Ali Smith, Autumn

Dieses Bild zeigt Ali Smith neuen Roman "Autumn" auf einem Holztisch unter einer Lampe platziert.

Als ich endlich mit der Lektüre des neuen Romans von Ali Smith beginne, hält schon der Winter Einzug hier in Hamburg. Der Aktualität des Buchs tut das aber keinen Abbruch.
„Autumn“ wird bisher vor allem als erster sogenannter „Brexit“ Roman bezeichnet. Smith springt mit uns durch die Jahre 1963, 2002, 1993 und noch viele weitere und trotzdem spürt man keines davon so deutlich wie 2016, noch genauer: Die Zeit nach dem Referendum in Großbritannien. In einem Kapitel thematisiert sie, völlig losgelöst von einer der Figuren, wie diese Wahl das Volk in zwei gegensätzliche, unvereinbare Lager gespalten hat.

„It‘s like democracy is a bottle someone can threaten to smash and do a bit of damage with. It has become a time of people saying stuff to each other and none of it actually ever becoming dialogue. It’s the end of dialogue.“

Als die Protagonistin Elisabeth durch den Newsfeed ihres Handy scrollt, findet sie unter den unzähligen Postings, von denen jedes noch aktueller als das vorherige sein möchte, auch den Namen „Trump“. Fremdenfeindlichkeit und nationalistische Tendenzen zeigen sich nicht nur in der Politik, sondern auch im Alltag, etwa wenn „Go Home“ Bannern, über Türen und Fenster einer Unterkunft gespannt werden. Dabei erinnert man sich automatisch an den ersten Satz des Romans, „It was the worst of times“.
Diese vermeintlich bekannte Realität bildet die Basis für die anderen Ebenen dieses Romans. Denn wer Ali Smith kennt, weiß, dass sie vor allem diese zufälligen, schicksalhaften Verbindungen zwischen Menschen fasziniert, die gerne einmal auch aus anderen Jahrzehnten stammen dürfen. Dass ein adäquates Bindemittel dafür Kunst sein kann, hat sie bereits in ihrem letzten Roman „How to be both“ gezeigt.
Elisabeth Demand ist 32 Jahre alt, Junior Dozentin an einer Londonder Uni und „living the dream, her mother says, and she is if the dream means having no job security and almost everything being too expensive to do and that you‘re still in the same rented flat you had when you were a student over a decade ago“. Wir lernen sie kennen, als sie versucht einen neuen Pass zu beantragen und dabei ein ironisches Wortgefecht mit dem zuständigen Beamten beginnt. Obwohl sie ihm an Schlagfertigkeit überlegen ist, wird ihr Antrag vorerst mit der Begründung „head incorrect size“ abgelehnt.
Regelmäßig besucht sie ihren 101 Jahre alten Freund Daniel im Pflegeheim und erzählt ihm von den Büchern, die sie gerade liest. Schließlich war er es, der ihr als kleines Mädchen nahe gelegt hat, immer ein Buch bei sich zu haben und sowieso das ganze Leben lesend zu verbringen. In Abstechern springen wir direkt in diese Vergangenheit und begleiten Daniel und Elisabeth auf einem ihrer vielen Spaziergänge. Meistens erfinden sie dabei neue Geschichten, am liebsten solche, die einen unerwarteten Twist nehmen und mit den Erwartungen spielen. Für ein anderes Spiel, schließt man am besten gemeinsam mit Elisabeth die Augen. Daniel beschreibt aus dem Gedächtnis detailgenau Bilder und Collagen und man wird Teil dieser außergewöhnlichen und sehr intimen Erfahrung.

Elisabeth opened her eyes. She saw Daniel open his eyes a moment later. Later that night, when she was home and falling asleep on the couch in front of the TV, Elisabeth would remember seeing his eyes open, and how it was like that moment when you just happen to see the streetlights come on and it feels like you‘re being given a gift, or a chance, or you yourself‘ve been singled out and chosen by the moment.“

Dass die Bildbeschreibungen auf echten Vorbildern beruhen, vermutet man zwar, erhält aber erst später die Bestätigung. Bei der Künstlerin handelt es sich um Pauline Boty, die als einzige weibliche Vertreterin der Pop Art in England zählt. Wir erfahren von den Vorurteile gegen die sie als attraktive Frau im London der 60er zu kämpfen hatte und von ihrer Einsamkeit. Die meisten ihrer Bilder verschwanden nach ihrem Tod und auch von ihrem berühmtesten Werk „Scandal 63“ existiert nur noch eine Fotografie, die sie neben dem Bild stehend zeigt.
Keine der aufretenden Figuren kann isoliert betrachtet werden, weil man die Grenzen zwischen ihren Welten oft einfach nicht mehr ziehen kann. Umso tragischer, wenn man sich, wie Elisabeth, am liebsten in den anderen Menschen hineinversetzen möchte.

„It is awful to be on the literal other side of his eyes“

„Autumn“ ist der erste Teil von Ali Smith‘ vierteiligem Projekts für das sie jeder Jahreszeit einen Roman widmen möchte. Die Texte sollen für sich alleine stehen können, natürlich wird es aber auch hier zu Verlinkungen kommen. Es lohnt sich beim Lesen die nötige Konzentration aufzubringen, denn belohnt wird man mit einem zärtlich arrangierten, stellenweise sehr amüsanten und aktuell modernsten Romane des Jahres.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht, vernichte die letzten Plätzchenreste und freue mich auf eure Meinungen.

Erster Satz: „It was the worst of times, it was the worst of times“
Wort des Buches: „Check & Send
Hat mich erinnert an: Galway Kinnell „The Book of Nightmares


Ali Smith, Autumn, Hamish Hamilton, 272 Seiten

von

Spätestens als sie in Freundschaftsbüchern "Iris Radisch" als ihr Vorbild angab, war klar, dass Glitzer irgendwann einmal etwas mit Büchern machen würde. Dass es sie als Bayerin mit besonderer Vorliebe für frische Brezeln nach Hamburg verschlagen würde, hätte sie jedoch nicht für möglich gehalten. Nach einem Komparatistikstudium in Wien entwickelt sie heute Konzepte und Ideen für die digitale Welt. In der U-Bahn trifft man sie trotzdem immer noch ganz analog mit einem Buch in der Hand.

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