Ali Smith, Wem erzähle ich das?

Coverbild zu "Wem erzähle ich das?" von Ali Smith.

Sind das eigentlich Vorlesungen oder ist das ein Roman?“, fragte mich Glitzer, als ich mit der neuen Ali Smith „Wem erzähle ich das?“ nach Hause kam.
Es könnte beides sein“, antworte ich. Die Lektüre bestätigte unseren Verdacht.

Wem erzähle ich das? erzählt die Geschichte von einer Ich-Erzählerin, die „ein Jahr und einen Tag“ nach dem Tod ihrer Freundin die alte Penguin-Ausgabe von Oliver Twist aus dem Regal zieht und zu lesen beginnt. Das Buch hat sie zuletzt vor über dreißig Jahren in der Hand gehabt, doch kommt ihr das vor wie ein Wimpernschlag:

„Es war die Zeitspanne zwischen ausschließlich in Schwarzweiß gezeigten Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg und David Bowie, der Life on Mars in den Top of the Pops sang, eine Zeitspanne, in der eine Frau erwachsen geworden sein und vier eigene Kinder bekommen haben konnte, von denen das erste, wenn sie rechtzeitig angefangen hatte, inzwischen fast alt genug war für seinen Schulabschluss. Der auch längst nicht mehr A-Levels hieß.“

Vor allem aber geht es um die eine, die wahre, die große Liebe. Die beiden Freundinnen sind erst kurz vor dem Tod der einen zusammengezogen, haben aber schon, „was das größte Versprechen überhaupt ist: unsere jeweiligen Bücher in eine gemeinsame Bibliothek“ überführt.

„Denn wenn ich überlege, wie es war, mit dir zusammenzuleben, war es wie all das. Es war, aus heutiger Sicht, als lebte ich in einem Gedicht oder einem Bild, einer Geschichte, einem Musikstück. Es war wunderbar.“

Von Anfang an spricht die verbliebene Ich-Erzählerin mit ihrer toten Freundin, doch nun geschieht das Unglaubliche: Die Freundin kehrt „wirklich“ von den Toten zurück, aber nicht, wie die Ich-Erzählerin sich das vorgestellt hat: Sie ist „mit Staub und etwas bedeckt, was wie feine Steinchen“ aussieht, sie riecht „ziemlich stark“, will lieber fernsehen als sich unterhalten, stibitzt Bücher aus dem Secondhand-Laden, spricht in unverständlichen Wörtern, die sich alsbald als Griechisch entpuppen.

Dies bildet die Rahmenerzählung, die in jedem der vier Kapitel „Zeit“, „Form“, „Ränder“ und „Angebot und Widerspiegelung“ fortgeführt wird. Innerhalb dieser Kapitel liest die Ich-Erzählerin in den Vorlesungen ihrer verstorbenen Freundin, einer Kunsthistorikerin, an denen diese bis zu ihrem Tod gearbeitet hat. Wer uns darin alles begegnet ist schier unglaublich:

Eine Liste an Autoren, die von Ali Smith zitiert werden

Jeder, der mit dem Gedanken spielt, Literaturwissenschaft zu studieren oder diese Sünde bereits begangen hat, sollte dieses Buch lesen: Es geht dabei nicht nur um Details wie die Verwendung der Farbe Grün bei Dickens, sondern um allgemeine literatur- und kunstwissenschaftliche Überlegungen, die Smith immer wieder mit der Rahmenerzählung verknüpft:

Im ersten Kapitel „Zeit“ geht es beispielsweise darum, dass ein Buch an sich ein vergänglicher Gegenstand ist: der Buchrücken kann brechen, das Papier zu Staub zerfallen. Dennoch gelingt es manchen Büchern die Zeit gefahrlos zu überstehen, zeitlos zu werden: Etwa indem das Armenhaus, in dem Oliver Twist aufwächst, vom Autor bewusst nicht genannt wird. Bücher lesen kostet Zeit, zum Teil mehr, zum Teil weniger als die Zeitspanne, die einem im Buch erzählt wird.

„Wir kämen nie auf die Idee, dass wir ein Musikstück bereits beim ersten Hören verstehen, glauben bei einem Buch aber nur zu gern, wir hätten es gelesen, wenn wir einmal damit durch sind.“

In einer Zeit, in der wir „140 Zeichen auf der Suche nach einem Absatz“ verbringen oder ein Gedicht mit dem Titel „http://www.google.co.uk/“ im Cyberspace verloren gehen kann, kommt die Ich-Erzählerin zu dem Schluss, dass wir selbst in einem „voluminösen Roman, in einer von Fiktionen aller Art beherrschten Welt –  Massenproduktion, Werbung (…)“ leben.

Gegen Ende des Romans hören die Vorlesungen abrupt auf. Die Verstorbene wechselt in briefähnliche Notizen, um ihre Geliebte und uns Leserinnen persönlich anzusprechen. Sie hatte vorausgeahnt, dass ihre Freundin ihre Aufzeichnungen nach dem Tod lesen würde und versucht ihr durch diese gesprächsähnlichen Fragmente dabei beizustehen.

An dieser Stelle erklärt sich auch der Titel „Wem erzähle ich das?“, nämlich dir, der vorgestellten oder wahrhaft wiedergekehrten toten Freundin der Ich-Erzählerin. Im Original heißt das Buch „Artful“, was sich auf die Figur des Dodger in Dickens‘ Roman, einen Gauner und Trickbetrüger, bezieht. Auch mit Ali Smith haben wir es mit einer Trickbetrügerin zu tun, die immer wieder die verschiedenen Erzählebenen durchbricht und damit direkt zum Leser vorstößt. Etwa, indem die Ich-Erzählerin an einer Stelle ihre Freundin fragt:

„Wo warst du?
Oliver, sagtest du. Twist“

Man dürfte Wem erzähle ich das? eigentlich nur im Paket mit Dickens‘ Klassiker verkaufen. Am Ende kommt die Ich-Erzählerin übrigens mit der ausdrücklichen Erlaubnis ihrer Chefin zu spät zur Arbeit, um Oliver Twist fertig lesen zu können – wünschen wir uns nicht alle einen solch verständnisvollen Arbeitgeber?

Erster Satz: Das volle Jahr und ein Tag waren verstrichen, und ich wusste mir noch immer keinen Rat.
Wort des Buches„beautifull“ (in der Originalschreibweise von Jane Austen)
Hat mich erinnert an: Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf


Ali Smith, Wem erzähle ich das?, Luchterhand Verlag, 223 Seiten. 

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

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