlitzer

      Hallo Milena,
      danke für deinen Kommentar und die netten Worte, das freut uns sehr:)
      „Niemand ist bei den Kälbern“ war ein absoluter Zufallstreffer. Die Nüchternheit, mit der Alina Herbing auf der Ham.Lit zum ersten Mal aus ihrem Roman las, traf mich vom ersten Satz an und ich blieb hellhörig. Es war klar, dass ich dieses Buch lesen musste.
      Vom Cover war ich anfangs auch nicht begeistert und rede mir inzwischen ein, dass die Perspektive aus der es aufgenommen wurde, schlussendlich dann doch Sinn macht. Ehrlicherweise hätte ich aber vermutlich im Buchladen auch nicht direkt dazu gegriffen.
      Lass uns gern wissen, was dein Fazit nach der Lektüre ist!

      Bis dahin liebe Grüße,
      Ann-Kathrin| pinkmitglitzer

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