Ada Dorian, Betrunkene Bäume

Cover "Betrunkene Bäume", Ada Dorian

Konstruiert wie ein IKEA-Regal“ sei der Textauzug aus „Betrunkene Bäume“, den Ada Dorian letztes Jahr beim Ingeborg Bachmannpreis vorstellte, befand Sandra Kegel. Das sind harte Worte gegenüber einer jungen Autorin, deren Debüt dieses Jahr im neu gegründeten Imprint „Ullstein fünf“ neben drei anderen deutschsprachigen Debüts erscheint. Ein Cover, das auch die diesjährigen Trendfarben des oben genannten Möbelherstellers wiederzuspiegeln scheint, die Marketing-Kampagne mit der ZEIT und die Einladung von Bloggern in den Verlag zum Gespräch mit Ada Dorian sollen aus der norddeutschen Autorin, die lange in Hamburg lebte, den neuen deutschsprachigen Star am Literaturhimmel machen. Ob das gelingt?

„Ein wunderschöner, ein perfekter Text“, so hatte Klaus Kastberger den Textauszug beim Bachmannpreis gerühmt. Etwas aus dem Kontext gerissen wirkt dieses Zitat heute auf dem Buchrücken. Denn was man beim Lesen nicht weiß, ist, dass dieses Lob erst nach zwei argen Verrissen von Hubert Winkels und Sandra Kegel zustande kam und das selbst Kastberger danach unsicher blieb, den ganzen Roman kaufen und lesen zu wollen.  

Das alles recherchierte ich erst, nachdem ich den Roman bereits gelesen hatte, denn die Themen, die er behandelt, sprachen mich an: Osteuropa-Hintergrund, Vergangenheitsbewältigung,…

In „Betrunkene Bäume“ geht es um zwei Figuren, den über 80-jährigen“ Erich und die fast 18-jährige Katharina, die, bis auf die Tatsache, dass sie schon bald zu Nachbarn werden, auch noch ein besonderes Interesse für Russland, genauer Sibirien, verbindet. Erich hat dort als junger Mann Bäume erforscht und dabei seine Frau Dascha kennengelernt, die dort nun wieder allein lebt. Katharinas Vater hat dort eine Arbeit gefunden. Sowohl Erich als auch Katharina vermissen also ein Familienmitglied in dieser so symbolträchtig aufgeladenen Region.

Obwohl Katharina schon bald eine junge Frau und schon lange kein Kind mehr ist, wird sie als Marionette und das letzte Bindeglied der Eltern bezeichnet, auf deren Rücken die Eltern jahrelang ihre Beziehungskrise austrugen, was in die gegenwärtige Flucht der Tochter auf die Straße geführt haben soll:

„Der Vater würde nach Russland zum Arbeiten gehen und einfach nicht zurückkehren, so wie die Mutter nie in das eheliche Schlafzimmer zurückgekehrt war. Als hätte man die Fäden einer Marionette einseitig gekappt, geriet Katharina ins Straucheln.“

Erich dagegen hadert damit, seiner Tochter Irina die Adoption bis zum heutigen Tag verschwiegen zu haben. Irina ist nämlich die Tochter eines Überlebenden des Gulag, der einst im Lager Deutsch gelernt hat, nur um diese Sprache danach nie mehr zu verwenden. Aus Angst, den leiblichen Vater Irinas wiedertreffen zu können, brach „Er-ich“ sein Versprechen an Dascha, mit Eintritt des Rentenalters nach Russland zurückzukehren.

Obwohl Ada Dorian mit diesem Roman debütiert, hat sie nach eigenen Angaben bereits fertige Romanprojekte in der Schublade. Schon bevor sie aus „Betrunkene Bäume“ beim Bachmannpreis las, war klar, das ihr Roman im Frühjahr 2017 bei Ullstein erscheinen würde. Beim Vergleich des Textauszugs mit dem fertigen Roman fällt auf, das die gelesenen Stellen nicht überarbeitet wurden. Es stellt sich die Frage, was die Leserin nach der Lektüre des Romans Neues, über den Bachmanntext Hinausgehendes, erfahren hat. Leider nicht allzu viel. Die Nebenfiguren bleiben blass gezeichnet. Welche Funktion übernehmen z. B. die Figuren Anton und Felix? Anton deutet als leiblicher Sohn von Erich nur noch einmal darauf hin, dass Irina adoptiert wurde; der frühere Freund Felix verstärkt nur die jetzige Einsamkeit von Katharina. Die Geschichte würde ohne die beiden genauso funktionieren.

Ferner bleibt das Problem der zeitlichen Lokalisierung bestehen. Beim Lesen fragt sich die Leserin immer wieder wie sie die Zeit der Arbeitslager mit dem jungen Mann, der zu DDR-Zeiten erstmals die sibirischen Wälder erforschte, und dem heute über 80jährigen Erich vereinbaren kann. Warum der Roman außerdem in Berlin spielen muss, obwohl nichts Charakteristisches auf den Ort hindeutet, ist ebenfalls unklar. Letztlich bleibt die Geschichte auf die beiden Hauptfiguren Erich und Katharina beschränkt.

Was mich beim Lesen am meisten gestört hat, war, dass alles ausbuchstabiert und teilweise mehrmals wiederholt wird, um sicher zu gehen, dass die Leserin auch jede Anspielung und jedes Symbol verstanden hat. Selbst der als Alliteration gut gewählte Titel wird mehrmals erklärt durch einen abgedruckten Lexikonbeitrag und anschließend noch einmal in eigenen Worten von Katharina:

Ein Stamm, der im schmelzenden Permafrostboden an Halt verlor, kippte im tauenden Matsch, weil seine Wurzeln, den festen Permafrostboden gewohnt, keinen Halt mehr fanden. Ganze Wälder konnten so in Schieflage geraten. Besonders wirre Gruppierungen entstanden, wenn Bäume in einem jungen Wachstumsstadium ins Wanken gerieten. Dann versuchte der Baum, das Defizit, also den Schiefstand, durch seinen Wuchs auszugleichen. Kippte der Baum erneut, steuerte er wiederum gegen, so dass der massive Stamm sich schlängelte wie eine rankende Balkonpflanze.

Sie sei kein Fan von Heiterkeit, hat Ada Dorian einmal gesagt. Das merkt man ihrem Debüt auch an. Schwere und Melancholie bestimmen ihren Text.

Nur die Gedanken, die mich über ein oder zwei Jahre begleiten, immer wieder hochkommen, mich drängen, schaffen es in einen Text. Erst dann setze ich mich hin und schreibe sie auf.”

Vielleicht liegt in dieser Arbeitsweise genau das Problem. Alles wirkt so überfrachtet und im Kopf immer wieder hin- und hergedreht, dass der fertige Text nur starr, unspontan und wenig inspiriert wirkt. In einem Debüt sollten etwas mehr Lockerheit, mehr Mut unbedingt noch erlaubt sein.

Erster Satz: „In der Ferne lagen die Berge wie unter einer weichen Bettdecke.“
Wort des BuchesPermafrostboden
Hat mich erinnert an: „Traurige Freiheit“ von Friederike Gösweiner, „Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina


Ada Dorian, Betrunkene Bäume, Ullstein Verlag, 272 Seiten.

von

Für Pink beginnt ein gutes Buch mit seinem Cover. Dieser Blick für das Zusammenspiel von Bild und Text ist wohl ihrem Kunstgeschichtsstudium geschuldet, das sie u.a. nach Florenz führte. Von dort brachte sie nicht nur eine originale Mokkakanne mit, sondern auch den Entschluss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dafür zog sie mit dutzenden untragbar schweren Bücherkartons nach Hamburg und arbeitet dort seither als Buchhändlerin. Warum sie seitdem eine Vorliebe für Bücher aus dem osteuropäischen Raum entwickelt hat, bleibt ihr bisher ein Rätsel.

Kommentar (1)

  1. Pinkback: Wir stellen vor: Die nominierten Autorinnen für den Bachmannpreis 2017 | pinkmitglitzer

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